Erster Spieltag der Amputierten-Fußball-Bundesliga in Trier: Nationalspieler Jörg Schmidtke aus Bad Homburg zieht ab.
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Erster Spieltag der Amputierten-Fußball-Bundesliga in Trier: Nationalspieler Jörg Schmidtke aus Bad Homburg zieht ab.

"Sportler des Jahres" im Hochtaunus

Jörg Schmidtke spielt für Deutschland

  • VonSimone Dittmar
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Ein Motorradunfall veränderte vor acht Jahren des Leben von Jörg Schmidtke grundlegend. Nachdem er seinen Unterschenkel verloren hatte, fing er schon bald mit dem Fußball wieder an. Von Montag an läuft der Bad Homburger bei der Europameisterschaft in Krakau auf.

Bad Homburg -Gerade haben die Paralympischen Spiele in Tokio wieder Geschichten geschrieben, wie sie nur im Sport vorkommen. Die TV-Bilder etwa über die Leistungen von Josia Topf oder Jana Majunke bleiben im Gedächtnis. Der 18 Jahre alte Erlangener Topf trat als Schwimmer ohne Arme und mit zwei unterschiedlich langen Beinen in den Wettbewerben Rücken, Freistil sowie Schmetterling an. Die 21-jährige Cottbuserin Majunke, die an spastischen Bewegungsstörungen leidet, gewann im Straßenrennen sowie im Straßen-Zeitfahren in der Startklasse T2 (Dreirad) gleich zwei der insgesamt 13 Goldmedaillen für das deutsche Paralympics-Team.

In Trier wurde kürzlich Sportgeschichte geschrieben

Nicht minder beachtlich ist auch das, was sich dieser Tage im Behindertensport in Deutschland manifestiert - und zwar im Amputierten-Fußball. Noch während die Paralympics liefen, wurde in Trier mit dem 1. Spieltag der neu gegründeten Amputierten-Fußball-Bundesliga, unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Sportgeschichte geschrieben.

Jörg Schmidtke bei der Preisverleihung zum „Sportler des Jahres“ im März in Bad Homburg.

Mit dabei: der von den Lesern der Taunus Zeitung gewählte Sportler des Jahres im Hochtaunus, Jörg Schmidtke aus Bad Homburg. Gemeinsam mit seinem Team Anpfiff Hoffenheim trug er die erste Partie, der vom gemeinnützigen Verein "Anpfiff ins Leben" und der DFB-Stiftung Sepp Herberger gegründeten Liga gegen Fortuna Düsseldorf aus, die mit 1:4 (0:2) verloren wurde. "Wir spielten viel zu verkrampft, obwohl wir eigentlich spielerisch überlegen waren", resümiert Schmidtke. "Die Düsseldorfer waren einfach cleverer und haben die Tore gemacht."

Der erste Sieg in der Bundesliga für Amputierten-Fußballer

Die Revanche folgte nur zwei Tage später am 2. Spieltag, der ebenfalls in Trier, an einem "Inklusionswochenende", ausgetragen wurde: Hoffenheim konnte sich diesmal mit 3:1 (2:0) gegen Düsseldorf durchsetzen. Sein frühes Tor nach wenigen Minuten sei der "Dosenöffner" gewesen, so Schmidtke. "Während wir noch am Freitag nach dem frühen Rückstand unsere Köpfe hängen ließen, war dies nun bei unserem Gegner der Fall", erzählt er.

Neben Anpfiff Hoffenheim und Fortuna Düsseldorf spielt auch die Spielgemeinschaft Nord-Ost - bestehend aus Spielern der Sportfreunde Braunschweig, des Hamburger SV und von Tennis Borussia Berlin - um die erste Deutsche Meisterschaft im Amputierten-Fußball. "Spätestens nach dem 5. Spieltag am 31. Oktober steht dann der Deutsche Meister fest", erklärt Jörg Schmidtke. Dieser ist dann auch berechtigt, an der Champions League teilzunehmen, denn auch eine solche gibt es im Amputierten-Fußball.

Doch bevor eine der drei deutschen Vereinsmannschaften im Amputierten-Fußball auf europäischer Ebene auf Torejagd gehen wird, steht ein anderes internationales Turnier unmittelbar bevor - die Amputierten-Fußball-EM in Krakau.

Mit 48 Jahren zum Nationalspieler berufen

Als die TZ Jörg Schmidtke Anfang vergangenen Jahres erstmals porträtierte, war auch jenes Turnier ein Thema des Interviews. "Mein Ziel ist es, mehr Kondition aufzubauen, noch sicherer auf den Krücken zu werden und mich für die Nationalmannschaft zu empfehlen. Sollte das klappen, wäre ich vielleicht sogar bei der EM in Krakau mit dabei", sagte Schmidtke seinerzeit.

Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner wissen konnte: Bedingt durch die Corona-Pandemie musste auch die EM der Amputierten-Fußballer um ein Jahr verschoben werden. "Von dieser Entwicklung habe ich profitiert. Nur so konnte ich noch auf den Zug aufspringen", erklärt Schmidtke. Er wurde Nationalspieler - im Alter von 48 Jahren.

Der zentrale Stürmer, der sich Anfang des Jahres einem operativen Eingriff unterziehen musste, spielte bereits vor seinem Unfall über 20 Jahre lang Fußball. Besagter Unfall ereignete sich im Oktober 2013, als dem passionierten Motorradfahrer eine Autofahrerin die Vorfahrt nahm. Bei dem Zusammenstoß wurde Schmidtke so schwer verletzt, dass er zwei Tage im Koma lag. Infolgedessen musste Schmidtke zunächst der linke Fuß amputiert werden. Im Juni 2015 folgte die Amputation seines linken Unterschenkels.

Trotz zahlreicher, weiterer Operationen begann der gebürtige Rheinländer im gleichen Jahr wieder damit, Sport zu treiben. Dass Nationalcoach Claus Bender, der zugleich Schmidtkes Trainer in Hoffenheim ist, ihn in den Kader der Deutschen Amputierten-Fußball-Nationalmannschaft berief, kann zweifellos als Höhepunkt seiner sportlichen Karriere bezeichnet werden.

Robert Lewandowski ist EM-Botschafter

Am kommenden Samstag geht es nun also nach Krakau: Im Süden Polens werden von Sonntag an 16 Teams in vier Stadien um den Titel kämpfen. Das Finale findet am 19. September statt. Weltfußballer Robert Lewandowski ist Botschafter der EM.

Das deutsche Team startet am Montag, 13. September, 14.30 Uhr, gegen Titelanwärter Russland in das Turnier. "Das wird eine schwierige Aufgabe werden, aber wir wollen den Russen dennoch das Leben so schwer wie möglich machen", betont Schmidtke. Die weiteren Gruppengegner der Deutschen sind Belgien und Irland.

Jörg Schmidtke schwärmt derweil von der Kameradschaft in seinem Team. "Wir sind ein super Gefüge", sagt er. Die Altersspanne innerhalb der Mannschaft reicht von 15 bis 48 Jahren. Der Bad Homburger ist also so etwas wie der "Oldie".

Ziel des Teams sei es, die Vorrunde zu überstehen, sich für das Viertelfinale und damit auch für die nächste WM zu qualifizieren. Auch die Aufnahme der Amputierten-Fußballer in das paralympische Programm sei ein langfristiges Bestreben. Und wie am Beispiel Jörg Schmidtke und seiner Teilnahme an der EM deutlich wird: Träume werden wahr. Im besten Fall auch bei den Paralympics 2024 in Paris, bei denen die ganze Welt wieder Zeuge von außergewöhnlichen Leistungen im Sport werden wird.

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