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Harry Wißler beweist: Tischtennis hilft gegen Parkinson

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Von: Simone Dittmar

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Wenn der Mann an der Platte steht, ist er kaum zu bremsen: Harry Wißler (hinten) beim Tischtennis-Training in Ober-Erlenbach mit Übungsleiter Heinz Sommer.
Wenn der Mann an der Platte steht, ist er kaum zu bremsen: Harry Wißler (hinten) beim Tischtennis-Training in Ober-Erlenbach mit Übungsleiter Heinz Sommer. © Heiko Rhode

Mit Sport einer unheilbaren Krankheit trotzen: Harry Wißler hat "PingPongParkinson Deutschland" mitgegründet. Ab Freitag organisiert der Club für ein internationales Starterfeld die German Open in Ober-Erlenbach.

Ober-Erlenbach -Die Redewendung "Den Kopf in den Sand stecken" bedeutet bekanntlich so viel wie vor unangenehmen Tatsachen die Augen verschließen. Dies kann man Harry Wißler aus Ilbenstadt beileibe nicht vorwerfen. Der 55-Jährige, der seit seiner Jugend Tischtennis spielt, erhielt Ende 2010 die Diagnose Parkinson. Zu diesem Zeitpunkt war der Software-Entwickler Anfang 40.

Von der unheilbaren, neurodegenerativen Erkrankung waren in der Vergangenheit überwiegend ältere Menschen betroffen, jedoch ist der Anteil der Jungerkrankten tendenziell steigend. Zu weltweit bekannten Persönlichkeiten, die ebenfalls an Parkinson erkrankt sind oder waren, zählen Box-Legende Muhammad Ali Papst Johannes Paul II. und der US-amerikanische Schauspieler Michael J. Fox.

Nach der Diagnose ließ Harry Wißler aber nicht etwa den Kopf hängen, um bei dem eingangs erwähnten Bild zu bleiben. Er vernetzte sich mit anderen Betroffenen und lernte so Thorsten Boomhuis aus Nordhorn kennen. Nach einem ersten persönlichen Kontakt flogen die beiden passionierten Tischtennisspieler kurzerhand nach New York.

Dort wurde 2019 erstmals eine Weltmeisterschaft für an Parkinson erkrankte Tischtennisspieler ausgetragen - die "ITTF Parkinson's World Table Tennis Championships". An der Premiere, die von "PingPongParkinson USA" ausgerichtet worden war, nahmen circa 70 Athleten aus elf Nationen teil, unter anderem aus Brasilien, Japan und Singapur.

PingPongParkinson: Schon mehr als 500 Mitglieder

"Wir waren völlig begeistert, mit welchem Enthusiasmus alle Beteiligten bei der Sache waren", erinnert sich Wißler, der in New York überraschend Bronze im Einzel gewann. "Und so war für uns schnell klar, dass wir nach unserer Rückkehr ,PingPongParkinson Deutschland' ins Leben rufen werden." Gesagt, getan: Am 2. Februar 2020 erfolgte die Gründung des Vereins, dessen 2. Vorsitzender Wißler von Beginn an ist. Nur zwei Jahre später hat der Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen und Einzelpersonen bereits mehr als 500 Mitglieder.

"Unser Ziel ist es, Betroffene aus der sozialen, häufig auch schambehafteten Isolation herauszuholen", erläutert Wißler. Man wolle jedem Menschen die Sicherheit geben, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der Solidarität zählt und der sportliche Wettkampf kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander sei. Auf der Suche nach Vereinen in Deutschland, die Behindertensport anbieten, wurden Wißler und seine Mitstreiter unter anderem in Ober-Erlenbach fündig. Gemeinsam mit der Seniorensportgruppe des TTC OE wird immer mittwochs und freitags in der Wingert-Sporthalle trainiert.

Jörg Roßkopf als Ehrengast

Nachdem der Verein bereits Anfang September 2021 die 1. German Open in Nordhorn ausrichtete, folgt am Freitag, 27. Mai, von 9.30 Uhr an, eine Neuauflage des Turniers in Ober-Erlenbach. Es werden 128 Teilnehmer aus elf Nationen im Bad Homburger Stadtteil erwartet, die an insgesamt 16 Tischen im Einzel, Doppel und Mixed gegeneinander antreten werden. Auch Jörg Roßkopf, ehemaliger Weltmeister im Doppel, Tischtennis-Bundestrainer und Ehrenmitglied von PingPongParkinson Deutschland hat sein Kommen angekündigt.

Schon einen Tag vor dem Turnier findet morgen von 13 bis 18 Uhr eine Infoveranstaltung im Rilano-Hotel Oberursel statt. Bei einer Art Inhouse-Messe dreht sich dort alles um die Parkinson-Krankheit - von der Ernährung bis hin zu Selbsthilfegruppen.

Dass der Sport eine wichtige Therapie ist, beweist Harry Wißler. "Schnell habe ich gemerkt, dass ich mich mit dem Tischtennisschläger in der Hand besser bewegen kann und dass ich, wenn ich regelmäßig spiele, weniger Tabletten einnehmen muss." Und tatsächlich, es ist verblüffend: Kaum an der Platte angekommen, sind alle Krankheitssymptome verschwunden, und Wißler legt so schnell los, dass sein Gegenüber, Übungsleiter Heinz Sommer, lachend zugeben muss: "Er heizt mir ganz schön ein."

Die Geschichte von Harry Wißler beweist, dass es sich wahrlich nicht lohnt, in scheinbar ausweglosen Situationen den Kopf in den Sand zu stecken. "Verändert hat sich mein Leben 2019 bei der Weltmeisterschaft in New York", sagt Wißler, "den Kopf in den Sand stecken, gibt nur Sand im Ohr."

Das ist Parkinson

Zum Krankheitsbild von Parkinson zählt das Absterben der Substantia Nigra, welche, als Teil des Gehirns, für die Dopamin-Produktion zuständig ist. Der Mangel des Botenstoffs im Gehirn führt zu Bewegungsstörungen, die für Parkinson charakteristisch sind. Zu den Symptomen zählen Muskelstarre (Rigor) und Muskelzittern (Tremor). Früher wurde die Krankheit irrtümlicherweise als Schüttellähmung bezeichnet. Um den Dopaminmangel im Gehirn auszugleichen, ist regelmäßige Medikamenteneinnahme unerlässlich. Benannt wurde das Krankheitsbild nach dem englischen Arzt James Parkinson, der die Krankheit 1817 erstmals ausführlich beschrieb.

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