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Kreislehrwart Carlo Faulhaber (hinten) bringt den Schiedsrichter-Anwärtern im Vereinsheim am Wiesenborn die Fußballregeln bei.

Fußball

Die nächste Schiri-Generation im Hochtaunus

Am Wochenende wird in einigen Amateurspielklassen wieder gekickt. Woran es weiterhin mangelt, sind Schiedsrichter. Wir haben beim jüngsten Neulingslehrgang des Fußballkreises Hochtaunus einmal Mäuschen gespielt.

„Wir haben in der deutschen Gesellschaft zu viele Schiedsrichter und zu wenige Spieler“ sagte einmal der Politiker Lothar Späth. Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, 2016 verstorben, meinte das sicher im übertragenen Sinn, denn die Realität im deutschen Fußball sieht anders aus. Die Aktiven mit Spielerpässen werden zwar auch weniger, akut ist jedoch der Mangel an Spielleitern.

Rund 75 000 Fußball-Schiedsrichter sind für den Deutschen Fußball-Bund im Einsatz – für jährlich etwa 1,5 Millionen Spiele. Im Hochtaunuskreis konnten im vergangenen Jahr deshalb Spiele nicht mit Schiedsrichtern besetzt werden. Betroffen war die Kreisliga C.

Punktabzüge für 7 Vereine

Außerdem wurden sieben Vereine im Hochtaunuskreis mit Punktabzügen bestraft, weil sie selbst zu wenige Schiedsrichter gemeldet haben. Allesamt „Wiederholungstäter“, denn im ersten Jahr ohne Sollerfüllung bleibt es laut Spielordnung des Hessischen Fußballverbandes bei einer Verwaltungsstrafe. Die Geldstrafe verdoppelt sich bei wiederholter Nichterfüllung. Zusätzlich gibt es einen Punktabzug für die 1. Herren- oder Frauenmannschaft des Vereins.

Der Negativtrend könne nur mit noch mehr Unterstützung der Vereine gestoppt werden, darin sind sich die Verantwortlichen in Verbänden und Vereinen einig. Weniger Bestrafungen soll es geben, sondern lieber Belohnungen für die Clubs, die in Sachen Schiedsrichter mehr als die Pflicht erfüllen. Das ist eine Option, über die nachgedacht wird.

Die Fußball-Funktionäre der SG Wehrheim/Pfaffenwiesbach und des 1. FC-TSG Königstein könnten zum Kreis derer gehören, die für ihre Vereinsarbeit belohnt werden. Zum Neulingslehrgang im Februar, an dem sich am Kirdorfer Wiesenborn 25 Schiedsrichter-Anwärter beteiligten, entsendeten die genannten Clubs jeweils fünf Teilnehmer. „Die beiden Vereine erfüllen auch immer ihr Soll“, lobt Kreisschiedsrichterobmann Erdal Akemlek (Bad Homburg).

Die Theoriestunden beim jüngsten Neulingslehrgang erinnerten auf den ersten Blick ein wenig an eine Schulstunde. Denn der überwiegende Teil derer, die dem Vortrag von Kreislehrwart Carlo Faulhaber (Bad Homburg) lauschten, befindet sich noch im jugendlichen Alter. Was fehlte, waren Teilnehmerinnen. Das variiere von Lehrgang zu Lehrgang, erklärte Faulhaber, der sich grundsätzlich über den regen Zuspruch freute. Im August war der geplante Lehrgang mangels Interesse ausgefallen.

Was Faulhaber vortrug, wäre auch für manchen Spieler, Trainer oder „Stammtischstrategen“ hochinteressant gewesen. Die Kritik an Unparteiischen würde auf jeden Fall leiser werden. Der Lehrwart untermauerte jede Regel mit dem Videoausschnitt einer Spielszene. Auf dem Bildschirm im Vereinsheim am Wiesenborn war zum Beispiel Jerome Boateng zu sehen, dessen Rückpass von Torwart Manuel Neuer aufgenommen wurde. Pfeifen oder nicht? Das durfte der Schiri-Nachwuchs danach diskutieren.

Jugendliche als Vorbilder

Gerade die jüngsten Teilnehmer gehen mit gutem Beispiel voran. „Ich habe mich als Spieler schon oft über die Unparteiischen geärgert. Ich will jetzt mal die Gegenseite kennenlernen und sehen, ob ich es besser kann“, erzählt Tim Rettig, gefragt nach seiner Motivation für den Lehrgang.

Der 15-Jährige spielt wie Nico Jahn (14) in der B-Jugend der SG Wehrheim/Pfaffenwiesbach. Bei Übertragungen von Spielen schaue er den Schiedsrichtern gerne bei der Arbeit zu, erzählt der Torwart, dessen Vorbild Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona ist. „Selbst zu pfeifen, reizt mich und würde mir Spaß machen“, meint Nico. Das ließe sich bestimmt mit seiner Spielerlaufbahn vereinbaren.

Can Alpay spielt in der C4-Jugend des 1. FC-TSG Königstein am liebsten in der Offensive, wie sein Idol Neymar. Sein Stiefvater habe ihm schon berichtet, was es heißt, auf dem Platz zu pfeifen. Er wolle das selbst einmal erleben, erzählt der Junge.

Bestanden haben die Prüfung schließlich alle bis auf einen, der sie krankheitsbedingt nachholen wird. Kreislehrwart Faulhaber hofft, dass die meisten Neulinge dabeibleiben. Bis zu 50 Prozent steigen seiner Erfahrung nach aber nach und nach wieder aus. Wenn das so bliebe, sei er schon zufrieden.

Ein anderer Lothar als der eingangs erwähnte, nämlich Lothar Matthäus, sagte einmal „Schiedsrichter zu werden, kommt nicht in Frage. Eher etwas, das mit Fußball zu tun hat.“ Der Rekordnationalspieler hätte sich diesen Spruch sicher erspart, wenn er bei einem Neulingslehrgang einmal die Freude und das Engagement des potenziellen Schiedsrichternachwuchses erlebt hätte.

WOLFGANG KULLMANN

EXTRA: Wie wird man eigentlich Schiedsrichter?

Mindestens 14 Jahre alt sollte der Interessent sein und Mitglied in einem Fußballclub oder der Fußballabteilung eines Vereins. Die Ausbildungszeit beträgt 22 Unterrichtseinheiten (UE) á 45 Minuten, davon sind 13 UE reine Regelkunde. Das Ganze lief im Hochtaunus an einem Wochenende und zwei Freitagabenden ab. Um zu Hause am Computer üben zu können, gibt es einen speziellen E-Learning-Tool. Am Ende erfolgt die schriftliche Prüfung. Auch die körperliche Fitness wird mittels Intervallläufen getestet. Wer bestanden hat, wird altersgerecht für Spiele eingeteilt. Erfahrene Unparteiische unterstützen dann als „Paten“ oder „Coaches“ die Neulinge bei deren ersten Einsätzen. Der Termin des nächsten Neulingslehrgangs im Hochtaunus steht noch nicht fest. (kul)

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