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Jule Niemeier: Eine, die es drauf hat

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Von: Thorsten Remsperger

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Mit voller Konzentration spielt Jule Niemeier einen Volley.
Mit voller Konzentration spielt Jule Niemeier einen Volley. © Heiko Rhode

Jule Niemeier (22) ist die deutsche Tennis-Hoffnung. Sie hat das Können und das Selbstbewusstsein. Jetzt muss sie lernen, dem Druck standzuhalten.

Bad Homburg -Menschen aus dem "Pott" tragen ihr Herz zumeist auf der Zunge und sind nicht selten impulsiv. Wer diese zugegebenermaßen recht pauschale Einschätzung nicht teilt, sollte sich mal ein, zwei Stunden vor Anpfiff eines Bundesligaspiels ins Dortmunder Fußballstadion begeben. Jule Niemeier ist Dortmunderin, Borussia-Dortmund-Fan und trägt ihr Herz auf der Zunge - und wenn's für sie als Tennisspielerin eine Enttäuschung gegeben hat, sagt sie lieber erstmal nichts. Bevor sie sich den Stachel des Niederlagenschmerzes noch tiefer in die Seele rammt.

So geschehen am Dienstagabend im Sonnenuntergang bei den Bad Homburg Open, als die Nachwuchshoffnung des deutschen Tennis ihr Achtelfinalspiel gegen Daria Kasatkina mit 1:6, 6:3, 1:6 verloren hatte. Zu einem kurzen Wink ins Publikum reichte es gerade noch, dann packte sie in Windeseile ihre Tasche und dampfte auch schon ab. Autogramme? Heute nicht. Selfies mit den Fans? Um Gottes Willen. Und den Termin im Medienzentrum ließ sie platzen. Besser so.

Sie war wieder so dicht dran. Das Ergebnis täuscht darüber hinweg, dass die 22-Jährige beim Wimbledon-Vorturnier es locker drin hatte, eine Top-20-Spielerin zu schlagen. Im zweiten Satz waren einige Fans auf die nur noch spärlich besuchte Tribüne des Centre Courts im Kurpark zurückgekehrt, als Niemeier in den ersten vier Aufschlagspielen die Nummer eins der Setzliste und Nummer 13 der Welt regelrecht vorführte.

Wuchtiges Spiel, auch gerne am Netz

Sie schlägt die Bälle so schnörkellos und wuchtig wie kaum eine andere im 32er-Feld, spielt dank ihres starken Aufschlags öfters Serve-and-Volley, kann aber auch elegante Rückhand-Cross-Bälle kurz hinters Netz platzieren. Doch zwischen mutigem Angriffsspiel und dem Zu-Schnell-zu-viel-wollen ist es ein schmaler Grat. Das zeigte sich dann wieder im dritten Satz, als die Deutsche im 1:43-Stunden-Match weiterhin ihre Chancen hatte, auch in den Aufschlagspielen der Russin.

Es lastet Druck auf Niemeier, früherer Schützling von Alexander Waske, die lange von Verletzungen geplagt war und im März 2021 über ihren Physiotherapeuten Florian Zitzelsperger zum Regensburger Trainer Michael Geserer gewechselt ist. Dort ist Niemeier regelrecht aufgeblüht. Sie selbst und jeder, der sie spielen sieht, spürt, was möglich ist.

Gegen Top-20-Spielerinnen nah dran am Sieg

Nach ihrer ersten Teilnahme an einem Grand-Slam-Turnier, dem Erstrunden-Aus mit 7:5, 4:6, 0:6 gegen die frühere US-Open-Siegerin Sloane Stevens bei den French Open, äußerte sie sogleich den kessen Wunsch, künftig die zweite Turnierwoche erreichen zu wollen. Prompt gewann die Fed-Cup-Spielerin im kroatischen Makarska auf Sand ihr erstes WTA-Turnier und war auf Rasen in Berlin gegen die spätere Finalistin Belinda Bencic beim 4:6, 7:5, 3:6 nah dran am Sieg. Und jetzt gegen Kasatkina nicht weit weg.

Am nächsten Tag erscheint Niemeier gerne zum Gespräch. Auch wenn sie erst spät, so gegen 1.30 Uhr, habe schlafen können. "Diese Matches sind extrem wichtig, dass ich lerne. Ich habe phasenweise besser gespielt als sie. Solche Gegnerinnen sind normale Spielerinnen, die in den entscheidenden Momenten einfach weniger Fehler machen", lauten ihre ersten Erkenntnisse.

Weitere Tennis-Talente auf der Tour

Die Dortmunderin gehört dem "Porsche Talent Team" des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) an, wie zum Beispiel auch Nastasja Schunk (18), Eva Lys (20) oder die sich im Abiturstress befindende Usingerin Mara Guth (wird morgen 19). Rechtshänderin Niemeier, mit kleinen Tattoos auf dem linken Arm, ist mit Abstand am weitesten und laut Weltrangliste derzeit drittbeste deutsche Spielerin (Rang 97) nach Angelique Kerber (18.) und Andrea Petkovic (56.). Die sind beide 34 Jahre alt, und auch wenn mit Serena Williams jetzt sogar eine 40-Jährige ihr Comeback angekündigt hat, ist klar, dass diese Persönlichkeiten nicht mehr ewig auf der Tour die Gesichter des DTB sein werden.

In Wimbledon erstmals im Hauptfeld

"Es ist schwierig, wenn alles auf einer Person wie Alexander Zverev bürdet", meinte Petkovic, auf das Nachwuchs-Thema angesprochen, am Rande der Bad Homburg Open. "Wir brauchen gute junge Spielerinnen und Spieler, um Tennis im Bewusstsein der Leute zu halten." Niemeier ist so eine. Die Darmstädterin hat deren Stärken schon zu spüren bekommen. In Straßburg verlor sie 3:6, 7:6, 3:6. "Mit so erfahrenen Spielerinnen wie ,Angie' oder ,Petko' auf der Tour sein zu können, genieße ich", sagt Niemeier. Mit Petkovic spiele sie in Wimbledon Doppel. Im Einzel steht die 22-Jährige erstmals im Hauptfeld und möchte "Runden gewinnen".

Wenn Jule Niemeier nach dem Physischen jetzt auch das Mentale in den Griff bekommt, darf man noch einiges von ihr erwarten. So wie bald von ihrem Lieblingsteam Borussia Dortmund in der Fußball-Bundesliga. "Mit den Sommer-Transfers", sagt der BVB-Fan lächelnd, "bin ich sehr zufrieden" .

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