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Maryse Luzolo im HLV-Leistungszentrum

Leichtathletik

Maryse Luzolo: Das Comeback des Jahres

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Die Weitspringerin Maryse Luzolo war fast schon in der Weltspitze. Durch einen unverschuldeten Unfall musste sie wieder bei Null anfangen. Die Geschichte eines außergewöhnlichen Comebacks einer außergewöhnlichen Sportlerin.

Wenn Maryse Luzolo über ihre lange Leidenszeit spricht, eine Leidenszeit, die man sich in diesem Ausmaß nur schwer vorstellen kann, dann hört sich das an, als ob sie von einem Urlaub erzählt. Es stand für sie ja auch außer Frage, dass sie wieder zurückkommt.

Viel Lebensfreude schwingt in den Worten der 24-Jährigen mit, die nach einer Trainingseinheit im Leistungszentrum des Hessischen Leichtathletik-Verbandes in Niederrad auf der Tribüne sitzt. Lässige Löcher-Jeans, weites T-Shirt, dezenter Schmuck um den Hals. Sie wirkt fröhlich, wenn sie etwas erzählt, ihre Augen hinter der runden Brille strahlen fast durchgängig. Selbst als sie vom 21. Juni 2017 berichten soll, dem Tag, der rückblickend ein krasser Einschnitt in ihrem Leben war. Nicht wenige rechneten mit dem Karriereende für eine der besten deutschen Weitspringerinnen.

Zwei Tage zuvor, am 19. Juni 2017, hatte die Tochter kongolesischer Eltern, in Nieder-Eschbach aufgewachsen, für den Königsteiner LV startend, ein weiteres Mal ihr Ausnahmetalent unter Beweis gestellt. Sie war in Leverkusen Deutsche Meisterin der Altersklasse U23 geworden. Hatte im letzten Versuch „einen rausgeholt“, wie sie erzählt. 6,57 Meter, nur in Oberteuringen war sie im selben Monat noch vier Zentimeter weiter gesprungen. Ähnliche Leistungen hatten Luzolo im Winter 2017 erstmals zu den Hallen-Europameisterschaften geführt – der Aktiven, wohlgemerkt. Das Ticket zur Junioren-EM in Polen war ihr nun sicher. Und als die deutsche U23-Meisterin dann am 21. Juni vormittags auf der Laufbahn des HLV-Leistungszentrums trainierte, und Jürgen Sammert sie sprinten sah, da rief der Trainer ihr zu, dass er ihr inzwischen eine Weite von 6,80 Meter zutraue. Das will etwas heißen. Sammert hat ein Auge für so etwas, der Mann hat schon international erfolgreiche Mehrkämpfer wie Pascal Behrenbruch und Claudia Rath in die Weltspitze geführt.

An jenes Sprinttraining kann sich Maryse Luzolo noch lebhaft erinnern. Auch an Sammerts Worte. Sie strahlt, wenn sie davon erzählt. Alles lief bestens. Der Sommer 2017 sollte ihrer werden.

Am Nachmittag fand sich die Weitspringerin am Olympiastützpunkt Hessen an der Otto-Fleck-Schneise ein. Krafttraining war angesagt. Der Muskelaufbau gehört auf den Trainingsplan der Bundeskaderathletin, genauso wie die Sprünge. Dazu setzte sich Luzolo für eine Übung an das „IsoMed 2000“, ein Trainingsgerät aus der Medizintechnik. Man könnte es als vollautomatisierte Beinpresse bezeichnen.

„Zur Vorbereitung werden der Oberschenkel und das Kniegelenk fixiert“, beschrieb Werner Schaefer, Leiter des Olympiastützpunktes (OSP), einmal in einem Interview des Hessischen Rundfunks. Die Beinmuskeln werden dann maschinell gebeugt und gestreckt, es kommt zu einer „umfassenden Einschätzung des muskulären Funktionsstatus“, heißt es in der Beschreibung des Geräts auf der OSP-Homepage. Ein standardisierter Vorgang, der immer gleich abläuft. Bis an jenem Nachmittag des 21. Juni 2017.

Das verletzte Knie von Maryse Luzolo nach der Operation.

Warum das Gerät verrückt spielte, ist bis heute unklar. Das fixierte linke Bein von Maryse Luzolo wird überstreckt, sie schreit vor Schmerzen. Das vordere und hintere Kreuzband reißt, das Außenband, der Biceps Femoris und die Popliteussehne auch, die Kapsel wird gesprengt. „Ich sah es kommen, doch ich hatte keine Chance“, erzählt Luzolo gut zwei Jahre nach dem Unfall, ganz ruhig und unaufgeregt. „Ich bin seit 30 Jahren dabei, und so eine Geschichte hatten wir noch nie“, sagte OSP-Leiter Schaefer damals im Interview.

Inzwischen hat das Versagen der Technik ein juristisches Nachspiel. Es geht um Schmerzensgeld und Schadensersatz, der Luzolo zweifelsohne zusteht, für den aber noch niemand aufgekommen ist. Die Athletin erwähnt das nur auf Nachfrage, es geht ihr als Sportlerin ja um andere Dinge. Sie wird nach dem Unfall in einem Krankenhaus eilig untersucht, eine MRT zeigt die katastrophalen Folgen genau auf. Ein Tag später liegt sie in der BGU-Unfallklinik, am Tag darauf wird sie von Dr. Frederic Welsch operiert. Fast vier Stunden dauert der Eingriff. Eben noch im traumhaften „Sommer ihres Lebens“ war Maryse Luzolo – und jetzt in einem Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt.

„Die Sehne wurde mit Titanhaken am Knochen befestigt“, erklärt Luzolo im TZ-Interview und zeigt ihr linkes Knie, an dem eine lange Narbe zu sehen ist. Eine Woche liegt sie in der Klinik, für zehn Wochen wird eine Streckschiene am Bein befestigt, damit es ruhiggestellt ist. Erst dann bekommt die junge Frau eine andere Bandage, mit der das Knie wieder gebeugt werden kann. „Ich habe das Laufen neu gelernt“, lächelt die 24-Jährige, „mit ganz kleinen Schritten.“

So schnell wie möglich wollte Maryse Luzolo wieder auf den Sportplätzen dabei sein. Auch schwer verletzt schaute sie bei den Wettkämpfen zu. Warum sie sich das gegeben hat? Die Leichtathletik ist ihr Leben. Es habe immer genügend Menschen gegeben, die sie beruhigt hätten, wenn sie einmal ungeduldig worden sei, erzählt sie von einer ganzen Saison, in der sie nur zusah. Viele hätten auch gedacht: „Das wird nichts mehr.“ Direkt angesehen hätte sie das Leuten, die dieser Meinung war. Alles kein Problem, sagt die Weitspringerin. „Mir kam es nicht in den Sinn zu sagen: ,Ich gebe auf.‘ Es war klar, dass ich das wieder machen werde.“

Viel Dankbarkeit empfindet Luzolo, wenn sie an die schwere Zeit zurückdenkt. Ihr Freund (David Corell, Nachwuchsbundestrainer für Sprinter, Anm. d. Red.) habe sie überall hingefahren, die Reha-Zentren in Wiesbaden und Neu-Isenburg sie bestens betreut, der Deutsche Leichtathletik-Verband ihren Kaderstatus belassen, obwohl sie keine Wettkampfleistungen erbringen konnte. Die Bundeswehr als ihr Arbeitgeber stand hinter ihr, ein Sponsor hielt ihr die Treue. Bis Maryse Luzolo die lange Phase der Rehabilitation abgeschlossen hatte und wieder ins normale Training einsteigen konnte, in die Gruppe von Jürgen Sammert um die Olympia-Vierte Carolin Schäfer, dauerte es bis zum Oktober des vergangenen Jahres. Sie fuhr mit in die Trainingslager nach Südafrika, auf Lanzarote, in die Türkei. Um das Knie zu schonen, wechselt sie regelmäßig ihr Sprungbein, wobei sie im lädierten linken weiterhin ein besseres Gefühl beim Absprung hat als im rechten.

Maryse Luzolo bei ihrem Comeback in Alsheim

Ihren ersten Wettkampf nach ihrem Unfall erlebte die Biologie-Studentin dann am 19. Juni – also fast genau zwei Jahre später. Ihr Verein um Trainer Sammert und die Sportliche Leiterin Judith Wagemans hatten bewusst ein kleines Sportfest ausgesucht. Beim Abendmeeting der LG Rheinfront im rheinhessischen Alsheim musste erst einmal der Rechen in der Weitsprung-Grube etwas weiter hinten eingesetzt werden. Die Sprünge sind dort sonst deutlich kürzer. Ein 23-köpfiger Fan-Club aus Familie, Freunden und Vereinsvertretern hatte sie begleitet.

„Ich war vor meinem ersten Sprung richtig, richtig aufgeregt“, erinnert sich Luzolo strahlend. Als sie angelaufen, abgesprungen und bei 6,20 Meter gelandet sei, ganz ohne Schmerzen, sei sie überwältigt von den Emotionen gewesen. „Das war mit nichts zu vergleichen. Es war so schön, so toll, diesen Moment mit all den Leuten zu teilen. Natürlich hatte auch ich immer mal wieder Zweifel, so viele Fragen. Wie auf einen Schlag ist alles verpufft.“ Als die ersten Gratulanten auf sie zuliefen, rief sie ihnen zu: „Lasst uns schnell nach hinten gehen, sonst muss ich heulen.“

Es folgte ein weiterer kleiner Wettkampf in Kreuztal, bei dem sie mit dem Resultat (6,08 Meter) nicht so zufrieden war. 6,24 Meter war sie in Alsheim noch gesprungen. Die Norm für die deutschen Meisterschaften (6,30 Meter) schwirrt seitdem in ihrem Kopf herum. Das wird auch heute beim Meeting in Weinheim so sein, wenn sie erstmals seit ihrem Comeback auf starke Konkurrenz trifft. Sie werde bestimmt mehr Druck verspüren, sagt Luzolo, aber diese Saison sei nur dazu da, um wieder Vertrauen in ihr Knie zu gewinnen. Die DM-Teilnahme wäre so etwas wie ein Bonus.

Maryse Luzolo mit Freunden und Familie nach ihrem Comeback.

2020 soll dann das Jahr sein, in dem Maryse Luzolo wieder voll angreift. Vielleicht wird es sogar ihr Sommer. Denn Olympia in Tokio ist weiterhin ihr sehr ehrgeiziges Ziel. Das hat sich auch in ihrer langen Leidenszeit nicht geändert.

Erreicht hat sie aber schon jetzt etwas, was ihr keiner mehr nehmen kann. Ihre Rückkehr in den Leistungssport ist ihr größter Sieg. Und er wird es auch bleiben.

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