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Die Nummer 15 der Bad Homburg Sentinels hat den Helm beiseite gelegt: Quarterback Tim Miscovich wird nicht mehr aktiv ins Geschehen auf dem Spielfeld eingreifen.

American Football, Regionalliga

Bad Homburg Sentinels: Beginn einer neuen Zeitrechnung

Er war Gründer, Macher und Führungsspieler der Bad Homburg Sentinels. Jetzt ist Tim Miscovich noch ein bisschen Club-Chef.

Er selbst nennt seine Vorgehensweise "Irish Exit". Im englischen Sprachgebrauch ist "Irish Exit" oder auch "Irish Goodbye" ein geflügelter Begriff für jemanden, der eine Party durch die Hintertür verlässt, ohne sich zu verabschieden. Ganz so drastisch ist es wiederum nicht. Denn Tim Miscovich hat im Sommer sein Karriereende mitgeteilt. Er ließ es aber so beiläufig verkünden, dass es kaum jemand bemerkte. Er ist nicht mehr Quarterback und auch nicht mehr Headcoach der Bad Homburg Sentinels. Präsident des von ihm mitgegründeten American-Football-Clubs, der binnen vier Jahre, gemessen an den Zuschauerzahlen, zur klaren Nummer eins in der Sportlandschaft des Hochtaunus avancierte, ist er noch. Dennoch bedeutet der Zwei-Drittel-Rücktritt des US-Amerikaners den größtmöglichen personellen Einschnitt für die Sentinels.

"Ja, ich bin jetzt in ,Rente'. Nach so vielen Jahren war es Zeit, meinen Körper zu schonen. Er sagte mir: ,Feierabend'!", erläutert Miscovich dieser Zeitung sein Karriereende. Via Facebook. Er ist derzeit in den USA. Wie so oft in letzter Zeit. Schon während der Saison, in der seine Mannschaft erstmals nicht aufgestiegen ist und (in der drittklassigen Regionalliga) erstmals nur als Zweiter eine Runde abschloss, sei seine Entscheidung gereift. Der frühere Profi-Spieler von Frankfurt Universe aus Ashburn in Virginia ist 28 Jahre alt.

Im letzten Spiel, dem mit knapp 500 Fans schwach besuchten 35:10-Sieg gegen die Montabaur Fighting Farmers, hatte der Platzsprecher die überraschende Nachricht verkündet. Im Zuge von weiteren Spielerabgängen. Der Verein führte nach Spielende mit Miscovich ein kurzes Interview und veröffentlichte das Video auf Facebook; in der letzten Frage ging es kurz um das Karriereende. Das war's.

"Not a big attention"

Auf dem offiziellen Youtube-Chanel, wo der Club über jedes Spiel professionell aufbereitete Videobeiträge zeigt, fand die Personalie genauso wenig statt wie in der Pressemitteilung zum Saisonfinale. Erst kürzlich, bei der Verpflichtung des neuen Quarterbacks Spenser Lewis (Winterthur Warriors), wurde sie nochmals erwähnt. In einem Halbsatz. Es gab kein Extra-Posting wie beispielsweise für Safety Darius Dawsey, der wieder in die USA zurückgegangen ist und in wenigen Spielen weitaus weniger für die Sentinels leistete als Miscovich in vier Jahren.

Die Sentinels sind sein "Baby": Tim Miscovich bei der Vereinsgründung im Dezember 2015.

Ohne den Boss gäbe es die Sentinels schlichtweg nicht. Vielleicht ist das der Grund für die Zurückhaltung.

"Not a big attention", sagt Miscovich über seinen Abgang. Ein Teamplayer, stets bescheiden. Er ist aber nun mal das Gesicht der Sentinels, auch für viele Fans und Sponsoren. Und die sollen bitte dem Verein erhalten bleiben. 

"Tim ist beruflich viel in den USA unterwegs", sagt Maximilian Schwarz. "Wenn er da ist, wird er helfen". Mit Kumpel Schwarz, früher Mitspieler in Frankfurt und seit Vereinsgründung der 2. Vorsitzende, kam Miscovich einst auf die Idee, es mit dem American Football in der Kurstadt zu versuchen. Anfangs noch als Vorstoß zweier Twens belächelt, trafen die "Wächter" scheinbar einen Nerv bei den Menschen in Bad Homburg und Umgebung. Schon zum ersten Freundschaftsspiel im Sportzentrum Nord-West kamen 1000 Fans. So viel wie zu keiner anderen Sportveranstaltung im Hochtaunus (wenn nicht gerade Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt dort ein Testspiel absolviert).

Seitdem ging es steil bergauf mit den Sentinels - bis zum Sommer. Acht Siege gab es, aber auch zwei klare Niederlagen. Es kamen weniger Zuschauer zu den Spielen, erste dunkle Wolken für die Himmelsstürmer. Miscovich überzeugte nicht immer, er konnte nur noch wenig trainieren. Für ein Bad Homburger Unternehmen, das auf intelligente Gebäude-Technologien spezialisiert ist, kümmert er sich um den amerikanischen Markt. "Ich wohne eigentlich momentan im Flieger", scherzt Miscovich. Mindestens zwei Mal pro Quartal werde er weiterhin im Taunus sein. Dann widmet er sich auch den Sentinels.

Neue Mitstreiter

Für den Übergang hat sein Vorstand längst gesorgt. Über eine Werbeagentur aus Bad Homburg sollen künftig alle Marketing-Maßnahmen abgewickelt werden. In der Hauptversammlung wurden kürzlich mit Sandra Laumann, Tarik Körber, Daniel Hirschel und Alexander Damm neue Beisitzer gewählt. Auch für die Mannschaften sind bereits mehrere neue Spieler und Coaches verpflichtet worden. Hinzu kommt, dass Maximilian Schwarz wegen einer schweren Knieverletzung womöglich in der kommenden Saison nicht selbst als Wide Receiver und Punter mitspielen kann und sich verstärkt auf die Vorstandsarbeit konzentrieren möchte.

Das hohe Ziel der Sentinels bleiben unverändert. 2020 soll der Aufstieg in die GFL 2 gelingen. Im besten Fall würde Miscovich mitfeiern.

Am 1. April hatten die Sentinels seinen Abgang tatsächlich gepostet, und viele Fans erkannten den "Aprilscherz" sofort. "Die Sentinels ohne Tim Miscovich", dachten sie sich, "das kann doch nicht sein!"

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