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Hannah Hartlieb: Vize-Europameisterin läuft unter dem Radar

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Von: Thorsten Remsperger

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In Ironman-Rennen kann es einsam werden. Hannah Hartlieb 2021 in Frankfurt vor der EZB.
In Ironman-Rennen kann es einsam werden. Hannah Hartlieb 2021 in Frankfurt vor der EZB. © privat

Am Sonntag möchte Hannah Hartlieb aus Oberursel am liebsten ihren zweiten Altersklassen-Platz bei der Ironman-EM in Frankfurt verteidigen. Ihre Erfolgsgeschichte erzählt von großer Widerstandskraft und einem kostspieligem Hobby.

Oberursel -Als Hannah Hartlieb im August des vergangenen Jahres ihre Trophäe im Römer abholte, da war sie stolz und zufrieden über ihre Leistung. Sie hat sich aber auch ein wenig amüsiert. Ein großes M erhalten die topplatzierten Triathleten nach ihrer herausragenden Leistung über 3,8 Kilometer Schwimmen; 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen. Das M ist das Zeichen des Ironmans, einer weltweit vertriebenen Marke zweier US-Unternehmen aus dem Medien- und Investmentbereich, und das M besteht schlicht aus Hartplastik.

Nun zählt Hannah Hartlieb keineswegs zu den Ausdauerdreikämpferinnen, die aufgrund ihres Könnens zur Arroganz tendieren. Die 26 Jahre alte Oberurselerin fühlt sich immer noch als Underdog, nachdem sie als Age-Grouper zu ihrer eigenen Überraschung in Frankfurt die Vize-Europameisterschaft in der Altersklasse 25 bis 29 Jahre gewonnen und sich für die Weltmeisterschaften auf Hawaii qualifiziert hat. Ihr Amüsement basiert auf dem riesigen Unterschied zwischen dem, was Triathleten leisten und was sie dafür erhalten. Oder besser: Was sie dafür noch mitbringen müssen. Diese Diskrepanz ist wahrscheinlich in keiner Sportart größer als im Triathlon.

Sponsor übernimmt Startgebühr

Bei der nächsten Auflage des Ironmans in Frankfurt am Sonntag, der um 6.25 Uhr am Langener Waldsee beginnt, startet Hannah Hartlieb nur, weil sie einen Sponsor gefunden hat, der die mehr als 600 Euro betragende Startgebühr übernommen hat. Die WM-Teilnahme am 6. Oktober auf Hawaii ist dann noch mal eine ganz andere Nummer.

Als die dänische Altersklassen-Europameisterin Frederikke Gram im Vorjahr, sicher auch wegen der unsicheren Corona-Lage, auf ihr WM-Ticket verzichtete, sagte Hartlieb (ihre Zeit: 11:08,40 Stunden) als Nachrücker nur zu, weil ein Sponsor die Startgebühr von 1000 US-Dollar abdeckte. Das Rennen wurde um ein Jahr verschoben.

Ein Jahr, in dem die BWL-Studentin fieberhaft trainiert, aber auch fieberhaft auf der Suche nach weiteren Geldgebern ist. Denn der Aufenthalt auf dem Pazifik-Eiland, den sie mit einer kleinen Reise verbindet, wird sie aufgrund überteuerter Flug- und Hotelpreise zwischen 6000 und 8000 Euro kosten.

Nur einmal kurz in den Raum gestellt: Ein Fußballer bezahlt 6000 bis 8000 Euro, damit er bei der Weltmeisterschaft in Katar spielen kann. Eine Utopie.

"Ich versuche das mit regionalen Sponsoren abzudecken", sagt Hartlieb selbstbewusst. Sie ist ein kluger und sehr ehrgeiziger Kopf. Mit ihrer natürlichen Ausstrahlung eigentlich für Firmen ein prädestiniertes Werbegesicht. Nur kennt sie kaum einer und fahren Unternehmen selten auf Individualsportler ab, wie sie selbst bei der Kalt-Akquise schon feststellen musste. Wenn sich ein Sponsor für sie entscheidet, wie eine Personal-Leasing-Firma für Kliniken oder ein IT-Dienstleister, gibt die Oberurselerin viel zurück. Sie hält für die Mitarbeiter Vorträge über Motivation, organisiert einen Lauftag. "Einfach machen, dranbleiben, den Sport in die Tagesroutine einbauen", rät sie dann den Anfängern.

