Lev Katsman ballt die Faust. Das Talent des TTC OE darf bald in der 1. Bundesliga spielen.	Foto: Rhode
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Lev Katsman ballt die Faust. Das russische Talent darf bald für den TTC OE Bad Homburg in der 1. Bundesliga spielen.

Tischtennis

Feuer frei für die 1. Bundesliga: TTC OE Bad Homburg erhält die Lizenz

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Die monatelangen Mühen haben sich gelohnt. Bis zuletzt hatten die Verantwortlichen des Zweitligameisters aus dem Hochtaunus um ihre Erstliga-Premiere gebangt.

Die Reaktion von Sven Rehde gestern Nachmittag gegen 15 Uhr sagt eigentlich alles aus. Rehde saß als Geschäftsführer eines Optikerbetriebs an seinem Arbeitsplatz, als er die langersehnte Nachricht der Tischtennis-Bundesliga per E-Mail erhielt. In ihr war der größte Erfolg in der 33-jährigen Geschichte des TTC OE Bad Homburg verpackt. Denn der Verein, mit seiner Profimannschaft als Zweitligameister sportlich erstmals qualifiziert, erhält die Lizenz für die Teilnahme an der Erstliga-Saison 2020/21. Er hat die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Beletage erfüllt.

Sven Rehde hätte jetzt außer sich vor Freude sein können, war das Ehrenamt eines Sportlichen Leiters beim TTC OE für ihn doch in den vergangenen Monaten vom Zeitaufwand her gleichbedeutend mit einem zweiten Beruf. Seit einigen Jahren hatte der familiär geführte Einsparten-Club, den sein Vater mitgegründet hat, den Bundesliga-Aufstieg als hehres Ziel verfolgt. Und jetzt hat es tatsächlich geklappt. Doch Rehde kauerte in seinem Schreibtischstuhl.

"Da fällst du erstmal in dich zusammen", sagte der 44-Jährige wenig später der Taunus Zeitung. Er klang dabei recht gefasst. Und weiter: "Die Anspannung ist so groß gewesen. Ich bin total erleichtert, sicher, aber es geht ja schon wieder weiter. In viereinhalb Wochen beginnt die Saison."

Der Premieren-Gegner wird in der Wingert-Sporthalle am 6. September (15 Uhr) der TTC Neu-Ulm sein. Noch in der Vorrunde der Zwölfer-Staffel schlägt Timo Boll mit Borussia Düsseldorf in Ober-Erlenbach auf.

Die Macher beim TTC OE, von links: Bernd Röschenthaler (2. UG-Geschäftsführer TTC OE Bad Homburg), Sven Rehde (Sportlicher Leiter), Mirko Kupfer (1. UG-Geschäftsführer).

Der Kartenvorverkauf startet bald

Mit dem Kartenvorverkauf möchte der Aufsteiger möglichst in dieser Woche schon starten. Nach derzeitigen Corona-Vorschriften dürfen nur 250 Personen in die Halle. Tickets möchte der TTC OE personalisiert herausgeben.

"Was lange währt, wird endlich gut", kommentierte Mirko Kupfer die freudige Nachricht. Der 45-Jährige legte gestern auf dem Fahrradausflug mit seiner Tochter eine kurze Pause ein und hörte sich leicht euphorisch an. Was bei dem Mann wiederum keine Seltenheit ist. Wie übrigens auch bei Bernd Röschenthaler, 66, nicht, der wie Kupfer von der Unternehmergesellschaft für den Spielbetrieb der Profimannschaft als Geschäftsführer eingesetzt ist.

Diese durchweg positive Typen haben geschafft, was Ende Februar kaum für möglich gehalten worden war. Der TTC OE hatte sich zwar erstmals für die Bundesligalizenz beworben, war aber gleichzeitig in die Offensive gegangen. Der Etat müsse mehr als verdoppelt werden, und wenn dies nicht gelänge, würde man wahrscheinlich gar kein Profi-Team mehr melden, hieß es.

