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Miljenko Crnjac: "Das stellt uns vor komplett neue Herausforderungen"

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Von: Thorsten Remsperger

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Als Basketball-Trainer hat sich Miljenko Crnjac in 28 Jahren beim MTV Kronberg einen Namen gemacht. Der Mann hat aber noch ganz andere Qualitäten.
Als Basketball-Trainer hat sich Miljenko Crnjac in 28 Jahren beim MTV Kronberg einen Namen gemacht. Der Mann hat aber noch ganz andere Qualitäten. © Gerhard Strohmann

Am Samstag wird Flüchtlingen aus der Ukraine in Kronberg geholfen. Die MTV-Basketballer stehen deshalb ohne Sporthalle da. Sie haben aber einen erprobten Krisenmanager.

Kronberg -Ein Mann in seiner Position ist um die nun rasant wachsenden Aufgaben nicht zu beneiden, aber seinen trockenen Humor lässt Miljenko Crnjac sich nicht nehmen. "Vor 31 Jahren bin ich in den Urlaub gefahren und quasi nie zurückgekehrt", lächelt der Basketball-Enthusiast des MTV Kronberg.

Im Sommer vor 31 Jahren befand sich Crnjac mit seiner Partnerin in der Schweiz, als sein gerade unabhängig gewordenes Heimatland Kroatien in die Jugoslawienkriege verstrickt wurde. Eine Rückkehr kam nach Wochen des Abwartens für die beiden aufgrund der dramatischen Entwicklung nicht mehr in Frage. Das Paar ließ sein Hab und Gut inklusive eigenen Lebensmittelladen im Heimatort Pozega zurück und reiste weiter zu Crnjacs Eltern, die in Frankfurt wohnten.

Miljenko, besser bekannt als "Milo", Crnjac bezeichnet sich deshalb nicht als klassischen Flüchtling. Das Schicksal brachte ihn nach Deutschland, wo er - ohne Sprachkenntnisse - quasi bei Null anfangen musste. Er hängt seine Lebensgeschichte nicht an die große Glocke. Damals wie heute macht ihn ein Kriegsbeginn sehr nachdenklich. Und dies stellt ihn damals wie heute vor außergewöhnliche Herausforderungen. Diesmal nimmt die russische Invasion in der Ukraine erheblichen Einfluss auf sein Berufsleben.

Crnjac ist seit 1995 hauptamtlicher Cheftrainer des MTV Kronberg. Als Sportlicher Leiter der Basketballabteilung coacht er die 1. Mannschaft in der Regionalliga sowie die "Zweite" und die U18-Jungen in der Oberliga Hessen. Er koordiniert auch Trainings- und Spielpläne für die rund 300 Spielerinnen und Spieler in insgesamt 16 Teams. Seit Mittwoch steht der MTV jedoch ohne Sporthalle da.

Die Spiel- und Trainingsstätte an der Altkönigschule (AKS) wird genauso wie die Dreifeldsporthalle in der Grundschule Am Hasenberg in Neu-Anspach als Flüchtlingsunterkunft hergerichtet. An den beiden Standorten im Hochtaunus sollen ab Samstag insgesamt 1000 Menschen aus der Ukraine eine vorübergehende Bleibe finden, die sich vor dem Krieg in ihrem Heimatland in Sicherheit gebracht haben.

Am Mittwochnachmittag hat Crnjac von der neuesten Entwicklung erfahren, die für die MTV-Korbjäger schlagartig alles ändert. Er ist daraufhin zur AKS-Halle gefahren, hat sämtliche Bälle und Trainingsmaterialien in einen Kleinbus gepackt. Ohne zu wissen, wo er sie wieder ausräumen wird.

Seitdem hat der 52-Jährige viele Gespräche geführt. Sein Mobiltelefon hängt durchgängig am Ladegerät. Beim Interview mit der Taunus Zeitung hat der Kroate einige Zettel vor sich ausgebreitet, worauf er verschiedene Zeitpläne für die Teams aus den verschiedenen Altersklassen skizziert hat. "Klar hat die Hilfe für die Menschen aus der Ukraine Priorität", sagt Crnjac, "uns stellt es aber eben vor komplett neue Herausforderungen."

Landrat Ulrich Krebs warb gestern nochmals um Verständnis. Nach dem Einsatzbefehl des Hessischen Innenministeriums hatte der Hochtaunuskreis schnell reagieren müssen. Wohlwissend, dass die Hallensituation wegen der drei gesperrten (weil baufälligen) Kreissporthallen in Bad Homburg, Oberursel und Stierstadt für Schulen und Vereine ohnehin monatelang angespannt war, ehe im Winter das Aufstellen von Traglufthallen an der Oberurseler Erich-Kästner-Schule und der IGS Stierstadt für neue Kapazitäten sorgte. "Wir bitten um Verständnis, das ist eine absolute Notsituation", sagte Krebs, "wir müssen jetzt alle ein wenig zusammenrücken".

