Jan Rathschlag vor der beeindruckenden Kulisse von Torres del Paine in Chile.
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Jan Rathschlag vor der beeindruckenden Kulisse von Torres del Paine in Chile.

NNP-Serie: Die Kapitäne

Jan Rathschlag: Diplom-Ingenieur mit Fernweh

  • Marion Morello
    VonMarion Morello
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Sie genießen den Respekt ihrer Mitspieler und der Trainer, tragen die Binde am Arm mit Stolz und haben etwas zu sagen: die Kapitäne. In ihrem Vereinsdress auf dem Platz kennt man sie als „Leader“ ihrer Mannschaft. Wir wollen wissen, wer der Mensch ist, der in diesem Trikot steckt. Heute lernen wir Jan Rathschlag vom Kreisoberliga-Team der SG Niedershausen/Obershausen etwas näher kennen.

Das Toreschießen ist nicht so sein Ding. Die wenigen, die er erzielt hat, kann er an den Fingern einer Hand abzählen. „Aber eines davon“, sagt Jan Rathschlag, „war ein ganz besonders wichtiges.“ Es war am 19. Mai 2019. Vorletzter Spieltag in der Kreisoberliga Limburg-Weilburg gegen die Reserve des TuS Dietkirchen. In der 15. Spielminute hielt der Kapitän des damaligen Tabellenführers SG Niedershausen/Obershausen einfach mal drauf - mit links, wohlgemerkt! Der Ball flog aus gut und gerne 35 Metern in die Maschen des Dietkircher Tores zum 1:0. Ein wahrer Sonntagsschuss. Damit hatte Jan Rathschlag den späteren 8:0-Sieg für sein Team eingeläutet und den Aufstieg perfekt gemacht.

In der Gruppenliga Wiesbaden lief es dann nicht mehr so gut. Zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs hatte das Team aus dem Kallenbachtal von 21 Spielen zwei gewonnen. Zu wenig für die berüchtigte „Todesliga“. Dann aber sammelte die SG Niedershausen/Obershausen mächtig Sympathien, als sie freiwillig abstieg und zurück in die Kreisoberliga ging. Hier stand das Team von Trainer Kamil Heblik zuletzt auf Rang sechs. Aber das ist alles Makulatur, die Runde wurde bekanntlich annulliert.

Die SG Niedershausen/Obershausen ohne Jan Rathschlag? Undenkbar. Er ist - wie man so schön sagt - ein „Urgestein“. Der heute 32-Jährige hat seine ersten Fußballschritte bei der JSG Löhnberg/Niedershausen gemacht, damals war er ein sechs Jahre alter Knirps. Weil seine JSG keine A-Jugend stellen konnte, wechselte er für ein Jahr zur benachbarten JSG Weinbachtal. Bis zur C-Jugend spielte er auf Rechtsaußen. Heute ist er überwiegend rechter Verteidiger und „eher defensiv eingestellt“, wie er zugibt.

Jan Rathschlag wirkt geerdet, steht mit beiden Beinen im Leben. Seit dem Abschluss seines Studiums an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen ist er Diplom-Ingenieur für Energietechnik. Hört sich interessant an; ist es auch. Aktuell beschäftigt er sich mit „Entwicklungen von Gasturbinen-Anlagen“, erzählt er. Sein Arbeitgeber: Kawasaki. Ja, richtig, der Gigant aus Japan, der allem Anschein nach nicht nur schnelle Motorräder baut. Schon zweimal war Jan Rathschlag auf Geschäftsreise im Land der aufgehenden Sonne in Kobe. Zurzeit arbeitet er - wie so viele in Deutschland - im Homeoffice.

Die „Feierbiester“ aus dem Kallenbachtal

Die Spieler der SG Niedershausen/Obershausen gelten allenthalben als „Feierbiester“. Warum das so ist, kann auch Jan Rathschlag nicht genau sagen. „Bei uns sind Geselligkeit und Zusammenhalt sehr wichtig“, sagt der Kapitän. Deshalb ist die derzeitige nicht enden wollende Lockdown-Phase ganz besonders hart für die Truppe. „Aber alle gehen sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst mit der Situation um“, weiß Jan Rathschlag. „Jeder kompensiert das irgendwie für sich selbst. Wir sind im Moment in alle Winde verstreut. Jetzt wird das Wetter schöner, man will raus und Fußball spielen.“ Wehmut.

