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Ein Fan von Alemannia Aachen kam im Jahr 2004 als Geist ins Stadion, weil er gegen die Strafe für seinen Verein, ein Spiel ohne Zuschauer ausrichten zu müssen, protestieren wollte. Von einem kompletten Geisterspieltag ahnte er damals noch nichts.

Fußball, Umfrage

Was Fußballer im Taunus von Geisterspielen halten

Von "total interessant" bis "kein Interesse": Die Reaktionen unter Amateurfußballern, Trainern und Managern im Hochtaunus zum Neustart der Bundesliga driften weit auseinander.

Hochtaunus -Was hatte er sich schon auf das Spiel gefreut. Wie ein kleines Kind. Vor Monaten hatte Francesco Marinoüber seine guten Kontakte, die man als glühender Anhänger von Borussia Dortmund nun einmal hat, Tickets für das Revierderby ergattert. Wenn Corona nicht gewesen wäre, erzählt der BVB-Fan, der selbst für den FSV Friedrichsdorf in der Gruppenliga spielt, hätte es tagelang bei ihm gekribbelt. Jedes Interview hätte er dann aufgesaugt, bis er im früheren Westfalenstadion im Fanblock seine Borussen versucht hätte, zum Sieg über den Erzrivalen Schalke 04 zu schreien. Und nun? "Ich habe mich mit zwei Kumpels getroffen, und fünf Minuten vorher haben wir den Fernseher dann mal angemacht."

Geisterspiele ohne Fans, für "Franco" Marino eine gewöhnungsbedürftige Sache. "Wenn es den Zweck erfüllt, dass die Clubs finanziell abgesichert sind, okay", sagt der Siebtliga-Stürmer, "aber auf Dauer ist das nix". Sonst verstehe man im Stadion sein eigenes Wort nicht, jetzt am TV-Gerät aber jeden Zuruf der Spieler. Bei den vier Toren seines BVB hat er sich selbstverständlich trotzdem gefreut. Fast wie ein kleines Kind.

Als ehemaliger Fußball-Profi weiß Enis Dzihic, wie viel die Live-Atmosphäre bei einem Fußballspiel ausmacht. Und auch als Zuschauer genießt der Trainer der DJK Bad Homburg gemeinsam mit seinem Sohnemann Davide Abstecher in die Commerzbank-Arena. "Gerade bei Spielen von Eintracht Frankfurt ist die Stimmung immer wieder überwältigend", sagt er.

Am Wochenende blieb diese Atmosphäre aus. Die Bundesliga nahm den Spielbetrieb zwar wieder auf, doch die Tribünen in den modernen Fußballtempeln der Bundesrepublik blieben leer. Für einen Fachmann wie Dzihic hatte das aber auch einen Vorteil. "Es war für mich als Trainer total interessant, am Fernseher mal genau zuzuhören, was da für Ansagen auf dem Platz gegeben werden", erklärt er.

Dass die Profis jetzt wieder spielen dürfen, die Amateure aber nur unter strengen Auflagen trainieren können, nimmt er mit gemischten Gefühlen auf. "Natürlich wird da mit zweierlei Maß gemessen", sagt Dzihic, "wenn wir Amateure die gleichen Möglichkeiten für Corona-Tests hätten, dann dürften wir wohl auch wieder anfangen. Die haben wir aber nicht, weil das Geld fehlt. Aber die Bundesliga ist für viele Menschen nach langen Wochen voller Einschränkungen eben auch eine gern gesehene Ablenkung."

Auch Michael Casparisteht der Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs positiv gegenüber. Der langjährige Macher des FC Neu-Anspach und Fan des FC Bayern München gab sich am Sonntag die ,volle Ladung' Fußball. "Vom 1.FC Köln in der 2. Liga bis zu meinen Bayern hab' ich mir fast alles reingezogen - und es war direkt wieder Zug drin", berichtet er. Auch er achtete auf die gut zu vernehmenden Ansagen der Profi-Kicker und stellte fest, dass die Elite auch nur mit Wasser kocht. "Da hast du ,Hintermann' und ähnliches gehört, wie bei uns in der Gruppenliga auch", bemerkte er schmunzelnd.

