Fußball-Amateurmeisterschaft 1955

Das Jahrhundertspiel

1954 elektrisierte das Wunder von Bern die Nation, 1955 zog das Endspiel um die deutsche Fußball-Amateurmeisterschaft Bad Homburg und die Taunus-Region in seinen Bann. Unser Reporter Wolfgang Zimmermann war bei jenem Match in Wetzlar mit dabei – und lässt zum 60. Jahrestag das für die Kurstadt denkwürdige Ereignis mit allem Drum und Dran nochmals Revue passieren.

Im Endspiel. Ein Traum geht in Erfüllung. Die Fußballbegeisterung in und um Bad Homburg scheint keine Grenzen zu kennen. In Kneipen und Gaststätten, auf Straßen und Gassen, am Arbeitsplatz und beim Friseur sorgt König Fußball für immer neuen Gesprächsstoff. Wir schreiben den Sommer 1955. Wer fiebert nicht dem „Spiel der Spiele“ entgegen? Dem Finale um die deutsche Fußball-Amateurmeisterschaft zwischen der Spielvereinigung 05 Bad Homburg und den Sportfreunden Siegen.

Als der 25. Juni endlich gekommen ist, brechen rund 7000 Bad Homburger in Sonderbussen, mit der Bahn, mit Last- und Personenkraftwagen, auf Vespas und Motorrädern nach Wetzlar auf. Unter ihnen Oberbürgermeister Karl Horn, der früher in Wetzlar Stadtkämmerer war. Etwa ein Drittel der Homburger Bevölkerung zieht es also ins Waldstadion.

Viele Fans haben in den Tagen davor extra noch den Friseur aufgesucht, tragen Fähnchen, Spruchbänder oder mit blau-weißen Vereinsfarben versehene Strohhüte. Andere schwingen Kuhglocken, schlagen auf Trommeln oder blasen Trompeten. Just so, als sei der schönste Tag seit Menschengedenken angebrochen.

Mein Schulfreund Hans Klein aus der Haingasse präsentiert sich stolz wie ein Spanier mit einem originellen schwarzen Zylinder, den wohl sein Vater einst bei der Hochzeit getragen hatte. Die in die Jahre gekommene Kopfbedeckung ziert eine sich allen Regeln der Rechtschreibung widersetzende Verheißung: „Trotz Spuck und Geister, Homburg wird deutscher Meister!“ Das wäre was, im 50. Jahr des Vereinsbestehens.

Unsere Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Je mehr wir uns dem Stadion nähern, desto mehr schlägt das Herz. Ich denke nicht mehr an meinen Deutsch-Probeabitur-Aufsatz im Frankfurter Abendgymnasium für Berufstätige, der heute hätte stattfinden sollen, aber um eine Woche verschoben worden ist, weil verständnisvolle Magister ein Herz für Fußball haben.

Indes verkündet am Bushalteplatz ein Witzbold lautstark, die Eintrittskarten seien restlos ausverkauft. Doch gottlob nimmt keiner der aus allen Richtungen Herbeiströmenden diesen schlechten Scherz für bare Münze. 18 000 Zuschauer finden schließlich um das Spielfeld herum Platz. Auf der Tribüne, auf zusätzlich aufgestellten Stühlen oder einfach auf dem Boden. Als Reporter der FNP und des Nürnberger „Sportmagazins“ nehme ich einen Tribünenplatz inmitten geschäftiger Kollegen ein, die bereits vor Beginn des Finales auf ihrer handlichen Reiseschreibmaschine herumhacken. Was gibt es denn schon Wichtiges zu berichten? In solcher Hektik halte ich es nicht länger aus, mische mich flugs unter die Homburger Fans. Sie diskutieren eifrig über die Höhe des zu erwartenden Sieges und stimmen Schlachtgesänge an.