Im Winter habe Spielertrainer Kamil Heblik Trainingspläne für alle erstellt. Jetzt gehen die meisten laufen. Jan Rathschlag gibt sich keinerlei Illusionen hin, wenn er prophezeit: „Ich schätze, dass wir allerhöchstens bei 20 bis 30 Prozent sind, wenn es irgendwann wieder losgeht.“ Bis auf Torjäger Marvin Kretschmann, der sich bekanntlich dem Verbandsliga-Team des RSV Weyer angeschlossen hat, bleibt die Mannschaft komplett zusammen.

Seit „fünf, sechs Jahren“ ist Jan Rathschlag inzwischen Spielführer seiner SG. Zunächst unter Trainer Marco Ketter, dann mit Miguel Granja und jetzt mit Spielertrainer Kamil Heblik, der wegen eines Kreuzbandrisses zuletzt ausgefallen war. Dass ausgerechnet Jan Rathschlag zum Spielführer geworden war, sei eine gemeinsame Entscheidung von Mannschaft und Trainer gewesen.

„Ich versuche natürlich ein Vorbild auf und neben dem Platz zu sein“, sagt der 32-Jährige. „Wir haben einen gesunden Mix aus erfahrenen und jüngeren Spielern. Das zeichnet uns aus.“ Jan Rathschlag bringt sich auch bei anderen Aufgaben seines Vereins, dem TuS Niedershausen, ein. So war er im geschäftsführenden Vorstand bereits als 1. Schriftführer gemeinnützig tätig. Und 2019 plante er akribisch die handwerkliche Umsetzung der Pläne zum Umbau des Vereinsheims. In Eigenleistung, mit Hilfe vieler Spieler und Ehrenamtlicher, haben die Niedershäuser an beiden Seiten des Gebäudes angebaut und die Innenräume renoviert. „Das war ein ziemlich heftiges Unterfangen“, berichtet der Diplom-Ingenieur. „Wir sind auf mehr als 2500 Helferstunden gekommen.“ Das Ergebnis kann sich indes sehenlassen: Auf dem Niedershäuser Sportplatz steht jetzt ein Schmuckstück.

Sein Coach Kamil Heblik spart natürlich nicht mit den Lobeshymnen auf seinen Kapitän: „Jan ist ein absolutes Vorbild auf und neben dem Platz. Für den Verein würde er alles möglich machen. Er nimmt sich Zeit für jüngere Spieler, um sie weiterzubringen und unterstützt mich als Trainer in der Organisation.“ Und weiter: „Wenn es mal hitzig wird auf dem Platz, bringt Jan die Ruhe zurück. Er ist menschlich einfach ein top Typ, der immer probiert, es allen recht zu machen.“

Fünf Wochen lang durch Südamerika

Neben dem Fußball ist das Reisen die zweite große Leidenschaft Jan Rathschlags. Darauf müssen er und seine Lebensgefährtin Jasmin allerdings noch ein bisschen verzichten. Vor drei Jahren hat der SGNO-“Capitano“ ein beeindruckendes Abenteuer erlebt: In einer fünfwöchigen Rundreise hat er den südamerikanischen Kontinent „erforscht“ und dabei sieben Länder besucht. Von Kolumbien führte der Rucksack-Trip über Peru, Chile, Argentinien, Uruguay nach Brasilien. Besonders fasziniert hat ihn in diesen überwältigenden Wochen vor allem Kolumbien. Auf offiziellen Wanderrouten war er unterwegs und brachte atemberaubende Eindrücke und Fotos mit nach Hause. Wenn es wieder möglich sein wird, will Jan Rathschlag mit seiner Jasmin vor allem „erstmal nur Kurzreisen“ unternehmen. Besser ist das in diesen ungewissen Zeiten . . . MARION MORELLO

In unserer nächsten Folge geht es um eine Frau, die schon etliche Vereine im NNP-Gebiet nach vorne gebracht hat.

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