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Max Grabosch (Königsteiner LV) beim Spaziergang auf seiner Trainingsstrecke am Frankfurter Stadtwald.

Leichtathletik

Der lange Weg des Max Grabosch

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Gleich seine erste Zeit über 10 000 Meter war die beste für einen deutschen Läufer in seiner Altersklasse seit Jahren. Warum Max Grabosch vom Königsteiner LV dennoch viel Geduld benötigt, um seine Ziele zu erreichen, und warum ihm die Corona-Krise bisher nichts anhaben kann.

Frankfurt/Königstein – Wer mehr über Max Grabosch erfahren möchte, muss in Bewegung sein. Das hat mit Corona zu tun, aber auch mit dem jungen Mann, der zu den größten deutschen Talenten auf der Langstrecke zählt.

Grabosch erscheint zum Interview-Termin bei empfindlicher Kälte in seinem Laufdress, ganz in Schwarz. Hier am Leistungszentrum des Hessischen Leichtathletik-Verbandes an der Hahnstraße in Niederrad kann man sich während eines Spaziergangs am besten austauschen, wenn wegen einer Pandemie sämtliche Cafés geschlossen haben, die Carl-von-Weinberg-Schule in Schwanheim lieber keinen externen Personen Zutritt gewährt und die Redaktion für den führerscheinlosen Gesprächspartner eine halbe Weltreise entfernt ist. Der Treffpunkt ist Grabosch nicht unrecht. Auf den Wegen des Frankfurter Stadtwaldes unterwegs zu sein, an der frischen Luft, liebt der blonde Schlacks, der sich freundlich und zurückhaltend gibt. Er strahlt die Mischung aus Ruhe, Demut und Unbekümmertheit eines 18-Jährigen aus. Tatsächlich ist sein Temperament aber hier, beim täglichen Training, schon öfters auf die Probe gestellt worden. 90 Kilometer – ja, neunzig – beträgt sein wöchentliches Pensum derzeit, in einer Aufbauphase, in der die Saison noch in weiter Ferne liegt.

Max Grabosch beim Burg-Meeting in Königstein.

Wenn Grabosch dann am frühen Vormittag im Rahmen des Unterrichts oder nach der Schule seine Runden dreht – zehnmal pro Woche, Krafttraining kommt noch dazu – benutzt er zum Teil auch die breiten Straßen, auf denen am südlichen Stadtrand kaum ein Auto unterwegs ist. Die Gehwege sind manchmal zu eng und holprig, und die Straße eignet sich besser für Tempoläufe des jungen Athleten. Deswegen ist er nicht ausschließlich auf Waldwegen unterwegs. Jedoch möchte das nicht jeder Autofahrer akzeptieren.

Es wird gehupt, sich aus geöffnetem Fenster heraus beschwert, „einer ist mir sogar mal aufgeregt hinterher gefahren“, erzählt Grabosch mit einem Lächeln. Dabei provoziert er keineswegs. Er läuft einfach nur im strammen Tempo bei sehr überschaubarem Verkehrsaufkommen am Straßenrand, manchmal auch in einer Reihe mit seinen ebenfalls jugendlichen und sehr talentierten Trainingspartnern Sven Wagner und Christoph Schrick. Doch so etwas ist im Plan von Autofahrern nicht unbedingt vorgesehen.

Dass Max Grabosch wochentags fern seines Elternhauses in Dreieich unterwegs ist, hat er vor zweieinhalb Jahren selbst so gewollt. „Ich glaube, meine Eltern hätten mich lieber noch daheim behalten“, lächelt er. Doch näher an seiner Laufgruppe mit Landestrainer Benjamin Stalf zu sein, war für den Teenager nur eine logische Konsequenz seines Hobbys, dessen Ausübung immer professioneller geworden sei.

An der Eliteschule des Sports in Schwanheim kann er ein auf 14 Schuljahre gestrecktes Abitur absolvieren. Der Schüler mit den Leistungskursen Biologie und Sport hat dadurch mehr Zeit, sich seiner sportlichen Laufbahn zu widmen. Der gilt sein Fokus. Aus freiem Willen. Nicht aus Zwang. Das wird im Gespräch deutlich.