Was das Verbot für Zuschauer im Stadion anbelangt, hat er eine klare Meinung. "Mir spendet auf der Arbeit auch niemand Beifall, und man muss ganz klar sehen, dass es nun mal der Job der Profis ist, Fußball zu spielen", betont Caspari, "das geht zur Not auch ohne Beifall der Zuschauer."

Besonders lobend ist ihm aufgefallen, dass die Partien am Wochenende ohne die brodelnde Stimmung im Stadion eine ganze Spur fairer ausgetragen wurden. "Zudem haben sich auch die Fans entgegen der vielen kritischen Voraussagen vorbildlich verhalten und die Spiele friedlich aus der Ferne verfolgt", resümiert Caspari.

Damit dürfte sich auch Marc Reichertangesprochen fühlen. Der Kapitän des FSV Friedrichsdorf ist Dauerkartenbesitzer der Frankfurter Eintracht und so oft es geht im Rund. Am Samstag schaute er sich die Begegnung gegen Borussia Mönchengladbach per Pay-per-View von zu Hause aus an - und war froh, dass er nach ein paar Minuten die optionale Toneinstellung entdeckte.

"Man konnte einen Kanal mit Geräuschkulisse einstellen", verrät er, "wenn man dann nicht auf die Tribünen geschaut hat, konnte man das Geisterspiel zumindest ab und zu vergessen. Ohne Ton war es allerdings furchtbar." Einen Restart der Liga hätte er persönlich nicht gebraucht, da die "Luft raus" sei, doch Reichert versteht, dass die Profis Verträge haben, die erfüllt werden müssen. "Auch wenn die Herrschaften sicherlich aus finanzieller Sicht ein halbes Jahr ohne Fußball ausgehalten hätten", ergänzt er augenzwinkernd.

Dass die Saison der Amateure abgebrochen wurde, ist für ihn der richtige Schritt. Die Gesundheit ginge vor, und nicht nur die Ansteckungsgefahr durch Covid-19 spiele da eine Rolle.

"Die Pause war jetzt schon zu lang, es hätte keinen Sinn gehabt, mit unfitten Spielern wieder anzufangen, die sich dann womöglich noch ernsthaft verletzen", meint der Defensivspieler, "ich hoffe jetzt einfach auf einen ,normalen' Start in die neue Spielzeit."

Maurice Privatkann als im positiven Sinne "fußballverrückt" bezeichnet werden, andernfalls wäre er wohl kaum der dienstälteste Trainer im Kreis, was den ununterbrochenen Dienst für ein und diesselbe Mannschaft angeht. Seit 15 Jahren coacht er die Frauen des 1. FFV Oberursel - und wenn er am Samstag mal nicht selbst auf dem Sportplatz steht, dann schaut oder hört Privat sich die Bundesliga-Konferenz an, bei der er vor allem seiner Frankfurter Eintracht die Daumen drückt. Doch am vergangenen Wochenende zog es der Fußballtrainer vor, mit seiner Familie einen Fahrradausflug zu unternehmen.

Er könne es schon nachvollziehen, dass die Bundesliga wieder spielen dürfe. In anderen Brachen werde die Arbeit ja auch wieder ausgeübt. Zudem funktioniere das Prinzip "Brot und Spiele", für viele Menschen sei Fußball jetzt eine willkommene Abwechslung. Aber ohne Zuschauer im Stadion? Nein, da gebe es einige Dinge, die wichtiger seien.

Abends schaute er sich aber wenigstens die Ergebnisse an. 1:3 hat die Eintracht gegen Gladbach verloren. "Bei Spielern, die für Clubs mit guter Fankultur auflaufen, setze die Atmosphäre mehr Adrenalin und zusätzliche Kräfte frei, ist Maurice Privat überzeugt. Für die Eintracht seien Geisterspiele deshalb eher ein Nachteil - und für eingefleischte Fans auf Stadionentzug auch.

ROBIN KUNZE, THORSTEN REMSPERGER

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