Multitasking auf der Tagesordnung

Sie selbst fährt damit am besten, wenn sie gleich morgens eine ihrer beiden täglichen Trainingseinheiten absolviert hat. Mit dem Rad oder zu Fuß ist sie gerne im Taunus oder in der Wetterau unterwegs. Das will erst einmal mit ihren anderen Tätigkeiten koordiniert sein. Sie schreibt an ihrer Masterarbeit über Großanlagenbau, in einem Fitnesscenter verdient sie sich als Schwimm- und Lauftrainerin etwas dazu, ehrenamtlich bringt sie Kindern beim SC Oberursel Schwimmen bei.

Dort hatte Hannah Hartlieb auch als Zehnjährige ihre Sportlaufbahn begonnen, nachdem sie ganz fasziniert ihrem Vater Hubertus dabei zugesehen hatte, wie er sich als Nicht-Sportler bis zu einer Ironman-Teilnahme in Frankfurt gequält hatte. Erst einmal galt es aber, im Wasser den Seepferdchen-Status zu übertreffen. Der SCO und zwischendurch, als das Taunabad geschlossen hatte, der Bad Homburger SC, halfen ihr. Wieder angefixt von ihrem Papa, der wie Mama Annette voll hinter den Hobbys seiner Kinder steht - Tochter Clara (22) spielt Hockey, Sohn Jacob (25) Tennis - absolvierte Hannah Hartlieb als Abiturientin dann ihren ersten Marathon in Frankfurt - und kam hinter ihrem Vater ins Ziel. Was sie ungemein fuchste.

Bewusstlos auf der Strecke

Ihre Eltern haben dann vor drei Jahren die Luft angehalten, als sie ihre älteste Tochter nach deren erstem Ironman in Frankfurt kurz vor Mitternacht im Sanitätszelt abholten. In der Gluthitze sei sie auf der Laufstrecke bewusstlos gewesen, habe aber gefinisht, erzählt Hannah Hartlieb ziemlich unaufgeregt, aber mitleidsvoll. Ihren Eltern habe sie ja damit einen großen Schrecken eingejagt.

Inzwischen hat sie mit ihrem Trainer Sascha Krücke an der Ausdauer gefeilt, in diesem Jahr zum Beispiel schon 5000 Radkilometer zurückgelegt. Der Weißkirchener kann als Koryphäe auf seinem Gebiet bezeichnet werden, absolvierte er in den 90er-Jahren doch gleich mehrere Male den Ironman auf Hawaii, der als schwerstes Rennen gilt.

Auf die Weltmeisterschaften scheint sich Hannah Hartlieb also bestens vorzubereiten, jetzt geht's aber erst mal nach Frankfurt. Sie liebe es, erzählt die Vize-Europameisterin, wenn am Sonntagabend um kurz vor 22 Uhr auf dem Römerberg die Wunderkerzen angezündet würden und die Finisher gemeinsam mit den anderen Zusehern die letzten ins Ziel kommenden Läufer feiern.

"Das ist eine ganz besondere Stimmung, richtig schön", sagt Hannah Hartlieb. Und so viel bedeutender als eine Trophäe aus Hartplastik.

Hannah Hartlieb beim Interview-Termin auf der Bad Homburger Louisenstraße.
Hannah Hartlieb beim Interview-Termin auf der Bad Homburger Louisenstraße. © Thorsten Remsperger
Die Triathletin aus Oberursel trainiert mit dem Rad gerne im Taunus.
Die Triathletin aus Oberursel trainiert mit dem Rad gerne im Taunus. © privat

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