Kurz vor 18 Uhr steigert sich der ohrenbetäubende Jubel, als die Recken aus Westfalen und Hessen, angeführt vom populärsten deutschen Schiedsrichter Albert Dusch aus Kaiserslautern, das Spielfeld betreten. Auf jenes war kurz zuvor ein kräftiger Gewitterregen niedergeprasselt. War die von Siegens Kapitän Herbert Schäfer gewonnene Platzwahl etwa ein Fingerzeig auf den Spielausgang? „Mal den Teufel nicht an die Wand“, geifert mich ein Fan an.

Die „Nullfünfer“ beginnen furios. Sie sind ja auch als Favorit gehandelt worden. Erich Rühl und Willi Nazarenus scheitern am famosen Schlussmann Steffe, nach acht Minuten könnte es schon 2:0 stehen. Doch dann kommen die Siegener zum Entsetzen der Homburger Fans immer besser ins Spiel. Nauroth schießt das erste Tor (12.), und durch zwei weitere Treffer des am rechten Unterarm amputierten Haase (21., 30.), der kaum zu bremsen ist, zieht Siegen bis zur Pause schon auf 3:0 davon.

Auch nach dem Seitenwechsel sind die ohne Rückennummern angetretenen Westfalen mit dem Glück des Tüchtigen im Bunde. Der vielgerühmte Homburger Sturm hat Ladehemmung, den Angreifern fehlt die Bindung zum Spiel. Anders dagegen die Siegener, die durch Kurth (77.) und Nauroth (84.) auf 5:0 erhöhen.

Es ist wie verhext: Die erfolgsverwöhnten Schützlinge von Ernst „Erne“ Bös (früher Rot Weiss Frankfurt), die durch Zänger sogar noch einen Handelfmeter vergeben (80.), sind an ihre Grenzen gestoßen. Sie verlieren ausgerechnet 0:5, das erinnert an den Vereinsnamen. Zu Recht bezeichnet DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens aus Köln die überglücklichen Sieger als oberligareif. Diese waren quasi vom Arbeitsplatz in den Mannschaftsbus gestiegen. Dagegen haben bei den Badestädtern die nervenzehrende Saison und das Trainingslager in der neuen Sportschule Grünberg deutliche Spuren hinterlassen.

Die Nullfünfer hatten sich in einem Entscheidungsspiel vor 8000 Zuschauern in Gießen durch ein hart umkämpftes 1:0 gegen Borussia Fulda zunächst die Hessenmeisterschaft gesichert. Unter anderem aus finanziellen Erwägungen hatte der Verein auf die Aufstiegsspiele zur 2. Liga Süd verzichtet und sich auf die deutsche Fußball-Amateurmeisterschaft konzentriert. Im Halbfinale vor 5000 Zuschauern in der Fuldaer Johannisau war dann Torschützenkönig Erich Rühl der umjubelte Spieler gewesen, als er gegen Bayernmeister Kickers Würzburg die Partie mit zwei späten Treffern (75., 88.) noch zu einem 2:1-Sieg gedreht hatte.

In Wetzlar ist es in der Umkleidekabine der diesmal leer ausgegangene Torjäger, der als Erster das beredte Schweigen bricht. Niedergeschlagen und um Fassung ringend, ermuntert er seine schweißgebadeten Kameraden im lupenreinen Homburger Dialekt: „Kerle, Kerle, lasst’n Kopp nur nett hänge. Es muss aach Vizemeister gewe!“ Diese unvergessenen Worte eines Treuesten der Treuen der Spielvereinigung wirken wie Balsam und erhellen die triste Situation.

Die stellt sich tags darauf schon ganz anders dar: An einem strahlenden Sonntag bereiten die Fußballanhänger aus Bad Homburg und Umgebung dem ehrenvoll unterlegenen Team einen unerwartet begeisterten Empfang. Die Louisenstraße gleicht einer Fanmeile. In den Schaufenstern hängen Spielberichte, Vereinswimpel und Bilder der Mannschaft.