Fünf Monate später haben die TTBL und die von ihr beauftragten Wirtschaftsprüfer dem Budgetplan der Tischtennis-Enthusiasten aus dem Taunus ohne Auflagen zugestimmt. Nach mehrfacher Fristverlängerung und einigen Nachbesserungen. "Wir haben letzte Woche nochmals zusammengesessen und an Kostenschrauben gedreht, zudem ist ein weiterer Sponsor eingestiegen", erzählte Rehde. "Vor allem aber haben unsere bisherigen Unterstützer noch eine Schippe draufgelegt", lobte Kupfer. Auf 185 000 Euro beziffert Rehde den Etat (bisher rund 80 000 Euro).

Vor allem für das Personal benötigt der TTC OE viel mehr Geld, um mithalten zu können. "Wir wollen keine Eintagsfliege sein", betonte Rehde. Um vor den beiden Abstiegsplätzen zu landen, wurde mit dem Brasilianer Gustavo Tsuboi (35) ein Top-50-Spieler der Weltrangliste verpflichtet. Er soll die junge Mannschaft mit "enormem Entwicklungspotenzial" (Rehde) führen, der Rares Sipos, Lev Katsman (beide 19), Neuzugang Maksim Grebnev (18) und Nils Hohmeier (22) angehören.

Zum ersten Mal sollen sich die Spieler am 21. August zu einem Vorbereitungslehrgang in Ober-Erlenbach einfinden. Wenn Corona nicht dazwischenkommt. Tsuboi hält sich zum Training in Portugal auf, die Russen Katsman und Grebnev dürfen als Berufssportler ausreisen - Stand jetzt. Es sieht danach aus, als ob der TTC OE Bad Homburg in der 1. Bundesliga auch sportlich alles in die Waagschale werfen kann.

Der verdiente Lohn - ein Kommentar von Thorsten Remsperger

Den 6. September sollten sich sportbegeisterte Menschen der Region dick im Kalender eintragen: Dann steigt um 15 Uhr in der Ober-Erlenbacher Wingert-Sporthalle mit dem Spiel zwischen dem TTC OE Bad Homburg und dem TTC Neu-Ulm der Saisonauftakt in der 1. Bundesliga.

TZ-Sportchef Thorsten Remsperger

Zwei Tischtennis-Welten prallen bei dieser Premiere im Hochtaunus aufeinander: Auf der einen Seite die Schwaben, die 2019 dank des finanziellen Engagements ihres Präsidenten Florian Ebner nur ein halbes Jahr nach Vereinsgründung Erstligist werden durften. Auf der anderen Seite die Ober-Erlenbacher, die zwar seit Jahren das Ziel 1. Liga ausgegeben haben, aber nur durch das Engagement unermüdlicher ehrenamtlicher Helfer diesen Traum bald verwirklichen können. Und auch wenn sie lange gezögert haben: Die TTBL-Verantwortlichen tun gut daran, dem TTC OE diese große Chance zu ermöglichen. Denn viel beschwerlicher als im Frühjahr/Sommer 2020 hätte der Weg für den souveränen Zweitliga-Meister nicht sein können, auch die finanziellen Rahmenbedingungen für einen Aufstieg zu erfüllen.

Zur gewohnten Zurückhaltung potenzieller Geldgeber der Region im Sportsponsoring (erst kommt Eintracht Frankfurt, dann lange nichts) kam der Bad Homburger Coup, das WTA-Turnier vor Wimbledon in die Kurstadt zu holen, bei der Sponsorensuche erschwerend hinzu. Und dann begann auch noch die Coronakrise mit all ihren Auswirkungen.

Dennoch hat das Management des TTC OE einen Saisonetat von 185 000 Euro gebastelt. Chapeau! Bleibt zu hoffen, dass in Corona-Zeiten auch viele Tischtennis-Fans in den Genuss der Spiele kommen können.

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