Der Lieblingssport als Berufswunsch

„Für mich steht jetzt schon fest, dass ich den Sport zu meinem Beruf machen möchte“, sagt Max Grabosch. „Ich mache das, was ich am besten kann. Ohne Erfolg würde es aber natürlich nicht so viel Spaß machen.“

Trotz seiner erst 18 Jahre ist Grabosch schon lange dabei. Nachdem er im Kindergartenalter neben Papa Stefan, einem früheren Radrennfahrer, auf dem Drahtesel begonnen hatte, machte er als Neunjähriger beim Volkslauf in Trebur mir – und gewann.

Bei seinem Heimatverein SSC Hanau-Rodenbach setzte der Junge fortan nur noch aufs Laufen, stieg dann vor vier Jahren in Stalfs Trainingsgruppe ein und wechselte im vergangenen Jahr zum Königsteiner LV. Das führte zum Gewinn zweier deutscher Jugendmeisterschaften in der Saison 2019: über 3000 Meter (in der Zeit von 8:46,61 Minuten) und 2000 Meter Hindernis (6:03,75).

Doch diese Leistungen waren noch nichts im Vergleich zu seinem Durchbruch in diesem, für so viele verhexten Jahr. Nicht für ihn. Die Corona-bedingte Pause spielte Grabosch in die Karten.

Nach dem abgebrochenen Trainingslager in Südafrika im März konnte er seine Verletzung an der Patellasehne richtig auskurieren und sich in aller Ruhe auf den verspäteten Saisoneinstieg im Juli vorbereiten. Der „Mitsommerlauf“ in Regensburg sollte eigentlich „ein Wettkampf zum Reinkommen“ sein, wie Grabosch erzählt; es war sein erster über 10 000 Meter überhaupt.

Internationale Starts erwünscht

„Ich habe es mir deutlich anstrengender vorgestellt und war selbst überrascht, dass ich so gut war“, sagt er. Seine Zeit 30:19,20 Minuten war die beste eines deutschen Nachwuchsläufers für die 25 Stadionrunden seit Jahren. „Ein beeindruckender Auftritt mit einer Wahnsinnszeit“, schwärmte Trainer Stalf.

Seitdem ist klar: Grabosch kann im Langstreckenlauf viel erreichen – „wenn ich gut durchkomme, mich nicht verletzte, das ist immer die Voraussetzung.“ Er fügt das im Gespräch mehrmals an, möchte keine zu hohen Erwartungen wecken. Denn Langstreckenläufer müssen langfristig denken. So langfristig wie keine anderen Sportler. In Jahren Ihr höchstes Leistungsvermögen erreichen sie erst, wenn beispielsweise Schwimmer schon ihre Karriere beendet haben.

Kaum zu glauben: Das höchste Trainingspensum, das der Bundeskaderathlet je absolvierte, dient momentan vor allem dazu, seine Grundschnelligkeit zu verbessern. In den nächsten zwei, drei Jahren werde er deswegen auch weiterhin über die Mittelstrecken (1500 und 5000 Meter) starten. Gerne auch schon bei internationalen Meisterschaften, so sie Corona denn im kommenden Jahr zulassen. „Wenn ich gut durchkomme“, sagt Grabosch wieder, „wird es auf den Marathon hinauslaufen.“ Und bestenfalls wolle er irgendwann bei Olympia antreten.

Bis dahin liegen noch Tausende von Trainingskilometern im Frankfurter Stadtwald vor dem jungen Mann. Am Wochenende dreht er im heimischen Dreieich seine Runden. Das wird auch an Weihnachten so sein.

Nach dem letzten Wettkampf des Jahres im Oktober, dem „10K Invitational“ in Berlin, wo er in 30:31 Minuten fast den sechs Jahre alten U20-Hessenrekord im Straßenlauf unterbot, sollte er laut Trainingsplan auch mal eine Pause einlegen. Grabosch verkürzte sie eigenhändig auf drei Tage und lief schon wieder los. „Ich fühle mich sonst unwohl.“

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