Mindestens 6000 Menschen sind auf den Beinen. Die meisten waren es schon früh, um einen guten Platz zu ergattern und ihnen aus nächster Nähe zuzujubeln: den Spielern Hermann Kranz, Helmut Bürger, Erich Rühl, Fritz Kleemann, Willi Nazarenus, Fritz Zänger, „Molly“ Kilb, Siggi Kellner, Harry Wandelt, Udo Klug, Erich Füller und Trainer „Erne“ Bös.

Wie ein Donnerhall brausen die Hipp-Hipp-Hurra-Rufe durch die Louisenstraße, als sich die mit Blumen geschmückte Kolonne der Cabriolets gegen 10.30 Uhr, begleitet vom Spielmannszug des Homburger Carnevalvereins und einer Blaskapelle aus Oberursel, dem Kurhausvorplatz nähert. Dort gibt es kein Durchkommen. Es scheint, als hätten die Nullfünfer den Titel errungen.

Auf dem Kurhausvorplatz, wo sich auch die Bad Homburger Prominenz im Glanze der Fußballbegeisterung sonnt, intoniert der Männergesangverein das von seinem Dirigenten Otto Schubert komponierte Lied mit dem Refrain „Bad Homburg ist im Fußball auf der Höh’“.

Erster Stadtrat Erich Paesler und Kurdirektor Konrad Georg Michelsen will die Delegation der Nullfünfer um ihren Ersten Vorsitzenden Rolf Dieter Erhardt willkommen heißen. Beide Redner haben aber kaum eine Chance, sich gegen die Jubelschreie und den stürmischen Beifall der aus dem Häuschen geratenen Fans Gehör zu verschaffen. Der für 11 Uhr angesetzte akademische Festakt zum 50-jährigen Vereinsjubiläum im Kurtheater muss mit einer deutlichen Verspätung beginnen.

Wer einen Steh- oder gar einen Sitzplatz ergattern kann, darf sich glücklich preisen. Alle Redner beschwören den verpflichtenden Pioniergeist der Gründungsväter und würdigen die vorbildliche Haltung der ehrenvoll unterlegenen Spieler, die für jedes gewonnene Vorrundenspiel 50 DM bekommen hatten und beim Titelgewinn eine Siegprämie von 200 DM hätten einstreichen können.

Unvergessen bleibt das leidenschaftliche Plädoyer des Ersten Vorsitzenden der SG Kirdorf, August Wehrheim (genannt „Butter-August“), der spontan der jahrelang befehdeten SpVgg 05 beitritt um mit seiner Doppelmitgliedschaft „für immer die Streitaxt zu begraben“, wie er es formuliert.

Als im 50. Jahr des Vereinsbestehens die Blütezeit der Nullfünfer einsetzte, die mit dem Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft 1973 einen Höhepunkt finden sollte, dachte niemand daran, dass sie in den 90er-Jahren einmal schnell zu Ende gehen könnte. Der einer großen glücklichen Familie gleichende Traditionsverein stand auf einem soliden Fundament.

Bad Homburgs Fußball-Urgestein Hermann Kranz, damals mit 19 Lenzen der Jüngste im Team, gerät noch heute ins Schwärmen, wenn die Rede auf den 26. Juni 1955 kommt: „Es war umwerfend. Leute, die wir auf dem Sportplatz nie gesehen hatten, umarmten und drückten uns. Wir hatten das Gefühl, Bad Homburg bestünde nur aus Fußballfans und wir seien deutscher Amateurmeister.“

Der mittlerweile verstorbene Mannschaftskapitän „Siggi“ Kellner schwärmte einst von diesem großen Tag für seine Mannschaft und für Bad Homburg: „Bereits an der Autobahnausfahrt wurden wir von unseren Frauen und Bräuten mit Blumen empfangen. Unsere Fahrt zum Kurhausvorplatz glich einem Triumphzug. Wo kamen nur die vielen Menschen her? Ich hätte vor Freude am liebsten geweint.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare