Glückliche Momente: Lasse Hofmeister aus Königstein nach dem Wellenbad am Strand. Fotos: privat
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Glückliche Momente: Lasse Hofmeister aus Königstein nach dem Wellenbad am Strand von Kapstadt.

Hochtaunus

Kitesurfer Lasse Hofmeister: Wenn plötzlich alles ganz still wird

  • vonKatja Weinig
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Sekundenlang in der Luft, bis zu 20 Meter hoch: Der Königsteiner Lasse Hofmeister hat ein atemberaubendes Hobby. Porträt eines jungen Mannes, den der Kick über den Wellen fasziniert.

635 Kilometer lang ist der Weg von Königstein im Taunus bis nach St. Peter-Ording. Dort, an den weiten Stränden des Seebads, liegt das Trainingsrevier von Lasse Hofmeister, einem der besten deutschen Nachwuchs-Kitesurfer. So oft es neben der Schule möglich ist, fährt er fürs Wochenende per Zug oder mittels "Lift" (Mitfahrgelegenheit) ans Meer, die Ferien verbringt er ohnehin meist dort. Die Windvorhersage für die Küste hat der 18-Jährige per Handy-App jederzeit im Blick: "Wenn es Rot oder noch besser Pink wird, werde ich schon ganz unruhig", lacht er.

Als im Februar Orkantief Sabine über Europa fegte, setzte er sich kurzerhand mitsamt Ausrüstung in den Zug und fuhr zu Freunden nach Kiel. Gemeinsam rasten sie bei Sturmflut und Windstärke 10 über die Ostsee.

Frei wie ein Vogel: Lasse Hofmeister fliegt an der Küste Kapstadts auf dem Surfbrett durch die Luft.

Als Schleswig-Holstein wegen der Corona-Pandemie für Touristen dicht machte, war der Weg ans Meer auch für Hofmeister verschlossen. Einmal hatte er in den Ferien versucht, nach St. Peter-Ording zu gelangen, wo die Großmutter eine Wohnung besitzt - vergeblich. In Königstein saß der braun gebrannte Beachboy, der die blonden Haare meist mit Haarband oder Zopfgummi bändigt, auf dem Trockenen; Krafttraining sowie Skate- und Wakeboard waren nur ein schwacher Trost. Als die Strände für Touristen wieder öffneten, zählte er zu den ersten, die wieder auf dem Kiteboard standen.

Eigentlich sollte in diesen Tagen auch die Wettkämpfe beginnen. "Heats" heißen die Regatten, von denen die wichtigsten hierzulande auf Sylt, Usedom und in St. Peter-Ording sind. Wer beim dreiteiligen "Multivan Kitesurf Masters" die meisten Punkte in den Disziplinen Racing, Slalom oder Freestyle sammelt, wird von der German Kitesurf Association (GKA) und dem Deutschen Segler-Verband (DSV) zum Deutschen Meister gekürt.

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In diesem Jahr will Lasse Hofmeister in seiner Paradedisziplin Freestyle in der Jugendwertung "ums Treppchen mitfahren". Ob das klappt, ist noch offen: Die Heats im Mai an der Strandpromenade in Westerland fielen aus, auch die Rennen im Juni auf Usedom sind abgesagt. Die letzte Hoffnung ist, im August in "seinem Revier" mit dem Kite abheben zu können. Selbst wenn: "Viel Publikum und das ganze Drum und Dran wie die Verkaufs- und Materialzelte wird es ganz sicher nicht geben können." Für Veranstalter und Ausrüster ein herber finanzieller Dämpfer.

Das "Kiten" als Lebensgefühl

Erstmals ein Kitesegel in der Hand hatte der Gymnasiast, der bei einem auf Fehmarn ansässigen Hersteller unter Vertrag steht, mit zwölf Jahren. Gemeinsam mit dem Vater, einem passionierten Windsufer, absolvierte er einen Anfängerkurs in den Niederlanden. Schnell hatte der Junge den Dreh raus, und aus dem Schnupperkurs wurde eine sportliche Leidenschaft, sogar mehr als das: "Kiten ist für mich Lifestyle. Barfuß durch den Sand laufen, auf der Pritsche eines Pick-ups über den Strand fahren, die Freundschaften untereinander und halt die ganz besonderen Momente auf dem Wasser."

Wie das im Leben des Altkönig-Schülers konkret aussieht, kann man auf seinem YouTube-Kanal nachvollziehen. In einigen der sorgsam geschnittenen Videos erzählt er auch über seine Zeit als Austauschschüler in Südafrika.

Ein knappes Jahr lang lebte Hofmeister 2018/19 "mit massenweise Geschwistern" bei einer Gastfamilie in Kapstadt in einer 4-Zimmer-Wohnung, "in einer Gegend, die nicht gerade zu den Besten gehört". Die Familie sei überaus herzlich gewesen und habe ihn so wie seine Liebsten daheim rundum unterstützt. Jeden Tag fuhr er nach der Schule an einen der berüchtigten Surfer-Strände, fand schnell Freunde. Nicht zuletzt wegen der meist konstant kräftigen, parallel zum Ufer wehenden Winde gehört Kapstadt zu den weltweiten "Hotspots" der Kiteszene.

Der stark Wellengang macht dort auch "Big Air" möglich, wie die extrem hohen und langen Sprünge heißen. Der Weltrekord liegt bei knapp 34 Metern über der Wasseroberfläche. Hofmeister hat es, belegt durch einen Höhenmesser auf dem Board, schon auf schwindelerregende knapp 20 Meter gebracht. Bis zu zehn Sekunden dauert die Luftfahrt.

"Der Moment, wenn du abhebst, ist einfach unglaublich", erzählt er. "Vorher nimmst du noch alles wahr, den Wind, die Anfeuerung von Strand, und dann wird alles plötzlich ganz ruhig, man hört nichts mehr und fliegt nur noch." Sekundenlang die Schwerkraft überwinden, die Welt von oben sehen - Adrenalin pur. Auf dem Scheitelpunkt der Flugkurve angekommen, ist volle Konzentration gefragt, denn die Landung muss vorbereitet werden: die Wasseroberfläche beobachten, Segel und Board ausrichten. Wenn alles glatt geht, ist die Landung weich.

"Ich bin bislang immer ganz gut runtergekommen", erzählt der 18-Jährige, der im Training zwar ohne Helm, immer aber mit Prallschutzweste unter dem Neoprenanzug unterwegs ist. Nur "ein oder zwei blöde Crashs" hatte er, einmal verbunden mit einer Gehirnerschütterung und zeitweisem Gedächtnisverlust.

"Big Air" ist an der Nord- und Ostsee selten möglich, der Wind weht dafür zu schwach. Hier konzentriert sich Lasse Hofmeister daher auf Freestyle, feilt an Sprüngen und Tricks, bezeichnet sich selbst als "sportlich ziemlich ehrgeizig". Er plant die Ausbildung zum Kitelehrer und möchte sich in den kommenden Jahren in der deutschen Spitze etablieren. Seine größten Ziele: ein Mal an der "Red Bull Megaloop Challenge" im holländischen Zandvoort teilnehmen oder an der "Red Bull King of the Air" - natürlich in Kapstadt. 

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