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AF-Projektleiter Christian Heintz (Bildmitte) führt den Ball, im Hintergrund schaut Jörg Schmidtke (2. von rechts) zu.

Amputierten-Fußball, Training in Seulberg

An Krücken kicken echte Vorbilder

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Beeindruckendes erleben 65 Jugendfußballer in Seulberg. Fußball, ohne sehen zu können? Geht. Fußball mit nur einem gesunden Bein? Geht auch.

Der neue Vorstand setzt beim SV Seulberg auf das bewährte Angebot, zu dem auch das Fußball-Camp im Herbst gehört. Trainingseinheiten im Blindenfußball und im Amputierten-Fußball sind für die 65 Teilnehmer und den 15-köpfigen Trainerstab um Susi Rexhausen jedoch außergewöhnliche Erfahrungen gewesen.

Dank der Freundschaft von SVS-Präsident Martin Volk und Thorsten Picha (Teutonia Köppern), dem Inklusions-Beauftragten des Hessischen Fußball-Verbands, durften die Jungs und Mädchen sich im Blindenfußball ausprobieren. Dazu haben sie Schlafbrillen aufgesetzt und das Kicken mit Rasselbällen ausprobiert. Seit 2008 gibt es sogar eine Blindenfußball-Bundesliga, Deutscher Meister sind die Sportfreunde Blau-Gelb Marburg.

War dieser „Abstecher“ für die Seulberger Kids schon etwas Besonderes, so durften zum Abschluss einige C-Jugendspieler an einem Match von neun Amputierten-Fußballern teilnehmen, die zu einem Trainingslager in Seulberg zusammengekommen waren und im Hotel Molitor übernachteten.

Amputierten-Fußball (AF) wird seit Mitte der 80er Jahre gespielt. Am 1. Januar ist das Projekt „Amputierten-Fußball im Verein: Mittendrin statt nur dabei“ durch den Verein Anpfiff ins Leben Walldorf/Hoffenheim gestartet worden. Dietmar Hopp ist einer der Gründer des Projektes, das von der Stiftung „Aktion-Mensch“, der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bunds sowie den Landesverbänden unterstützt wird.

Projektleiter ist der 35-jährige Christian Heintz, der in der Verbandsliga spielte, ehe seine sportlichen Träume 2010 durch einen Autounfall erst einmal zerbrachen. Als Folge musste Heintz der rechte Unterschenkel amputiert werden, wodurch er sich aber nicht unterkriegen ließ. 2012 nahm er auf zwei Krücken wieder an einem Fußballtraining teil, bestritt schon 2014 die Weltmeisterschaft in Mexiko und war einer der Initiatoren, die 2015 Amputierten-Fußball in Deutschland organisierten.

Botschafter Lewandowski

Es gelang in der Anfangsphase, eine Mannschaft zusammenzustellen, die dann – mangels Konkurrenz – 2017 als Anpfiff Hoffenheim in der polnischen Liga mitspielte und an der EM in Istanbul teilnahm. Offizieller Botschafter der polnischen AF-Nationalmannschaft ist übrigens Bayern-Torjäger Robert Lewandowski. „Solch eine Gallionsfigur wünsche ich mir auch in Deutschland“, sagte Heintz am Rande des Trainingslagers.

Amputierten-Fußballer beim Schusstraining in Seulberg

Aktuell gibt es in Deutschland zwei Zentren für den Amputierten-Fußball: eines in Hoffenheim und das andere in Braunschweig, wobei ein- bis zweimal im Monat trainiert wird und das Einzugsgebiet der Spieler 80 bis 100 Kilometer beträgt. Der Bad Homburger Jörg Schmidtke nahm in Seulberg das erste Mal am Training teil. Der 36-jährige Senior Manager eines Medizintechnik- und Gesundheitsunternehmens war seit der Kindheit als Fußballer, Volleyballer und Basketballer aktiv. Seit der Amputation spielt er beim DC Flying Eagles Dart und seit Juni ist er Mitglied bei Anpfiff Hoffenheim. „Wir müssen die Möglichkeiten des Amputierten-Fußballs öffentlich machen und direkt in Orthopädiehäusern und an Unfallklinken Werbung für unsere Sache machen“, hofft Schmidtke, dass Barrieren im Kopf gelöst und Vorbehalte gegen Menschen auf Krücken abgebaut werden können.

Dass die Amputierten-Fußballer parallel zu den Seulberger Kids trainierten, kam nur deshalb zustande, weil der Sportplatz am Wiesenborn von der Stadt Bad Homburg gesperrt worden war. Aber dank der Initiative von SGK-Jugendtrainer Ricardo de Almeida sowie der Kontakte von Picha und Volk wurde kurzfristig die Ausweichstätte im Seulberger Sportpark organisiert. Dort haben die Amputierten-Fußballer auf ihren beiden Krücken aller Voraussicht nach nicht zum letzten Mal – des öfteren spektakulär per Fallrückzieher – den Ball ins Tor geschossen. „Wir haben bereits Gespräche für ein weiteres Trainingslager im Jahr 2020 geführt“, berichtete Christian Heintz, der von der herzlichen Aufnahme beim SVS überwältigt war.

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