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Ein Trainer, für den man durchs Feuer geht

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Von: Thorsten Remsperger

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Erfolgreiches Duo: Jay Brown (links) an der Seite seines langjährigen Assistenz-Coaches Bernd Betz.
Erfolgreiches Duo: Jay Brown (links) an der Seite seines langjährigen Assistenz-Coaches Bernd Betz. © Gerhard Strohmann

Er war bei den Falcons Bad Homburg Kaderplaner, Taktik-Freak, Erfolgstrainer. 13 Jahre lang. Am meisten werden seine Mitstreiter auf und neben dem Spielfeld aber womöglich Jay Browns menschliche Qualitäten vermissen.

Bad Homburg – Von etwas besessen zu sein, so spuckt es das Online-Lexikon aus, bedeutet im positiven Sinne „von etwas völlig beherrscht, erfüllt zu sein“. Wenn Trainer von ihrer Aufgabe im Mannschaftssport besessen sind, führt dies nicht selten zum maximalen Erfolg ihres Teams. Aber auch dazu, dass die Leitfiguren ihrer Rolle nicht über einen langen Zeitraum durchgängig nachgehen können. Es geht ja nur ganz oder gar nicht. Mit Haut und Haaren.

Pep Guardiola und Thomas Tuchel, um zwei prominente Beispiele aus dem Fußball zu nennen, legten nach erfolgreicher Phase eine Pause als Trainer ein. An einem solchen Punkt ist nun Jay Brown angelangt, der mit den Falcons Bad Homburg zur Zweitliga-Meisterschaft – ja – gestürmt ist. 23 Siege in Folge, die meisten davon deutlich, auch in den Playoffs, gegen finanziell besser aufgestellte Teams – wie Endspielgegner Alba Berlin, der mit einem 93:66 aus dem restlos ausverkauften Primodeus-Park gefegt wurde.

Jay Browns größter Kritiker heißt Jay Brown


„Jetzt bin ich leer“, sagt Brown, eigentlich Amateurtrainer, der sich selbst aber einen Fulltime-Job auferlegt hat, um die Spielerinnen der Homburger TG immer noch ein Stückchen besser zu machen. „Ich habe sehr lang hin und herüberlegt“ – auch wenn er diese Worte ausspricht, ringt der 39-jährige Sohn eines US-Amerikaners und einer Deutschen noch mit sich. Der Cut – er musste jetzt kommen. Er sei selbst sein größter Kritiker, erzählt Brown, „ich habe mich unfassbar unter Druck gesetzt, konnte nie abschalten“. Sein langjähriger Co-Trainer Bernd Betz (55) weiß das nur zu gut, Führungsspielerin Gergana Georgieva (35) auch. Seine Spielerinnen haben ihn dafür geliebt.

„Wenn du spürst, dass der Trainer mit einer solchen Leidenschaft dabei ist, dann tust du alles für ihn und die Mannschaft“, sagt die frühere Erstliga-Spielerin, die selbst das Regionalliga-Team der HTG unter ihrer Obhut hat. Betz, der seit dem Zweitliga-Aufstieg 2015 an Browns Trainerseite war, ebenfalls ein wahrer Basketball-Enthusiast, sagt es so: „Die Mädels gehen für ihn durchs Feuer.“

Dabei hatte sich das Leben des Jay Russell Brown – nur im engsten Familienkreis spielt der Zweitname eine Rolle – ganz anders angelassen. Bis zum 14. Geburtstag noch Fußballer, griff er in der Turnhalle des Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums erstmals ernsthaft zum größeren und schwereren Spielgerät. Damals pendelten die HTG-Korbjäger – noch ohne eigene Halle – für die Heimspiele bis nach Friedrichsdorf und Usingen. Zum Regionalligaspieler reifte der körperbetont agierende Pointguard beim SC Bergstraße, ehe 2009 ihn eine Fußverletzung stoppte – und in seinem Heimatverein ein Trainerposten frei wurde...

„Das war sechs Wochen vor Saisonbeginn, als ich gefragt wurde“, erinnert sich Brown. „Damen? Herren? Das war mir egal.“ In der viertklassigen Oberliga Hessen griff der Mittzwanziger als Coach ins Geschehen ein. „Übergangsmäßig, davon ging ich aus.“ Es wurden 13 Jahre daraus, die sich in jeglicher Hinsicht auf sein Leben ausgewirkt haben.

„Dass er es so lange und so erfolgreich macht, hätten wir alle nicht gedacht“, sagt Liz Rhein. Der Team-Managerin, deren in der mittlerweile professionell ausgerichteten Abteilung ebenfalls sehr engagierten Mann Michael und seinem Assistenztrainer ist Brown „sehr dankbar, dass sie mir den Freiraum gegeben haben“. Sein Wirkungskreis reichte ja weit über die Halle hinaus: Auch dem Scouting neuer Talente und Spielerinnen aus dem Ausland nahm sich Brown an. Immer dann, wenn eigentlich mal Pause hätte sein können.

Vor fünf Jahren holte Brown die erfahrene Centerspielerin „Geri“ Georgieva und das erst 16-jährige Talent Isabel Gregor nach Bad Homburg. Die eine formte er – wie angekündigt – innerhalb von drei Jahren zu einer Führungskraft. Die andere hatte damals schon viel erlebt und sagt jetzt, dass sie kaum einen Trainer hatte, der „so großartig mit Herz dabei ist“. Brown sei strikt und laut, aber auch witzig. Er finde die perfekte Balance. „What the fuck are you doing?“ Eine solche Frage konnte der Coach auch zwei Minuten vor Schluss bei einer 30-Punkte-Führung noch übers Feld schreien. Was nicht nur bei Georgieva heute ein Schmunzeln hervorruft.

Brown und Betz: Perfekt gegensätzlich

„Er ist ein Schwarz-Weiß-Mensch“, sagt Co-Trainer Betz, fast genüsslich. Im Gegensatz zu ihm, dem „immer einen Kompromiss Suchenden“.

Genau das Gegenteil von ihm sei Bernd Betz, sagt Brown trocken, einer „mit sehr viel Fingerspitzengefühl. Er konnte mich nach Gefühlsausbrüchen immer wieder zurückholen.“ Die beiden Freunde sagten immer, dass sie nur aufhören könnten, „wenn sie das Ding auch mal gewonnen haben“. Jetzt ist es passiert. „Besser kann es doch gar nicht enden“, sagt Liz Rhein, deren Club nun prüft, ob der Aufstieg in die 1. Liga finanziell machbar ist.

Betz, vor 20 Jahren selbst Cheftrainer, überlegt noch, ob er weitermacht. Brown sagt: „Das Projekt ganz verlassen, das möchte ich nicht.“ Künftig könnte es aber zu einem Interessenkonflikt kommen. Seine volle Aufmerksamkeit wird der Meistermacher demnächst seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer der Rheinland Lions widmen. Die Bergisch Gladbacherinnen spielten in der 1. Bundesliga kürzlich um den Titel und wurden erst im Finale von den Eisvögel USC Freiburg mit 1:3 Siegen gestoppt.

Es ist genau der Beruf mit flexiblen Arbeitszeiten, den Brown gesucht hat. Nachdem das Sportartikelgeschäft, das er leitete, zu Beginn der Pandemie geschlossen worden war, hatte er als „Home-Daddy“, wie er es beschreibt, tagsüber seine beiden kleinen Söhne betreut. Ehefrau Ewa, die einst auch unter Brown spielte, konnte so ihren aufwendigen Job bei einer Unternehmensberatung schnell wieder antreten.

Aufgeopfert hat Jay Brown sich für Mannschaft und Familie. Gedanklich war er aber meistens beim Basketball. In Zukunft wird er oft im Homeoffice arbeiten können, weiterhin viel bei seiner Familie sein. Worauf er sich auch nicht wenig freut: „Ich kann mir in Zukunft Spiele ein bisschen entspannter angucken.“

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