Ein Lob für die Nachbarvereine

Crnjac freute sich bei den eilig geführten Telefonaten über "gute Feedbacks und tolle Gespräche mit umliegenden Vereinen". Heimspiele für das Wochenende wurden abgesagt, die U18-Hessenmeisterschaft in die Halle von Eintracht Frankfurt verlegt. Ihr erstes Spiel absolvieren die Kronberger in der Sporthalle der Wöhlerschule am Samstag um 12.30 Uhr. Die Damen-Regionalliga-Mannschaft kann dank unkomplizierter Hilfe der TSG Sulzbach für ihr Spiel gegen die TSG Wieseck in die Eichwaldhalle Sulzbach ausweichen (Sonntag, 16 Uhr).

Die Qualifikation zu den deutschen Meisterschaften der Altersklasse Ü55 am 19. März und das Basketball-Camp in der ersten Woche der Osterferien hofft Crnjac, in einer Ausweichhalle durchführen zu können. Zunächst einmal gehe es jedoch darum, den Trainingsbetrieb für die einzelnen Jugend- und Erwachsenen-Mannschaften aufrechtzuerhalten. Irgendwie.

"Wenn wir jetzt die Wintersaison vor uns hätten, würde es ganz eng werden", sagt Crnjac, "so aber bauen wir auf schönes Wetter." Vielleicht könnten die jüngeren Altersklassen beispielsweise die Sportanlage des MTV mitbenutzen.

Grundsätzlich macht der frühere Top-Basketballer, der in Deutschland für Eintracht Frankfurt und die Skyliners spielte, eine eher ernsten Miene. Trübsal blasen kommt für den groß gewachsenen Mann mit dem Dreitagebart aber nicht in Frage. "Milo" ist Optimist, und ein vorausdenkender noch dazu.

60 Mitglieder in Corona-Zeiten dazugewonnen

Dank geschicktem Trainingsmanagement sind die Basketballer des MTV durchaus als Gewinner aus der Pandemie hervorgegangen. Obwohl für die Jugendteams zwei Jahre lang kaum ein geregelter Spielbetrieb möglich war, hat die Abteilung 60 Mitglieder, vor allem Kinder und Jugendliche, hinzugewonnen. "Wir haben unsere Spieler in der schweren Zeit bei Laune gehalten", erzählt Crnjac. Angefangen beim Online-Training im Lockdown über Einheiten mit nur wenigen Spielern in verschiedenen Hallendritteln, als Sport unter zahlreichen Corona-Auflagen wieder erlaubt war.

Große Erfolge in der Jugendarbeit

Dass andere Vereine "am Boden lagen" und sich deshalb neue Spieler den Kronbergern angeschlossen haben, hat Crnjac genauso festgestellt wie die Tatsache, "dass Corona bei den Kindern große Spuren hinterlassen hat. Das sieht man daran, wie groß die Lust jetzt ist, wieder Sport zu treiben". Bei den Anfängern habe man aus Kapazitätsgründen gar nicht alle willigen Kinder mittrainieren lassen können, erzählt der erfahrene Coach.

Wie schnell sich alles ändern kann. Heute wäre Miljenko Crnjac schon froh, wenn jede der bestehenden Mannschaften überhaupt eine Trainingseinheit pro Woche absolvieren könnte.

In für den Verein wirtschaftlich besseren Zeiten war vieles bei den MTV-Basketballern auf den Leistungssport ausgerichtet. Der Verein hatte eine Lizenz für die Jugend-Bundesliga. Mehrere Talente schafften es unter Crnjac in die Jugendnationalmannschaft. Er führte als Trainer viermal eine Nachwuchsmannschaft seines Vereins ins Final Four um den deutschen Jugend-Pokal - 1999, 2006, 2018 und 2019. Nachdem die U16 mit Trainerkollege Amrun Terzic 2017 erstmals den deutschen Pokal nach Kronberg geholt hatte, wiederholte Crnjac schließlich 2019 mit seiner U18 im Finale gegen Alba Berlin dieses Kunststück.

"Der Pokal steht immer noch bei uns, seitdem ist der Wettbewerb ja nicht ausgespielt worden", erzählt Crnjac mit einem Augenzwinkern. So nebenbei ist es ihm ein Anliegen, mit der U18 am Wochenende den Sprung zu den Regionalmeisterschaften zu schaffen (siehe Extra-Text). Es gibt derzeit aber viel Wichtigeres.

Wenn nicht Miljenko Crnjac die erneut schwierige Situation für seinen Verein meistert, wer dann, möchte man fragen. Auf jeden Fall hätte der Basketball-Enthusiast sich danach einen Urlaub verdient. Einen richtigen Urlaub. Den macht er am liebsten in Kroatien.

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