+
Mit acht Punkten auf Rang sieben der Abschlusstabelle: Susanne Knauer, Stefanie Vogl, Claudia Tschek, Hildegard Bertsch und Renate Habich (von links) vom TTV Burgholzhausen/Köppern.

Tischtennis

Was ein Frauen-Team in einer Männer-Liga erlebt

  • schließen

Eine Frauenmannschaft in der 3. Kreisklasse der Männer. Die Tischtennis-Spielordnung macht es möglich. Wir waren beim Rundenfinale und erzählen, wie die Damen des TTV Burgholzhausen/Köppern sich geschlagen und wie sie ihre Premierensaison erlebt haben.

Für Claudia Tschek und Stefanie Vogl gehört es zur Normalität, in ihrem Sport fast ausschließlich gegen Männer anzutreten. Die Spielerinnen des TTV Burgholzhausen/Köppern haben sich so sehr daran gewöhnt, dass sie ad hoc gar nicht mehr wissen, wie es überhaupt so weit gekommen ist: Zu der Premiere, die im Tischtenniskreis Hochtaunus ihresgleichen sucht und in anderen Sportarten illusorisch klingt. Eine Frauenmannschaft nimmt am Spielbetrieb für Männermannschaften teil.

Der Kampf der Geschlechter findet an jenem Montagabend zum 16. und letzten Mal in dieser Saison statt. Das Rundenfinale der 3. Kreisklasse für Vierer-Mannschaften bestreiten die TTV-Damen gegen den TTC Eschbach IV. Und während die Gegenspieler gegen 20 Uhr langsam in der Köpperner Grundschulsporthalle eintrudeln, ihre Mitspielerinnen Hildegard Bertsch und Renate Habich beim Einspielen die ersten Schweißperlen auf der Stirn haben, kramen Claudia Tschek und Stefanie Vogl in ihrem Gedächtnis.

Auf der Jahreshauptversammlung des Vereins, der sich vor elf Jahren aus den Abteilungen des TV Burgholzhausen und der TSG Köppern gründete, habe man es erstmals angesprochen, erzählt dann Claudia Tschek, die Nummer eins des Teams, und Stefanie Vogl nickt lächelnd. Mitspielerin Susanne Knauer sei beim Studieren der neuen Wettspielordnung auf den Passus gestoßen. Nicht nur einzelne Spielerinnen dürfen in Männerteams mitwirken, das ist schon länger so – auch ganze Mannschaften in den jeweiligen Ligen.

Lange überlegt haben die Spielerinnen dann nicht wirklich. Denn was ihnen schon seit Jahren ein Dorn im Auge war: Weil sie auf der untersten Leistungsebene die letzte verbliebene Frauenmannschaft im Hochtaunus sind, wurden sie stets in den Spielbetrieb des Nachbarkreises eingegliedert, in dem auch Teams aus Wiesbaden und dem Rheingau aufschlagen. Außer dem Anfahrtsweg wirkte sich auch der Feierabendverkehr nicht gerade positiv auf die Motivation der Damen aus, zumal in der Kreisklasse die Spiele ausnahmslos unter der Woche über die Bühne gehen.

„Okay, man muss das auch wollen, gegen Männer zu spielen“, räumt Stefanie Vogl ein, aber lieber gegen Oberursel, Kronberg und Eschbach als gegen Schlangenbad, Biebrich und Oberjosbach anzutreten, spielte für den Entschluss der TTV-Damen eine größere Rolle als etwa die Suche nach einer besonderen Herausforderung. Der Vereinsvorstand fand die Idee gut, der Kreisverband befürwortete den Antrag. Und so kam es, dass die TTV-Damen im September der 6. Herrenmannschaft des TV Weißkirchen gegenüberstanden, um einen Sieger zu ermitteln.

„Ladies first“, habe ihr erster Gegner gesagt und ihr sogleich die erste Angabe überlassen, erinnert sich Stefanie Vogl. Wie die erste Partie in der Männer-Liga endete – 8:2 für den Gegner – weiß sie genauso wenig mehr wie den Zeitpunkt des ersten Triumphes (das war am 19. Februar das 7:3 gegen den TV Stierstadt VI). „Wir gewinnen dezent und wir verlieren dezent. Vor allem haben wir Spaß“, sagt Stefanie Vogl, ehe sie mit Doppelpartnerin Tschek an die Platte schreitet.

