Unbändige Freude herrscht bei der F1-Jugend der Spielvereinigung 05/99 Bomber Bad Homburg, als sie wieder trainieren darf.
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Unbändige Freude herrscht bei der F1-Jugend der Spielvereinigung 05/99 Bomber Bad Homburg, als sie wieder trainieren darf.

Fußball, Corona-Lockerungen

Jugendtraining: Wo Kinderherzen höher schlagen

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Nach mehr als vier quälend langen Monaten dürfen die Vereine wieder Mannschaftstraining für Kinder unter 15 Jahren anbieten. TZ-Sportchef Thorsten Remsperger hat auf drei Sportplätzen in viele strahlende Kindergesichter geschaut und sich mit Vereinsfunktionären unterhalten, wie sie durch den Lockdown gekommen sind.

Hochtaunus – Der wohl schönste Moment in den langen Monaten des Wartens ereignet sich direkt vor dem Training. Für Ryan, Julius und Lasse muss das sich wie für andere vor einem Rock-Konzert anfühlen, wenn die Menge mit rhythmischem Klatschen vor der Bühne die Band sehnlichst erwartet. Oder wie im Urlaub, wenn man erstmals zum Strand läuft, das Meer schon sehen kann, aber eben erst noch der Liegeplatz ausgedeutet werden und dort alles hingetragen werden muss, bevor man sich endlich in die Fluten stürzen darf. 

Das alles ist zurzeit nicht möglich. Ryan, Julius und Lasse wünschen sich an jenem trüben Nachmittag im März aber ohnehin nur eines: endlich wieder Fußball zu spielen.

Neulich hatten die achtjährigen Jungen zu Hause vor dem Computer, wo sie sich während der Pandemie überdurchschnittlich oft aufhalten, noch ein Plakat vor die Kamera gehalten. Jeder für sich. „Wir“, „auf“ und „gemeinsam“ hatten sie draufgeschrieben und die großen Buchstaben ausgemalt. Damit beteiligten sich die Jungs an einer Aktion ihres Vereins Spielvereinigung 05/99 Bomber Bad Homburg, zu der die Trainer in den Gruppen-Chats aufgerufen hatten. In einer auf Facebook veröffentlichten Bilder-Collage ergaben die präsentierten Plakate dann folgende Bitte: „Wir wollen mit unserem Team wieder auf dem Sportplatz gemeinsam kicken“. 

Vor einer Woche war die Hochphase des Aufstands junger Amateursportler im Netz gegen das Mannschaftssportverbot im Lockdown. So oder so ähnlich baten deutschlandweit viele Jugendfußballer, endlich ihr Hobby wieder unter freiem Himmel ausüben zu dürfen. Während auf den Spielplätzen und in Parks bei frühlingshaften Temperaturen schon wieder die Hölle los war, sah die geltende Verordnung des Landes Hessen weiterhin nur das Training in einer Zweier-Gruppe auf einer Sportanlage vor. Und weil in Bad Homburg mehrere Zweier-Gruppen auf einem Spielfeld gesichtet worden waren, hatte der Hochtaunuskreis für rund drei Wochen sogar alle Sportplätze für das Vereinstraining gesperrt.

Jetzt stehen Ryan, Julius und Lasse also mit ihren Mitspielern der F1-Jugend vor dem Eingangstor auf dem Kunstrasenplatz an der Sandelmühle, mit Maske im Gesicht, in gebührendem Abstand zueinander – und können es kaum abwarten, bis ihr Trainer Mounir Rguig das Eingangstor öffnet und sie hineinlässt.

Endlich mal wieder im Spiel voll abziehen: Das „Bomber-Talent“ hat’s getan.

„Wir haben trotz allem den Kindern den Sport weiterhin ermöglicht. Viele haben das draußen auch durchgezogen, aber das war natürlich kein Vergleich zu richtigem Training.“ Am Sportplatz steht Yusuf Özcan, der in der Jugendabteilung der „Bomber“ gemeinsam mit Martin Eskericic die Sportliche Leitung innehat, und freut sich mit den Kids über den von der Politik abgesegneten Restart. 

Yusuf erzählt von einem Geschicklichkeits-Parcours im Schlosspark, den die Trainer aufgebaut haben, damit ihn Eltern mit ihren Kindern absolvieren konnten. Auf öffentlichen Plätzen war das ja erlaubt. Der Trimm-dich-Pfad im Hardtwald sei auch von manchen Spielern für Einzeltraining genutzt worden, sagt Özcan. Auf dem Sportgelände an der Sandelmühle dagegen sei es zu bizarren Situationen gekommen. Auf der einen Spielfeldhälfte führte beispielsweise eine Zweier-Gruppe der „Nullfünfer“ gerade ihre Übungen aus, als auf der anderen Seite der Oberstufen-Kurs einer Schule in „Mannschaftsstärke“ Fußball spielte. 

„Ein Abitursjahrgang, der durfte das ja“, schüttelt Özcan den Kopf. Themenwechsel bitte, aber schnell. Im gleichen Atemzug freut er sich über das bunte Treiben auf dem Platz. Ryan, Lasse und Julius spielen mit ihren Mannschaftskameraden Fußball.

Sogar das Tor zu verschieben, sonst eine lästige Pflicht, macht der D1 der DJK Bad Homburg Spaß.

Am frühen Abend, rund drei Kilometer Luftlinie entfernt, wird auf der Kirdorfer Sportanlage am Wiesenborn das Flutlicht eingeschaltet. Wer das Gelände betritt, läuft um einen Aufsteller herum, mit dem auf die Abstandsregelungen hingewiesen wird. An den Fensterscheiben des Vereinsheims kleben seitenweise Ausdrucke mit dem Hygienekonzept, das die DJK Bad Homburg für ihr Training entworfen hat. „Sind Sie ein Vater?“, ruft die junge Trainerin der Mädchen-Mannschaft dem Reporter zu. „Die dürfen nämlich nicht aufs Gelände“, lächelt sie. 

Während die Mädels auf der kleinen Fläche vor dem witterungsbedingt noch verwaisten Rasenplatz kicken, haben sich die Mannschaften den großen Kunstrasen weiter hinten aufgeteilt. Auf der einen Seite duellieren sich jüngere Kids schon munter auf dem Kleinfeld, auf der anderen erscheinen die Spieler der D1-Jugend nach und nach. Trainer Carlo Faulhaber checkt die Anwesenheit, trägt die Namen in eine Liste ein. Fürs Gesundheitsamt, falls nachträglich ein Coronafall auftreten sollte. Heute sind alle da. Wie bei den Bombern auch.

Die Jungen erscheinen schon umgezogen auf dem Sportplatz, waschen und desinfizieren sich die Hände, schnüren sich in einer Ecke noch schnell die Fußballschuhe – und los geht’s. Erst einmal in Kleingruppen wird der Ball gepasst. Immer „one touch“. Jean-Luc Jänsch sei mit der D2 drüben im Einsatz, erläutert Faulhaber. 

Trainer Carlo Faulhaber im Gespräch mit den D-Jugendlichen von DJK Bad Homburg.

340 Kinder und Jugendliche sind in der Fußballabteilung angemeldet, aber noch nicht alle dürfen wieder normal trainieren. Ihre Kollegen von der C-Jugend beneiden Faulhaber und Jänsch nicht. Die Spieler des jüngeren Jahrgangs der Mannschaft sind 14. Sie dürfen also wieder zusammen und mit Körperkontakt spielen. Für den älteren Jahrgang, die 15-Jährigen, gilt laut neuer Verordnung des Landes aber noch die Regel mit den Zweier-Gruppen. Immerhin hat der Hessische Fußball-Verband den Vereinen empfohlen, vier Duos gleichzeitig auf den Platz zu lassen.

Genau so, wie jetzt vom Verband vorgeschlagen, hatte die DJK auch die ab November geltende, ungenau formulierte Verordnung interpretiert und im Februar in mehreren Zweier-Gruppen trainiert. Von der Stadt war das schon abgesegnet, vom Kreis dann aber wieder verboten worden, nachdem sich der Trainer eines anderen Vereins über diese Regelauslegung direkt beim Gesundheitsamt beschwert hatte.

Die B-Mädchen des HC Bad Homburg trainieren die „Hundekurve“ – lächelnd, versteht sich.

Auch der Hockeyclub Bad Homburg, der mit 350 Nachwuchsspielern ebenfalls zu den größten Jugendförderern der Kurstadt gehört, hatte die Verordnung erst so interpretiert und Trainingspläne für mehrere Zweier-Teams erarbeitet und auch umgesetzt. Dabei wurde penibel auf alle Hygiene-Vorgaben geachtet. Und auch vom Trainingsverbot vor gut vier Wochen ließ sich der HCH nicht ins Bockshorn jagen. „Wir haben ein Patensystem installiert“, erzählt Pressesprecherin Kathrin Metzner, „unsere A-Knaben und A-Mädchen konnten sich in eine Liste eintragen und von jüngeren Spielern als Paten ausgewählt werden.“ Diese Duos, aber auch Geschwister oder Eltern mit ihren Kindern, konnten dann für einstündige Slots das ganze Spielfeld im Sportzentrum Nord-West buchen. Das Interesse war riesig, die Zeiten schnell ausgebucht.

An jenem Nachmittag steht sie, selbst Mutter von drei Hockeykids, im Eingangsbereich der Sportanlage und kann wieder einem regen Treiben auf dem Spielfeld zusehen. Es trainieren die B-Mädchen. In eingezeichneten Feldern vor dem geschlossenen Vereinsheim haben die Kinder zuvor ihre Fahrräder und Sporttaschen abgestellt. „Bag-and-Bike-Boxen“ hat der Club die Felder genannt. Eine pfiffige Idee aus dem vergangenen Frühjahr, um zu verhindern, dass die Kinder sich zu nahe kommen. Das dürfen sie nun auf dem Spielfeld wieder. 

An einem Tor üben Spielerinnen Strafecken und prüfen die Torhüterin, in der Mitte des Platzes hat Trainer Marcel Duft ein Feld mit Hütchen abgesteckt, in dem „fünf gegen fünf“ gespielt wird. Am anderen Tor laufen die Spielerinnen abwechselnd die Hunde- und Katzenkurve. So nennen Hockeyspieler es, wenn man sich auf dem Flügel von rechts (Hunde) oder links (Katzen) in einem Bogen dem Tor nähert. Abschließend erfolgt der Pass nach innen oder der Torschuss. Mit dabei: eine Mitspielerin, Gegenspielerin, Torfrau. Die A-Mädchen haben sichtlich Spaß dabei.

Marcel Duft, Jugendtrainer des HC Bad Homburg, bei der Teamansprache.

Jede Mannschaft sei im, ab dieser Woche geltenden, Trainingsplan berücksichtigt worden, sagt Kathrin Metzner und hält eine Tabelle mit blau, grün und rot hinterlegten Kästchen hoch. Auch samstags wird rege geübt. 

„Hoffentlich kann das noch eine Weile so weitergehen“, sagt die Bad Homburgerin. Die Infektionszahlen steigen wieder. Wenn in Hessen der Inzidenzwert 100 überschritten wird, dürfen die Vereine wieder nur eingeschränkt ihr Jugendtraining anbieten. Doch auch auf diese Situation wird man sich beim HCH einstellen. Das weiß inzwischen sogar die Nationalmannschaft.

Als sich immer mehr Jugendfußballer wie die der „Bomber“ in den Netzwerken mit Schildern fotografieren ließen, haben sowohl DJK als auch HCH einen Film veröffentlicht. Für den Hockeyclub schnitt Jacob Burkhardt, FSJler des Vereins, den Streifen, in dem viele Mitglieder zu Wort kamen. Der Verein streamte ihn, der Film wurde eifrig geteilt, auch von Hockey-Nationalspielern – und man erreichte auf Facebook und Instagram mehr als 12 000 User. Das fühlte sich fast wie ein Sieg an – wenn schon keine Spiele sind. . .

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