+
Der fast blinde Extremsportler Harald Lange beim Training im Taunus.

Ultra-Lauf Spartathlon

Harald Lange läuft die 246 Kilometer von Athen nach Sparta

Langweilige Stadtautobahnen, romantische Küstenstraßen, unwegsame Bergpässe – die Streckenführung des Spartathlons verlangt den Läufern körperlich und psychisch alles ab. Wer nach anderthalbtägigen Strapazen den Fuß einer Statue berührt, gehört zu den härtesten Ultraläufern der Welt. Ein fast blinder Bad Homburger will das auch schaffen.

Harald „Harry“ Lange sehnt den 27. September herbei. Um 7 Uhr wird er dann an der Akropolis in Athen an der Startlinie stehen, vor sich eine 246 Kilometer lange Laufstrecke bis nach Sparta. Spätestens um 19 Uhr des Folgetages muss er dort sein, dann schließt das Ziel an der Statue des Königs Leonidas. Der Spartathlon ist der schwerste und längste Nonstop-Lauf der Welt.

Im vergangenen Jahr hätte es Harald Lange fast geschafft – nach 220 Kilometern musste er jedoch aufgeben, entkräftet und unterkühlt nach zwei Unwettern mit Sturm und sintflutartigen Regenfällen. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass der Bad Homburger bei einem Ultralauf das Ziel nicht erreichte.

Seit diesem Tag drehen sich seine Gedanken um das diesjährige Rennen. Denn er will es unbedingt schaffen: „In meinem Kopf sehe ich immer wieder die letzte Gerade auf dem Weg zur Statue vor mir.“ Akribisch bereitet er sich vor, trainiert, informiert sich, plant. „In diesem Jahr werde ich mich noch besser organisieren“, erklärt der 39-Jährige entschlossen und holt seine persönliche Marschtabelle auf den Bildschirm des Laptops: Die Strecke ist in sechs Sektionen eingeteilt, es gibt 75 Checkpoints, zugleich Verpflegungsstationen, die zu einer bestimmten Zwischenzeit erreicht sein müssen. Zehn davon will er nutzen, um zusätzlich zum Verpflegungsangebot des Ausrichters Nahrung, Getränke, Kleidung und Ausrüstung zu deponieren; das erste Päckchen steht bei 42,2 Kilometern – der Marathondistanz.

Die ersten 80 Kilometer möchte Lange in achteinhalb Stunden abspulen, „dann habe ich etwas Puffer für den Rest“. Der Rucksack mit warmer Kleidung und einer starken Stirnlampe steht bei Kilometer 100, denn in der Nacht geht es auf steilen, unwegsamen Pfaden über den 3000 Meter hohen Sangapass. Auf eine Zielzeit will sich der Ultraläufer nicht festlegen, „es kann so viel unterwegs passieren“, aber grob rechnet er mit „32 oder 33 Stunden“.

Die besten der 400 Läufer sind in weniger als 24 Stunden am Ziel. Für den ehrgeizigen Homburger Extremsportler ist das jedoch kein Maßstab, er wird sein eigenes Rennen bestreiten. Es geht ihm ums Ankommen, darum, den Fuß der König-Leonidas-Statue als Zeichen der Ziellinienüberquerung zu berühren. Zweifelsohne ist dieser Moment für jeden Finisher etwas ganz Besonderes, eine Art Ritterschlag in der Ultralaufszene.

Für Harald Lange gilt das umso mehr. Er ist fast blind.

Dennoch ist der Homburger auf den meisten Ultrastrecken alleine unterwegs, nur manchmal begleitet ihn seine Lebensgefährtin als „Guide“ auf dem Rad. Manchmal übernimmt auch ein anderer Läufer diesen Job. Auch den Spartathlon wird er auf sich alleine gestellt in Angriff nehmen. Nicht einmal ein persönliches Helferteam an der Strecke wird ihn unterstützen.

„Ein bisschen kommt so allmählich schon die Angst hoch, ob ich das alles schaffe“, gibt er ganz offen zu. Aber er sei körperlich fit, bestens vorbereitet. Er sagt: „Den Rucksack packe ich so lange aus und ein, bis jeder Handgriff sitzt, und ich genau weiß, was wo verstaut ist.“ Hochmotiviert ist er.

Seine Sehbehinderung hat ihn noch nie davon abgehalten, intensiv Sport zu treiben: Judo, Snowboardfahren, Skaten und neuerdings auch Wellenreiten. Was ihn antreibt? „Zu erleben, was man aus eigener Kraft erreichen kann.“ Auch den sportlichen Wettstreit mit anderen findet er reizvoll. Sei es im Behindertensport, wo er 2018 im Nationaltrikot den Marathon beim World Cup in London lief, oder eben in Wettbewerben mit sehender Konkurrenz.

Im Ultralauf setzt sich Lange, der in Vollzeit bei der Volkshochschule in Frankfurt angestellt ist, jedes Jahr ein großes Ziel. Die Trainingspläne dazu schreibt der zwölfmalige Deutsche Meister und heutige Physiotherapeut sowie Lauftrainer Kurt Stenzel.

120 bis 180 Kilometer spult Lange pro Woche ab, ergänzt durch Schwimmeinheiten, Sprintausdauer-, Kraft- und Stabilitätstraining. 35 Kilometer am Freitag, 36 am Samstag und 40 am Sonntag – ein ganz normales Wochenende. Auch von Montag bis Freitag trainiert er täglich, alle zwei bis drei Wochen gibt es einen Tag Pause.

In den Monaten vor dem Spartathlon bestreitet der für Spiridon Frankfurt startende der Extremsportler aus dem Taunus je ein großes Rennen – alles auch nachzulesen auf seiner topaktuell gepflegten Internetseite: Im Mai der WHEW 100 Kilometer Ultramarathon im Bergischen Land (9:43:20 Stunden), im Juni der 24-Stunden-Lauf in Hanau zugunsten des Vereins Lebenshilfe, den er mit 433 Runden und einem haushohen Vorsprung gewann, im Juli der Thüringer Ultra 100 Kilometer auf dem Rennsteig (11:03:00 Stunden) und im August der 100 Meilen Mauerweglauf in Berlin (20:43:30 Stunden).

„Das waren nur 80 Kilometer weniger als beim Spartathlon – eine optimale Vorbereitung“, schmunzelt der 39-Jährige. Am letzten Freitag im September steht dann endlich der Saisonhöhepunkt an: „Harry“ Lange macht sich zum zweiten Mal auf den Spuren des Boten Pheidippides auf den Weg entlang der Ägäisküste und quer über den Peleponnes. Die 220 Kilometer-Marke, an der er im Vorjahr ausstieg, möchte er zu einem persönlichen Highlight machen: „Ab hier geht es nur noch bergab, man kann Sparta förmlich schon riechen.“

Das ist der Spartathlon

Seit 1983 gibt es den Spartathlon. Er gilt als längster und aufgrund der Topographie (über 3000 Höhenmeter) und der wechselnden Wetterlage als schwierigster Nonstop-Lauf der Welt. Diese historische Strecke soll im Jahr 490 vor Christus ein Bote Namens Pheidippides zurückgelegt haben, um bei Spartas König Hilfe für die durch die Perser bedrohten Athener zu ersuchen. Die 246 Kilometer auf zumeist menschenleerer Strecke müssen in maximal 36 Stunden zurückgelegt werden. Den Rekord hält der Grieche Yiannis Kouros mit der Zeit von 20:25:00 Stunden, bei den Frauen war bislang niemand schneller als die US-Amerikanerin Katalin Nagy mit 25:07:12 Stunden.

KATJA WEINIG

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare