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Isländer unter sich: Dagrun Sigurdardottir, Fannar Örn Kolbeinsson, Heidrun und Asrun Sigurdardottir sowie Haukur Eythorsson (von links).

Interview

Kickende Isländer: "So feiern wir Weihnachten"

Fünf Isländer, die Fußball spielen und ihr sportliches Zuhause in Rüsselsheim und Umgebung haben: Die müssen an einen Tisch, dachten sich Echo-Sportredakteurin Kerstin Schellhaas und Echo-Mitarbeiter Dirk Winter. Im Gespräch mit den quirligen Schwestern Asrun, Dagrun und Heidrun Sigurdardóttir von Opel Rüsselsheim und ihren Landsleuten Haukur Eythorsson und Fannar Örn Kolbeinsson von Rot-Weiß Walldorf, die sie im Vereinsheim des SC Opel Rüsselsheim trafen, bekamen die beiden Echo-Mitarbeiter einen Eindruck davon, warum die Isländer bei der Fußball-EM im Sommer in Frankfurt einen so sympathischen Eindruck hinterlassen haben.

Während der Fußball-Europameisterschaft haben wir viel über Island gelernt, unter anderem dass alle Isländer irgendwie miteinander verwandt sind. Wie seid Ihr verwandt?

HAUKUR: Fannar und ich sind Cousins.

DAGRUN, ASRUN UND HEIDRUN: (lachen) Sieht man doch, dass wir Drillinge sind . . .

HAUKUR: Wer weiß, vielleicht sind wir mit den Mädels auch verwandt? Über fünf bis sieben Ecken . . .

Und ist einer von Euch mit einem der Fußball-Nationalspieler verwandt?

FANNAR: Ja, ich. Mit Runar Mar Sigurjonsson, Profi von Grashoppers Zürich. Er ist mein Cousin. Seine Mutter und mein Vater sind Geschwister.

Dann warst Du bei der EM ganz nah dran?

FANNAR: Klar. In Island hatte ich Tickets für jedes Nationalspiel. Bei der EM war ich zum Viertelfinale in Paris.

Bei der 2:5-Niederlage gegen Frankreich.

FANNAR: Ja, unser letztes Spiel. Aber es war ein tolles Erlebnis.

Hattet Ihr während der EM Kontakt nach Hause?

HEIDRUN: Ja, alle waren einfach total aufgeregt. Jeder saß vor dem Fernseher, hat die Daumen gedrückt und das Team angefeuert. Das war das größte Ereignis in Islands Sportgeschichte.

Und wie habt Ihr hier die Spiele verfolgt?

HEIDRUN: Asrun und ich waren bei drei Spielen in Frankreich. Gegen Portugal, gegen Ungarn und Österreich. Wir waren in Marseille und sind von dort zu den Spielen gefahren.

ASRUN: Und als wir zurück in Frankfurt waren und da mitgekriegt haben, dass wir es ins Viertelfinale geschafft haben, haben wir gedacht, das dürfen wir nicht verpassen, und sind zurückgefahren nach Frankreich, um das Spiel zu sehen.

Wart Ihr stolz auf Eure Mannschaft?

ALLE: Ja, und wie!

Island hat nur 30 000 Vereinsmitglieder im Fußball. Allein Hessen hat 16-mal so viele Mitglieder (492 000). Trotzdem hat es Island in der Fifa-Weltrangliste bei den Frauen auf den 16. Platz und bei den Männern auf den 21. Platz gebracht. Woher kommt diese Stärke?

HAUKUR: Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wir nicht so viele Spieler haben. Ungefähr um 2002 herum haben alle Trainer, von der Jugend bis zur 1. Liga, mit großem Engagement und Begeisterung begonnen, den isländischen Fußball weiterzuentwickeln und zu verbessern. Wenn es nicht so viele Spieler gibt, können sich die Trainer besser auf die Talente konzentrieren. Wir haben verstanden, dass gezieltes Training das A und O ist. In Island hat ein Trainer maximal 20 oder 30 Kids, um die er sich kümmern muss. Und alle diese Trainer sind hochqualifiziert. Und dann haben sie so um 2005 herum angefangen, Hallen zu bauen, so dass wir auch den Winter hindurch spielen konnten.

HEIDRUN: Ja, vorher wurde quasi nur im Sommer Fußball gespielt und im Winter Handball, weil das Wetter im Winter uns nicht erlaubt hat Fußball zu spielen. Und bei den Zahlen müssen wir auch berücksichtigen, dass 30 000 von 300 000 Einwohnern ein hoher Prozentsatz ist.

Dabei ist Fußball gar kein Nationalsport . . .

FANNAR: Eigentlich war es Handball. Aber das hat sich seit der EM geändert.

HAUKUR: Ja, das war definitiv der Wendepunkt. Es gab schon immer viel mehr, die Fußball gespielt haben als Handball, aber wir waren immer viel erfolgreicher im Handball.

Handball? Da haben wir in Deutschland auch einen erfolgreichen Isländer als Trainer: Dagur Sigurdsson, der nun nach Japan geht. Was haltet Ihr davon?

HAUKUR: Das ist natürlich schade. Ich finde, er hätte in Europa bleiben sollen. Er ist wirklich ein super Trainer. Ich habe einige Freunde, die Handball spielen, und alle sagen nur Gutes über ihn. Nach Japan zu gehen, ist ein großer Schritt. Aber er ist sehr intelligent und wird wissen, was er tut.

Wie gut die isländischen Fußballer sind, haben wir bei EM gesehen, aber wie ist die Situation des Frauenfußballs in Island? Wie viele Mannschaften, wie viele Ligen gibt es?

HEIDRUN: Wir haben drei Ligen. Die 1. Liga ist gut, vergleichbar mit der 2. Bundesliga in Deutschland. Dagrun und ich haben 2014 im Sommer dort gespielt, in der 1. Liga für unser altes Team.

HAUKUR: Nur ein Beispiel: Eidur Gudjohnson. Er hat für Chelsea und Barcelona gespielt, der beste Spieler, den Island jemals hatte. Wir hatten viele gute Spieler, aber die Nationalmannschaft war echt schlecht, während die Frauen wirklich gut waren. Sie waren bei großen Turnieren, sie haben Spiele gewonnen.

HEIDRUN: Aber es gibt eben auch nicht genug Geld. Die Fußballerinnen müssen einen Job nebenbei machen. Wenn sie vom Fußball leben wollen, müssen sie nach Norwegen oder Schweden gehen.

FANNAR: Das ist das gleiche bei den Männern in der Nationalmannschaft. Die meisten spielen im Ausland.

Wie seid Ihr Drillinge eigentlich zum Fußball gekommen?

DAGRUN: Wir haben eigentlich alles ausprobiert. Wir haben Handball gespielt, und dann hat Heidi mit Fußball angefangen.

HEIDRUN: Ja, eine Freundin hat mich gefragt, ob ich nicht mitkommen will. Das habe ich getan. Und hatte Spaß daran. Und dann habe ich meine Schwestern gefragt, ob sie nicht mitkommen wollen.

DAGRUN: Wir waren neun oder zehn Jahre alt.

Wie kam es, dass Ihr in Deutschland in verschiedenen Vereinen gespielt habt?

HEIDRUN: Als wir nach Deutschland kamen, waren wir zuerst in Idstein. Da haben wir für Limburg gespielt. Und dann sind wir nach Frankfurt zur Schule gegangen, wo wir Abitur gemacht haben. Da haben wir uns gedacht, warum nicht für ein Frankfurter Team spielen? Und der erfolgreichste Frauenfußballverein in Frankfurt ist der FFC. Also dachten wir, das müssen wir probieren.

DAGRUN: Ich bin dann beim FFC geblieben, Heidrun wollte ihre Chance bei der Eintracht suchen, und Asrun wollte in einem Verein näher zu ihrer Wohnung spielen.

ASRUN: Ich hatte angefangen zu studieren und wohnte in Bornheim.

War das eine ganz bewusste Entscheidung, gemeinsam zu einem Verein zu gehen?

DAGRUN: Ich wollte gerne mit meinen Schwestern zusammenspielen, einfach, um mehr Zeit mit ihnen zu verbringen.

ASRUN: Wir motivieren einander.

DAGRUN: Ja, und sonst haben wir uns höchstens mal sonntags gesehen und jetzt in jedem Training und bei den Spielen am Wochenende.

Und Haukur und Fannar? Warum ausgerechnet Rot-Weiß Walldorf?

HAUKUR: Die kurze Version ist: Ich mag Deutschland, seit ich 2003 mit elf Jahren das erste Mal hier war. Ich hatte dann die Möglichkeit, als Austauschstudent für Wirtschaftswissenschaften an die Goethe-Uni zu gehen. Und über meinen Freund Bill Puckett aus England kam der Kontakt zu Daniele Campailla, der für Rot-Weiß Walldorf spielt, zustande. Ich weiß noch, beim ersten Training, ich war so schlecht! (alle lachen) Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat mir der damalige Trainer Kures Massali doch einen Vertrag gegeben. Und als ich zurück war in Island, hat Fannar mich angesprochen, dass er mal etwas anderes machen möchte. Und so haben wir uns entschieden, zusammen nach Deutschland zu kommen und haben bei Rot-Weiß Walldorf gefragt, ob sie uns wollen.

Was gefällt Euch in Deutschland – oder an uns Deutschen?

FANNAR: Alles hier ist viel billiger als in Island.

HEIDRUN: Und das Wetter ist besser. Es regnet nicht so viel wie in Island. Und die Deutschen sind sehr pünktlich.

ASRUN: Ja, das stimmt. Wenn wir sagen, wir treffen uns um sechs Uhr, dann sind Isländer um fünf nach sechs da und Deutsche um fünf vor sechs.

DAGRUN: Ich finde es toll, dass Deutschland viel multikultureller ist als Island. Als wir herkamen, hatten wir plötzlich Freunde aus aller Welt. In Island war an unserer Schule nur ein Kind aus Polen und ein adoptiertes Kind aus Indien. Das war hier zuerst ein kultureller Schock, aber es ist eine tolle Sache. Es erweitert deinen Horizont.

ASRUN: Und du hast hier viel mehr Möglichkeiten, etwas zu unternehmen.

DAGRUN: Du steigst in ein Auto, fährst ein paar Stunden und bist in einem anderen Land.

HEIDRUN: Besonders in den ersten Jahren haben wir das genutzt und sind als Familie viel verreist, waren in Italien, Spanien und Frankreich und wollten die Länder um Deutschland herum kennenlernen.

FANNAR: Aus Island kommst Du nur weg mit dem Flugzeug, Und das ist sehr teuer.

HAUKUR: Ich kann nicht allem zustimmen. Die Mädels waren ja noch sehr jung, als sie Island verlassen haben. Ich hatte schon einige Jobs in Island und habe dabei auch mit vielen Menschen aus anderen Ländern zusammengearbeitet. Ich kann nur sagen: Wir als Isländer schauen auf Deutschland und wissen, das ist eine wirtschaftliche Großmacht, die Deutschen sind sehr organisiert, sehr pünktlich. Das kombiniert mit der Möglichkeit zum Reisen, der Option, verschiedene Kulturen kennenzulernen, ist einfach toll. Ich hätte auch als Austauschstudent nach England gehen können, aber ich habe es nicht bereut, nach Deutschland gekommen zu sein.

Und was vermisst Ihr am meisten?

FANNAR: Meine Familie.

DAGRUN: Ja, die Familie. Und die Landschaft. Die saubere Luft, das saubere Wasser.

FANNAR: In Island kann man aus jedem See trinken.

DAGRUN: Und es ist das erste, was man tut, wenn man in Island gelandet ist: Wasser trinken.

ASRUN: Und wenn man aus dem Flughafen kommt, atmet man zuallererst tief ein und genießt die saubere Luft.

FANNAR: Nur das schlechte Wetter vermissen wir nicht. (alle lachen)

Es gibt ein Zitat des isländischen Schriftstellers Jón Kalman Stefánsson: „In Island gibt es mehr Chor-Mitglieder als Leute, die in einem Fußballverein spielen.“ Stimmt das?

FANNAR: Ja, definitiv.

HAUKUR: Überall im Land, besonders außerhalb der Hauptstadtregion, ist eigentlich jeder in einem Chor.

HEIDRUN: Jedes Mal, wenn wir mit unseren Verwandten zusammenkommen, singen wir.

