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Wie der Spielerpass dokumentiert, war Thorsten Kaiser bereits 19 Jahre alt, als er endlich ab 1.7.1999 für den SC Dombach straffrei auflaufen durfte.

Fußball

Vor 20 Jahren: "Lex Kaiser"

Vor genau 20 Jahren sorgte im Kreis Limburg-Weilburg in der Saison 1998/99 ein kleiner Fußballverein über die Heimatgrenzen hinaus für Furore: B-Ligist SC Dombach hatte den damals 18 Jahre alten Nachwuchsspieler Thorsten Kaiser in seiner Seniorenmannschaft einsetzen wollen, wurde aber nach den seinerzeit gültigen Statuten des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) daran gehindert.

VON HELMUT GRIESAND

Was aus der Sicht des 280 Mitglieder zählenden Stadtteil-Vereins von Bad Camberg, dem SC Dombach, bei der Antragstellung seinerzeit so einfach und vor allem logisch erschien, gestaltete sich nämlich als eine schier unüberwindbare Hürde. Der Dombacher Thorsten Kaiser, vom achten Lebensjahr an seinem Heimatverein verbunden, war seit 1989 für den SV Bad Camberg spielberechtigt. Mit Einschreiben vom 2. Juni 1998 meldete sich der 18-Jährige dort ab, am 11. Juli beantragte der Sportclub Dombach für ihn die Erteilung einer Spielberechtigung für Seniorenmannschaften. 

Doch die SC-Verantwortlichen hatten die Rechnung ohne die HFV-Satzung gemacht. Denn der Paragraf 15 a) Nr. 7 der Jugendordnung (JO) besagte, dass ein A-Jugendlicher nicht zu einem Verein wechseln kann, der mit keiner A-Jugendmannschaft am Spielbetrieb teilnimmt. Diese Regelung sollte verhindern, dass A-Jugendliche durch Vereine verpflichtet werden, die selbst keinen A-Jugend-Spielbetrieb unterhalten können. Damit wollte man die Vereine zu einem vernünftigen Unterbau und zur Nachwuchsarbeit anregen und so den Jugendfußball schützen. Folglich lehnte die HFV-Passstelle den Antrag des SC Dombach am 16. Juli 1998 ab. Diese für den Verein unerwartete Entscheidung brachte den Vorstand des Sportclubs im 360-Seelen-Taunusdorf regelrecht „auf die Palme“, denn – zur Erinnerung – Lars Ricken hatte zuvor mit 17 Jahren für Dortmund im Europapokal und Michael Owen im gleichen Alter für England bei der Weltmeisterschaft gekickt.

Nur Thorsten Kaiser, der bereits am 18. März 1998 seinen 18. Geburtstag gefeiert hatte und somit vor dem Gesetz volljährig war, durfte nicht einmal in der B-Liga eingesetzt werden. Der Verein aus dem Dombachtal war aber partout nicht bereit, klein beizugeben, engagierte den Limburger Rechtsanwalt Michael Jung und wollte die Spielberechtigung für Thorsten Kaiser am 20. August 1998 durch eine einstweilige Verfügung beim Amtsgericht Frankfurt erwirken. Doch die Hoffnung auf Erfolg zerschlug sich mit Hinweis auf die HFV-Satzung ebenso wie der weiter unternommene Versuch, eine Härtefallregelung zu erreichen. Nach der Devise: „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“, ging der Sportclub Dombach notgedrungen auf Konfrontationskurs mit dem Verband, setzte den Blondschopf nun über mehrere Wochen in der ersten Seniorenmannschaft ein und nahm dadurch etwaige Punktabzüge und Geldstrafen bewusst in Kauf. Als alles nichts half, schaltete der Verein Mitte Dezember 1998 die Medien ein, um öffentlich auf das bestehende Problem – inzwischen schon längst keine „Lex SC Dombach“ mehr – aufmerksamen zu machen. 

Denn gleichermaßen betroffen waren alle Fußballvereine landesweit, die aus personellen Gründen keine A-Jugend-Mannschaft stellen konnten. Natürlich war auch die Nassauische Neue Presse auf den „Fall Kaiser“ aufmerksam geworden und berichtete seinerzeit sehr ausführlich. Viele namhafte Presseorgane landesweit informierten ebenfalls ihre Leser über dieses Kuriosum. Selbst dem Hessischen Rundfunk war das Thema wichtig genug, um einen Reporter in die Badestadt zu entsenden. Thorsten Kaiser und die SC-Verantwortlichen standen Klaus Patella Rede und Antwort. Der längere Beitrag wurde zu unterschiedlichen Zeiten in den Hörfunkprogrammen ausgestrahlt und erreichte somit ein noch größeres Publikum. Der SC Dombach war auf einmal über die hessischen Landesgrenzen hinaus in aller Munde und sorgte somit nicht nur bei den Fußballvereinen ob der geschilderten Problematik für reichlich Gesprächsstoff. 

Am 15. Januar 1999 fand schließlich in der Gaststätte des VfR 19 in Limburg unter Vorsitz von Guido Erwes die mit Spannung erwartete Sportgerichtsverhandlung statt, die freilich für den SC Dombach einen ganz bitteren Ausgang hatte. Denn Thorsten Kaiser erhielt eine saftige einjährige Spielsperre bis zum 7. Januar 2000 aufgebrummt, zudem musste der Verein eine Geldstrafe in Höhe von damals 1050 Mark berappen. Außerdem wurden die Partien gegen SV RW Thalheim (2:2), SG Schadeck/Hofen/Eschenau (4:1) und FSV Würges (1:1) mit 2:0 Toren und drei Punkten für den jeweiligen Spielpartner gewertet. Interessant: Alle drei Vereine hatten gar keinen Protest eingelegt. Während der Verhandlung machte der SC Dombach durch seinen damaligen Vorsitzenden Walter Kundermann das Sportgericht auf die Tatsache aufmerksam, dass eine Diskrepanz zwischen der Jugendordnung und deren Ausführungsbestimmungen bestehe, insbesondere hinsichtlich der Zuordnung der Jugendlichen zu den einzelnen Jugend-Jahrgängen. 

Nach Aussage von Guido Erwes seien dem Rechtsausschuss die Ausführungsbestimmungen nicht bekannt gewesen und hätten daher auch nicht berücksichtigt werden können. Das Urteil wurde so auf der Grundlage der gültigen HFV-Satzung gefällt. Guido Erwes zeigte aber Verständnis für die vom Verein vorgebrachten Argumente. Sein eindringlicher Appell an den Verband: „In der Politik wird darüber geredet, das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen, während nach der Jugendordnung ein 20-Jähriger noch der Jugend zugeordnet wird.“ Übrigens: Limburgs Kreisfußballausschuss unterstützte von Anfang an das Bemühen des SC Dombach, was vom Verein positiv aufgenommen wurde. Gnadenerlass Der „Fall Kaiser“ war mit der Urteilsverkündung allerdings noch lange nicht ad acta gelegt. Das große Medieninteresse in Print und Funk bewirkte schließlich bei den Verantwortlichen des Hessischen Fußball-Verbandes ein Umdenken, nachdem sich der damalige Präsident Rolf Hocke persönlich eingeschaltet hatte. Im Anschluss an eine Präsidiumssitzung in Wehen wurde dem Sportclub Dombach die Gelegenheit gegeben, den HFV-Oberen das Anliegen umfassend vorzutragen. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Auf dem Weg des Gnadenerlasses reduzierte der HFV-Vorstand nämlich die Spielsperre für Thorsten Kaiser vom 7. Januar 2000 auf den 1. Juli 1999.

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