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Hinter „Lea“ verbirgt sich Sebastian Weck. Der Torwart der SG Blau-Weiß Schneidhain hat wie Mitspieler Florian Rentel seinen Humor trotz beispielloser Niederlagenserie nicht verloren.

Fußball

Wie die SG Blau-Weiß Schneidhain mit der bisherigen Saisonbilanz von 0 Punkten und 5:141 Toren umgeht

Woche für Woche geht es nur um die Höhe der Niederlage. Als Fußballer muss so etwas schwer zu ertragen sein. Oder man spielt für die SG Blau-Weiß Schneidhain in der Kreisoberliga Hochtaunus.

Bei Tageslicht hat man vom Sportplatz „Braubachtal“ einen schönen Ausblick auf die idyllische Landschaft zwischen Königstein-Schneidhain und Kelkheim-Hornau. Am Dienstagabend wird die Sportanlage der SG Blau-Weiß Schneidhain jedoch in Dunkelheit gehüllt. Gut eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn der Fußballmannschaft sind die Flutlichtmasten noch ausgeschaltet, und vom Parkplatz aus kann man nicht mal mehr die nur wenige Meter entfernten Tore sehen. Dieser Moment erscheint wie ein Sinnbild für die sportliche Situation des Vereins im November 2018.

Nach dem Aufstieg in die Kreisoberliga Hochtaunus und einem großen Umbruch im Kader steht das Team abgeschlagen auf dem letzten Platz. Null Punkte. Eine Tordifferenz von 5 zu 141 nach 16 Spielen. Es scheint, als würden bei Blau-Weiß alle Lichter ausgegangen.

Doch der Eindruck täuscht. An diesem Abend dringt ein schwacher Lichtschein aus dem schnieken Vereinsheim. „Kurz vor der Meldefrist haben uns rund 15 Spieler verlassen“, erklärt Abteilungsleiter Dietmar Möser in der mollig-warmen Gaststätte. Ohnehin wäre die Saison in der KOL hart geworden. Doch nach den Abgängen wurde die Kreisoberliga zur „Mission Impossible“ für Blau-Weiß. Das wussten die Verantwortlichen schon, bevor der erste Ball rollte. Der Kern der verbliebenen Spieler sprach sich dafür aus, die Aufgabe trotzdem anzugehen. Mit Anstand, Leidenschaft – und viel Humor.

Die Unterstützerin

Während Möser von den Hintergründen berichtet, laufen Michael Hofmann vom Spielausschuss und Ariane Höfler mit den frisch gewaschenen Trikots ein. Als die Frau vor drei Jahren aus Frankfurt nach Schneidhain zog, schloss sie sich dem Verein an und steht an den Spieltagen hinter der Theke. „Ich wollte die Jungs nach den ganzen Abgängen vor der Saison noch mehr unterstützen“, erklärt Ariane, „weil ich aber auf dem Platz nicht so gut zu gebrauchen bin, habe ich das Vereinsheim übernommen.“

Dann legt die Frau ein diebisches Grinsen auf und zeigt über die Schulter zum Sportplatz. „Obwohl“, fährt sie fort und bemüht sich um eine ernsthafte Miene, „hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich vielleicht auch auflaufen können. Immerhin hab ich eine genauso gute Torquote wie 95 Prozent unserer Spieler.“

Der Torwart

Der Seitenhieb ist selbstverständlich nicht ernst und schon gar nicht böse gemeint. Mit Sprüchen können die Schneidhainer Spieler aber ohnehin gut umgehen.

„Die meisten bekomme wohl ich als Torwart ab“, verrät Sebastian Weck. Vor der Saison kam der 28-Jährige aus Kelkheim zurück, wo er für die dortige SG verletzungsbedingt nur fünf Einsätze absolviert hatte. Jetzt, zurück im Kasten bei seinem „Herzensverein“, bekomme er auf einen Schlag „wieder ein bisschen mehr zu tun“, wie er schmunzelnd erklärt. Durchschnittlich fast neun Gegentoren pro Partie musste Weck in dieser Saison hinnehmen. „Einmal hat sogar der Schiedsrichter zur Halbzeit empfohlen, dass wir wohl besser den Torwart auswechseln sollten“, erzählt er. Auch sein Trikot wird hin und wieder mit einem flapsigen Spruch bedacht. Auf dem rosafarbenen Shirt ist der Aufdruck „Lea“ und die Nummer „97“ zu lesen.

Weck erklärt den Hintergrund des ungewöhnlichen Dresses. „Ich habe vor der Saison nach einem Sponsor gesucht, und in einer Sportsbar hat sich eine Dame angeboten“, erklärt der Keeper. Sie durfte daraufhin sein Trikot aussuchen und mit ihrem Namen sowie dem Geburtsjahr bedrucken lassen. „Obendrein hat sie noch einen Kasten Bier für die Mannschaft gestiftet“, ergänzt Weck.

Der Trainer

Das war ein gerngesehener Beitrag zum „Teambuilding“, denn neben Weck setzt sich das Team überwiegend aus unerfahrenen Neulingen zusammen. „Alles richtig gute Jungs“, beteuert Radovan Milojevic, „aber die meisten von ihnen haben noch nie Vereinsfußball gespielt, darunter beispielsweise einige Flüchtlinge. Da reicht es taktisch und auch technisch nicht für die KOL.“

Der Traineraus Frankfurt, der einst selbst für Blau-Weiß spielte, macht das Beste draus.

Hinten reinstellen und mauern, das kommt für den Coach nicht in Frage. Jede Einheit und jedes Spiel nutzt er, um seinen Schützlingen die Basics beizubringen. Fortschritte seien zu erkennen. Aber: „Man muss ganz ehrlich sagen, dass wir in dieser Zusammensetzung auch in der A-Klasse kaum eine Chance gehabt hätten“, pflichtet Möser dem Trainer bei. Die Saison nutze man daher, um den Grundstein für eine konkurrenzfähige A-Liga-Truppe zu legen. Nach Verstärkungen – speziell für die offensiven Außenbahnen und die Sturmspitze – hält man Ausschau. Wer Lust hat, darf jederzeit dienstags oder freitags beim Training vorbeischauen.

Regelmäßig dabei ist Florian Rentel, der im Sommer den Kontakt zum Trainer herstellte und als dessen „Co“ sowie Stammspieler Verantwortung übernimmt. „Eigentlich wollte ich weniger machen und mich dem Kitesurfen widmen“, sagt er, „aber der Verein ist mir ans Herz gewachsen.“ Seine gesamte Senioren-Laufbahn spielt der 30-Jährige für Blau-Weiß. Auch er hat seinen Humor nicht verloren. Nach den Zielen für die restliche Saison befragt, beteuert er, man habe den Relegationsplatz noch nicht aus den Augen verloren. „Und zwar den hoch zur Gruppenliga“, ergänzt Sebastian Weck und beide müssen laut loslachen. Nein, ein Fußball-Wunder wird es in dieser Saison nicht mehr geben. Dennoch treten sie, bisher bis auf eine Ausnahme, jeden Sonntag an. Geben ihr Bestes. Lernen für die nächste Spielzeit. Und präsentieren sich dabei stets als faire Sportsmänner, wie die Gegner immer wieder bezeugen. „Fairplay ist ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit“, sagt Rentel. „Uns fehlt halt die Luft“, ergänzt erneut Weck, „wir können die Gegenspieler nicht foulen, weil wir nicht hinterher kommen.“ Humor ist, wenn man trotzdem kickt.

von ROBIN KUNZE

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