DAGRUN: Da ist immer jemand, der damit anfängt. Und dann singen wir drauflos.

Ihr Drei singt also auch gerne.

HEIDRUN: Ja, absolut. Auch wenn wir ausgehen und da ist Musik, singen wir mit.

DAGRUN: Wir singen eigentlich immer.

FANNAR: Musik bringt die Menschen zusammen.

Wie sieht es mit Singen von Weihnachtsliedern aus?

HEIDRUN: Es gibt nur ein paar ursprünglich isländische Weihnachtslieder. Aber wir haben viele internationale Lieder, die ins Isländische übersetzt worden sind.

DAGRUN: Ich war total frustriert, dass hier im November noch keine Weihnachtslieder im Radio gelaufen sind. Da habe ich drei CDs aus Island mitgebracht, die ich die ganze Zeit höre.

Mal abgesehen vom Singen: Wie feiert Ihr Weihnachten in Island? Gibt es besondere Bräuche?

DAGRUN: Wir haben 13 Nikoläuse, die gemeinsame Eltern haben. Die Mutter dieser Brüder sieht aus wie eine Hexe.

FANNAR: Wie ein weiblicher Troll.

ASRUN: 13 Tage vor Weihnachten ziehen sie an jedem Abend in die Stadt. Man stellt einen Schuh draußen ins Fenster und findet dann später Kleinigkeiten darin.

HEIDRUN: Schokolade zum Beispiel.

FANNAR: Manchmal ist es aber auch nur eine Kartoffel.

DAGRUN: Die Weihnachtsfamilie hat auch eine große schwarze Katze. Und wenn man zu Weihnachten keine neue Kleidung bekommt, dann kommt die schwarze Katze und holt dich.

FANNAR: Fast alle der 13 Nikoläuse sind echt fiese Typen. Sie klauen und haben nur dummes Zeug im Kopf.

ASRUN: Sie haben auch total verrückte Namen wie beispielsweise Türzuknaller.

Wie feiert Ihr Heiligabend? Gibt es ein besonderes Essen?

HEIDRUN: Am Abend, um 18 Uhr, läuten die Kirchenglocken. Dann gehen wir in die Kirche zum Weihnachtsgottesdienst.

ASRUN: Aber erst mal umarmen wir uns natürlich. Das ist das einzige Mal, dass wir Isländer pünktlich sind: Bei der Umarmung um 18 Uhr.

HEIDRUN: Gegessen wird bei uns isländisches Lammfleisch.

HAUKUR: In meiner Familie gibt es zu Weihnachten seit jeher Hamborgarhryggur, das ist geräuchertes Schweinefleisch.

Gibt es auch einen Weihnachtsbaum?

ASRUN: Ja. Der wird früh geschmückt, schon im November, wenn die Weihnachtsvorbereitungen beginnen.

DAGRUN: Dann schneit es auch schon.

HEIDRUN: Wir kennen eigentlich kein Weihnachten ohne Schnee.

Und wie sieht es mit Weihnachtsgebäck aus?

HEIDRUN: Es gibt Lebkuchen und ein Gebäck namens Laufabraud, das heißt so viel wie Laubbrot.

ASRUN: Und isländische Lakritze. Die schmeckt ganz anders als die Lakritze in Deutschland.

HAUKUR: Die isländische schmeckt so gut, dass wir sogar Alkohol daraus machen.

Wie und wo feiert Ihr Weihnachten dieses Jahr?

HAUKUR: Fannar und ich fliegen zurück nach Island, um mit unseren Familien zu feiern.

HEIDRUN: Wir Drillinge feiern zusammen Weihnachten mit der Familie in Deutschland.

ASRUN: Das machen wir immer so: An Weihnachten ist die Familie zusammen. Da ist es egal, wie alt man ist.

Übernehmt Ihr dabei auch deutsche Traditionen?

DAGRUN: Wir pflegen unsere isländischen Traditionen.

Also Essen und Umarmen . . .

HEIDRUN: Genau. Und das Essen bekommen wir von Verwandten aus Island.

Dann haben wir jetzt noch eine Bitte: Würdet Ihr den Echo-Lesern ein schönes Weihnachtsfest auf Isländisch wünschen?

ALLE: Gledileg jól og farsælt komandi ár! (Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!)

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