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Fast blinder Athlet aus dem Taunus startet beim härtesten Ultra-Lauf der Welt

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Von: Katja Weinig

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Aller guten Dinge sollen für den Bad Homburger Harald Lange am Samstag vier sein. Welchen Strapazen sich der 42-Jährige beim Spartathlon aussetzt.

Bad Homburg - Morgen fällt um 7 Uhr morgens der Startschuss am Fuße der Akropolis in der griechischen Hauptstadt Athen. In diesem Jahr werden sich 388 Läuferinnen und Läufer auf den Weg machen. Ihr Ziel: das 246 Kilometer entfernte Sparta. Wer innerhalb von 36 Stunden dort ankommt und den Fuß der Statue des Königs Leonidas als Zeichen des Zieldurchlaufs berührt, hat es geschafft.

Den legendären „Spartathlon“ zu finishen, ist eine der größten Auszeichnungen für Ultraläufer. Bereits zum vierten Mal mit dabei ist Harald „Harry“ Lange aus Hessen. Der 42-Jährige hat bereits unzählige Ausdauerläufe erfolgreich ins Ziel gebracht, darunter Marathons, 100-Kilometer-Läufe, 24-Stunden-Läufe und regionale Langstrecken-Wettbewerbe. Der Spartathlon als weltweit längster und schwierigster Nonstoplauf hat ihn jedoch dreimal dermaßen an seine Grenzen gebracht, dass er aufgeben musste: 2018 entkräftet und unterkühlt nach sintflutartigen Regenfällen auf der Strecke, 2019 mit Kreislaufproblemen bei über 30 Grad Lufttemperatur und 2021 nach pandemiebedingt wenig optimaler Vorbereitung mit muskulären und Kreislaufproblemen.

Bad Homburg: „Harry“ Lange läuft rund 180 Kilometer in der Woche

Der Gedanke, es unbedingt einmal zu schaffen, lässt den ehemaligen Bad Homburger, der mittlerweile in Frankfurt lebt, aber weiterhin die Taunus-Heimat als Trainingsrevier nutzt, nicht los. Rund 180 Kilometer legt er rund um Bad Homburg, Oberursel und den Feldberg in einer normalen Trainingswoche zurück, sechsmal pro Woche geht er laufen, ergänzt durch eine Krafteinheit.

Mit voller Ausrüstung im Training: Harald Lange beim Joggen im Taunus.
Mit voller Ausrüstung im Training: Harald Lange beim Joggen im Taunus. © picture alliance / dpa

Auf seinen vierten Anlauf hat er sich wieder akribisch vorbereitet - und anders als in manchem Jahr zuvor, lief es diesmal im Vorfeld nahezu problemlos. Unter anderem führt er dies darauf zurück, dass er weniger Wettkämpfe absolviert hat, um sich weniger hausgemachtem Leistungsdruck auszusetzen. Stattdessen hat er auf „Distanz, Distanz, Distanz“ im Training gesetzt.

Einer der wenigen Vorbereitungswettkämpfe war die DM im 24-Stunden-Lauf im Mai in Bottrop im Trikot seines Vereins Spiridon Frankfurt. 175 Kilometer hat er dort erreicht. Das Resultat und die Trainingsleistungen der letzten Tage stimmen zuversichtlich: „Ich bin aktuell da, wo ich meinen Körper gerne hätte.“

Bad Homburg im Taunus: Extremsportler hat Unterstützung durch prominente Experten

Lediglich einige Sehnen in den Füßen bereiten wenige Tage vor dem Start „etwas Stress“. Physiotherapie soll für Linderung sorgen. Hierbei vertraut er ebenso wie bei der Trainingsplanung seit vielen Jahren auf den ehemaligen Weltklasse-Marathonläufer Kurt Stenzel. In diesem Jahr hat er sich zusätzlich Tipps von einem weiteren Experten geholt, und das ist kein geringerer als Florian Reus, Deutschlands aktuell erfolgreichster Ultraläufer. Der Würzburger ist selbst mehrfach beim Spartathlon gelaufen, wurde 2013 und 2014 Zweiter und trug sich 2015 in neuer deutscher Rekordzeit von 23:17 Stunden als Sieger in die Ergebnislisten ein.

Solche Zeiten sind für den Athleten aus dem Taunus kein Ziel. Es geht darum, anzukommen, denn für Harry Lage sind die Herausforderungen ungleich größer als für die anderen Läuferinnen und Läufer: Er ist von Geburt an nahezu blind.

Die Streckenführung - anfänglich über Stadtautobahnen, später durch einsame ländliche Regionen, nachts auf unwegsamem Gelände über den Sangapass - und immer wieder die Begegnung mit streunenden Hunden sind auch für optimal sehende Läufer eine der härtesten sportlichen Prüfungen überhaupt. Sich dieser Strapaze ohne Guide und Betreuer auf der Strecke auszusetzen, erfordert deutlich mehr als „nur“ herausragende körperliche Fitness.

Ultraläufer Harald Lange bei der DM im 24-Stunden-Lauf mit einer Betreuerin seines Vereins Spiridon Frankfurt.
Ultraläufer Harald Lange bei der DM im 24-Stunden-Lauf mit einer Betreuerin seines Vereins Spiridon Frankfurt. © privat

Ob sehend oder nahezu blind: Auf der 246 Kilometer langen Strecke auf historischen Spuren sind die Spielregeln für alle gleich. So gilt es, unterwegs 75 Checkpoints jeweils rechtzeitig zu erreichen. Wer später als die vorgegebene Zwischenzeit dort ankommt, wird aus dem Rennen genommen.

An zwölf dieser Stationen will Harald Lange seine individuellen Verpflegungsbeutel deponieren, den ersten nach der Marathondistanz, der Checkpoint für die Nacht ist zusätzlich mit Stirnlampe und warmer Kleidung ausgestattet. Die Beutel, in denen sich neben Baby-Apfelmus und typischen Sportlergetränken auch Landjäger und alkoholfreies Bier befinden, standen bereits Tage vor dem Abflug nach Griechenland fertig gepackt in seiner Wohnung - abgesehen von frischen Zutaten und den Eiweißdrinks, die er erst vor Ort zubereitet.

Nach den Erfahrungen der Vorjahre sind es diesmal einige mehr, und sie sind etwas üppiger gefüllt: „Ich schleppe lieber ein paar Kilo mehr mit, denn was man hat, das hat man.“ Lange fürchtet, dass der Kreislauf ihm wieder einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Die Wetterprognose stimmt jedoch zuversichtlich. 27 Grad sind für tagsüber angekündigt, „das wäre ganz okay.“

Ehemaliger Bad Homburg: „Als fast blinder Ultraläufer alleine in Sparta finishen“

Etwas verwundert ist Lange, der beruflich an der Hochschule Darmstadt angestellt ist, über die Startnummern-Vergabe: Er wird die 1 tragen. Natürlich erhöhe das den Druck nochmals, „zum einen zieht es die Blicke an und zum anderen kannst du ja die Eins nicht nicht ins Ziel bringen“, findet er. Die Aufregung steigt von Tag zu Tag, „fast wie vor einer Prüfung“ fühlt er sich.

Gestern ist Harry Lange nach Athen geflogen, der heutige Tag ist für eine kurze Akklimatisierung und die letzten Vorbereitungen vorgesehen, am Freitagmorgen kurz vor Sonnenaufgang geht es los. Wenn diesmal alles klappt, wird am Samstagabend ein Traum wahr: „Als fast blinder Ultraläufer alleine in Sparta zu finishen.“

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