An diesem Abend freilich sieht es frühzeitig nach dem dritten Saisonsieg für das vermeintlich „schwache Geschlecht“ aus. Diese Mär wird schon in den beiden Doppeln entlarvt, die Burgholzhausen/Köppern in drei und in fünf Sätzen gewinnt. Matthias Thomi vom TTC Eschbach IV wirkt trotzdem emotional recht ausgeglichen, als er auf seinen ersten Einsatz im Einzel wartet. „Es ist schon ein bisschen etwas anderes, gegen Frauen zu spielen“, das wolle er gar nicht leugnen. Geschont würden die Gegnerinnen aber keineswegs, ganz im Gegenteil. „Die sind ja besser als wir“, gibt Thomi zu.

Warum es an diesem Abend nach dem Eschbacher 10:0-Kantersieg im Hinspiel andersherum läuft, liegt kurioserweise auch an einer Spielerin, die sonst das rot-schwarze Trikot der Mannschaft aus dem Usinger Stadtteil trägt. Mit Alexandra Simon spielt sonst eine Frau an eins. Heute ist sie verhindert. Derweil schicken sich die TTV-Damen an, nicht nur zu gewinnen, sondern damit auch den Gegner in der Abschlusstabelle noch zu überholen und damit zwei Männermannschaften hinter sich zu lassen. Es ist das spannendste der zehn Spiele des Abends, in dem Renate Habich den Vorsprung entscheidend auf 6:0 ausbaut – nach mitreißenden Ballwechseln und einem 1:2-Satzrückstand gegen Bastian Moeller, einen jungen Mann, der ihr Enkel sein könnte. Renate Habich ist mit 73 Jahren die Älteste in der TTV-Mannschaft und kommt mit ihren Reaktionen an der Tischtennisplatte wie eine junge Frau rüber.

„Es geht ja in der 3. Kreisliga um nichts“, spielt es die routinierte Spielerin mit einem verschmitzten Lächeln runter. Da könne man ja auch gegen Männer antreten. Das Doofe sei nur, dass man sich manchmal die Freude über einen Sieg verkneifen müsse, ergänzt ihre Doppelpartnerin Hildegard Bertsch. Manche Männer täten sich mit dem Verlieren schwer. Das kenne sie aus dem Tennis nicht, wo es auch öfters gegen Herren gehe.

Derweil rätselt Thomas Schawaller, die Nummer eins der Gäste, was der Grund der Frauendominanz sein könnte. Die Tische seien blau und nicht wie gewohnt grün. Der Boden viel heller als in eigener Halle. Und die Bälle von einem anderen Hersteller. Danach muss er laut lachen. Er möchte gewinnen, ist in seinen Spielen fokussiert, das sieht man ihm an. Aber er trägt es mit Fassung, wenn jemand besser als er spielt, unabhängig vom Geschlecht.

Claudia Tschek, die an jenem Abend in ihren drei Spielen einen einzigen Satz verliert, gewinnt dem Wagnis der TTV-Damen rückblickend nur Positives ab. Männer spielten offensiver, durchaus auch fairer, und man erfahre mehr Wertschätzung, fasst sie ihre Eindrücke zusammen. Gerne erinnere sie sich an das Auswärtsspiel in Oberursel, das zwar 3:7 verloren wurde, ihr aber wegen der rasanten Ballwechsel im Gedächtnis geblieben sei. „Nebenan haben sie mit dem Training aufgehört und uns zugeschaut“, erzählt Claudia Tschek mit Begeisterung, die ihrem Papa Horst, einem begnadeten Tischtennisspieler, nach längerer Pause wieder nacheifert.

Frauenmannschaften arbeiten mehr mit Psycho-Tricks, vergleicht Stefanie Vogl. Die Aufgabe würde verzögert oder ein Timeout genommen, um die Gegnerin aus dem Rhythmus zu bringen. In Hochheim habe eine Mannschaft im Rentenalter vor dem Spiel noch erzählt, dass sie es körperlich kaum mehr hinbekämen, neulich sogar eine Spielerin vom Arzt abgeholt worden sei – um dann an der Platte groß aufzudrehen. Solche Finten haben die TTV-Damen in der Männer-Runde nicht erlebt. Sie freuten sich, von der gegnerischen Mannschaft nach Spielschluss ein gemeinsames Training angeboten zu bekommen. Oder über den Vorschlag, noch ein „Feierabendbier“ unter Sportlern zu trinken. „Leider wird es immer so spät, weil nach Braunschweiger System alle zehn Spiele gespielt werden, und morgens klingelt der Wecker“, erläutert Claudia Tschek, weshalb die Damen ablehnten.

Auch an diesem Abend geht der letzte Ballwechsel erst um 22.15 Uhr über den Tisch. Matthias Thomi erhält für den zweiten Eschbacher Sieg des Abends Applaus seiner Teamkameraden, aber auch aus der Ecke der TTV-Spielerinnen. Fairplay zwischen Mann und Frau. Die Siegerinnen des Abends hätten nichts gegen eine Wiederholung in der nächsten Saison.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare