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Vielseitig einsetzbar: Neuzugang Bryan Gaul genießt das Vertrauen von Kickers-Coach Oliver Reck.

US-Amerikaner Bryan Gaul

Kicken mit Beckham

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Der US-Amerikaner Bryan Gaul ist ein in jeder Beziehung interessanter Neuzugang der Offenbacher Kickers.

Bryan Gaul wäre ein typischer „Eishockey-Deutscher“: Er besitzt nicht nur einen deutsch klingenden Namen, sondern auch einen deutschen Schäferhund. Was laut Spöttern ja ausreicht, um beim Eisflitzen mit dem Puck nicht das Ausländer-Kontingent zu belasten. Gauls Pech: Er spielt Fußball. Sein Glück: Dort spielt die Nationalität keine Rolle. Es gibt keine freiwillige Einschränkung wie in den Eishockeyligen.

Eine Gemeinsamkeit mit den „Eishockey-Deutschen“ hat er aber doch: Ebenso wie sie versteht der in Naperville im Bundesstaat Illinois geborene Gaul zwar ein wenig die deutsche Sprache, sprechen möchte er aber nur in seiner Muttersprache. Und so beschreibt der 26-Jährige Offenbacher Neuzugang seine Erlebnisse mit David Beckham auf Englisch. Mit dem englischen Weltstar spielte der im urbanen Speckgürtel von Chicago aufgewachsene Bryan Gaul einst in Los Angeles. Mit 22 wurde er von L. A. Galaxy verpflichtet. Und durfte als linker Verteidiger in einer Elf mit Beckham, dem irischen Star Robbie Keane und dem ehemaligen US-Nationspieler Landon Donovan 2012 Meister in der Major League Soccer werden.

Für Fußball entschied sich Bryan Gaul relativ spät. „In meinen frühen Jahren habe ich alle möglichen Sportarten versucht. Soccer hat mich fasziniert, weil der Vater meines Freundes Tom King Funktionär beim Verband in Chicago, war und mich sowie meine Schwester Alexa zu Spielen mitnahm. Mit 13 musste ich mich entscheiden: Die Wahl fiel auf den in Chicago ziemlich populären Fußball“, beschreibt Gaul seine ersten Versuche mit dem runden Leder.

Die Zeit bei Galaxy bleibt für den Neu-Offenbacher unvergesslich. „Unsere Welt glitzerte dort wie die Pailletten eines Kleides von Victoria Beckham. Von den Stars habe ich sehr viel gelernt. Im Training, aber auch außerhalb des Fußballplatzes“, sagt Bryan Gaul, der sich noch erinnert, wie ihn der irische Rekordnationalspieler Robbie Keane bei seiner Premiere beruhigte: „Er sah, wie ich beim Warmmachen ständig an meinen Schuhen herumdokterte. Da legte er den Arm um mich und sagte: ,Junge beruhige Dich. Du beginnst heute und machst ein gutes Spiel.‘ Das hat geholfen.“ Besonders angetan war er aber von David Beckham. „Viele meinten, er wäre damals schon alt und faul gewesen. Das stimmt nicht. Es war ein Vergnügen, ihm auf dem Platz zuzusehen. Er war ohne Starallüren, zu uns immer aufgeschlossen und freundlich“, schwärmt Gaul über das Teenager-Idol, das er einmal sogar ausstach. „Das war in Portland, auf dem Flughafen. Wir waren bei McDonalds und wurden sofort von kreischenden Mädels belagert. Nach einer Zeit nahm ein Mädchen ihren ganzen Mut zusammen, ging auf David Beckham zu und sprach ihn an: ,Kennst Du Bryan Gaul.‘ Wie es David innerlich aufnahm, weiß ich nicht. Ich erinnere mich noch heute mit Vergnügen daran.“

Die Meisterschaft mit Galaxy war der Höhepunkt in Gauls Karriere. Danach lernte er die Schattenseiten des Fußballerlebens kennen. Eine Verletzung, nach der er in die Reserve abgeschoben wurde, Ausleihen, Trainerentlassungen und nervöse Schnellschüsse von Vereinen bis hinunter in die dritte US-Liga. „Von ganz oben bis ganz unten in nur vier Jahren“, beschrieb er vor einem halben Jahr bei der Ankunft in Bahlingen seinen Werdegang.

Der Wechsel nach Deutschland sei für ihn eine Erlösung gewesen. Sein Agent Axel Dierolf hat alles arrangiert. Der Spielerberater vermittelte bereits im Januar 2015 Bryans Schwester Alexa zum Frauen-Bundesligisten SC Sand. Im Januar 2016 kehrte die Torfrau in die USA zurück, um ihr Studium wieder aufzunehmen.

Dierolf, der in Bad Homburg lebt, hat bei den Kickers vor einem Jahr bereits den inzwischen wieder verkauften Devann Yao untergebracht. Auch Gaul wollte er im Januar zu den Kickers holen. Nachdem der Transfer aus Zeitmangel nicht zustande kam, heuerte der US-Boy in letzter Sekunde beim Tabellenvorletzten Bahlinger SC an. Der 1,95 Meter große Mittelfeldspieler mit flexiblem Einsatzspektrum schlug zwar auf Anhieb ein, den Abstieg des in der Regionalliga Südwest überforderten Neuling konnte er aber nicht verhindern. Es war für Gaul eine große Umstellung. Nach den Großstädten Chicago und Los Angeles ging es in die ländliche Idylle. „In den USA ist alles gigantisch, in Bahlingen alles winzig klein.“ Offenbach, wo er in einem Appartement im Zentrum vorläufig ohne seine Familie lebt, ist da zumindest wieder mehr städtischer.

Kickers Offenbach hatte es ihm schon angetan, als er mit dem Bahlinger SC am Bieberer Berg 0:4 verlor. „Das war mit Abstand das beste Team, gegen das wir gespielt haben. Die Fans waren im positiven Sinne verrückt.“ Eine Rolle spielte auch die gegenseitige Sympathie mit Oliver Reck. „Er ist ein Supertrainer, der als Spieler und Trainer Erfahrung bei großen Erstligaclubs mitbringt.“ Umgekehrt schwärmt auch Reck von seinem Neuzugang: „Er kennt sich mit dem Regionalligafußball aus, ist flexibel einsetzbar als Zehner, Sechser oder Sturmspitze. Er ist groß und körperlich präsent, und er weiß auch, wo das Tor steht.“

Als sogenannter Zehner spielt Bryan Gaul nach eigenem Bekunden am liebsten. Nur das mit dem Toreschießen, dass muss er noch üben. In den bisherigen Testspielen konnte er sich selbst gegen die Zweitliga-Profis von Fortuna Düsseldorf gut in Szene setzen. Auch gegen Burghausen war er nicht nur wegen seiner Größe nicht zu übersehen. Nur das gegnerische Tor sucht er immer noch. Vielleicht findet er es heute beim Zweitligisten 1. FC Heidenheim (19 Uhr). Dies ist die Generalprobe der Kickers vor dem Punktspielstart am Freitag, in einer Woche in Worms.

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