Sie gehen als Schiedsrichter in den Ligen des Fußballkreises Hochtaunus mit gutem Beispiel voran: Erdal Akemlek (Mitte) mit seinen Söhnen Mert (links) und Deniz. Foto: Strohmann
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Sie gehen als Schiedsrichter in den Ligen des Fußballkreises Hochtaunus mit gutem Beispiel voran: Erdal Akemlek (Mitte) mit seinen Söhnen Mert (links) und Deniz.

Fußball Hochtaunus

Schiedsrichter-Obmann Akemlek im großen Interview: "Die negativen Geschichten schrecken schon ab"

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Kreisschiedsrichter-Obmann Erdal Akemlek (Spielvereinigung Bad Homburg) berichtet über die Situation im Taunus, nimmt Vereine in die Pflicht und verrät, warum er kein Spiel abbrechen muss.

Hochtaunus.  Horrormeldungen über Gewalt gegen Schiedsrichter beschäftigen auch die Fußballanhänger im diesbezüglich ruhigen Hochtaunus. TZ-Sportchef Thorsten Remsperger hat sich mit Kreisschiedsrichter-Obmann Erdal Akemlek aus Bad Homburg unterhalten.

Herr Akemlek, nach den Horrormeldungen der vergangenen Wochen fragt man sich, wer sich den Job des Schiedsrichters noch freiwillig antut. Warum sind Sie es einst geworden?

Ich durfte kein Fußball spielen. Meine Eltern hatten Angst, dass ich mich verletze. Mir war der Fußball aber sehr wichtig. Zufällig gingen dann zwei Freunde zu einer Schiedsrichterausbildung in Rheine, wo wir damals lebten. Da habe ich gesagt "Okay, da mache ich mit" und bin nach der Ausbildung dabeigeblieben.

Sie haben nie selbst Fußball gespielt?

Wenn ich gespielt habe, dann als Torwart, so wie jetzt auch meine beiden Söhne. Das musste aber heimlich auf dem Bolzplatz sein.

Hat Ihnen der Job als Schiedsrichter denn gleich Spaß gemacht?

Schon, sonst wäre ich nicht 40 Jahre dabeigeblieben. Über 5000 Spiele sind es schon.

Wow, das ist eine Menge. In welchen Ligen pfeifen Sie?

Bis zur Kreisoberliga. Ich wollte immer alleine pfeifen, auf dem Platz ich selbst sein und alleine die Entscheidungen treffen. Ab der Gruppenliga müsste ich im Gespann pfeifen.

Können Sie nachvollziehen, dass immer weniger Menschen die Pfeife in die Hand nehmen?

Ja, die Zahlen belegen das tatsächlich. Als ich im Kreisschiedsrichterausschuss begonnen habe ( 2010, Anm. d. Red.) hatten wir noch 150 Schiedsrichter im Hochtaunus. Jetzt sind es nur noch 116. Von unserem letzten Neulingslehrgang im Januar mit 22 Teilnehmern haben leider schon wieder sieben aufgehört.

Woran liegt das?

Viele der meistens sehr jungen Schiedsrichter spielen selbst. Dann kommt die Schule dazu. Die Eltern müssen sie noch zu den Spielen fahren, und haben dafür nicht immer Zeit.

Erwachsene fangen kaum noch als Schiedsrichter an. Für Sie nachvollziehbar?

Die negativen Geschichten, die man sich erzählt und über die berichtet wird, schrecken schon ab. In Friedberg wurde im vergangenen Jahr beispielsweise der Sohn des Kreisschiedsrichterwarts bedroht. Die Spieler sind ihm hinterher, es kam zum Spielabbruch.

Ist ihm etwas passiert?

Nein, glücklicherweise nicht.

Das ist anderen Schiedsrichtern schon anders ergangen. Auch in Hessen haben sich Übergriffe zugetragen, in Münster/Dieburg, in Offenbach. Sind die Unparteiischen auf den Fußballplätzen im Hochtaunus ebenfalls gefährdet?

In den Nachbarkreisen wie Frankfurt oder Offenbach teilweise ja. Bei uns aber nicht. Es gibt gerade in den Jugendspielen immer mal wieder Meckerer. Betreuer, Trainer, Eltern. Das geht in der E-Jugend los. Wir müssen uns mehr um die Schiedsrichter kümmern.

Wie könnte das umgesetzt werden?

Wir vom Kreisschiedsrichterausschuss begleiten die Neulinge bei ihren ersten beiden Einsätzen. Mein Stellvertreter Michael Tremblau ( aus Kronberg, Anm. d. Red.) führt Extra-Sitzungen für Jungschiedsrichter durch. Wenn sie unter sich sind, werden Probleme eher angesprochen. Wir hatten außerdem Vereinsvertreter nach Bad Homburg an die Sandelmühle eingeladen, zwölf Vereine haben teilgenommen. Unsere Botschaft an diesem Abend: Die Vereine müssen die Schiedsrichter betreuen. Nicht nur bei den Spielen, sondern allgemein. Sich bei ihnen erkundigen, sie am Vereinsleben teilhaben lassen, auch auf die Weihnachtsfeier einladen. Es gibt schon einige Vereine, die das machen. Aber manche sind einfach nur froh, dass einer den Posten ausfüllt. So fühlen sich Schiedsrichter schnell alleingelassen.

Auf dem Sportplatz sowieso, wenn es ungemütlich für sie werden kann. Im Saarland haben die Referees ja sogar einen ganzen Spieltag bestreikt.

Ein Streik löst die Probleme nicht. Das Ganze wird nur aufgeschoben. Da muss man schon in den Vereinen mitwirken und an der Basis unter den Spielern und in den Mannschaften die Dinge ansprechen.

Wie beurteilen Sie die Vorfälle im Oktober beim Hessenpokalspiel in Friedrichsdorf?

Ich finde es beschämend, was da abgelaufen ist. Das war auch noch bei einem Spiel, in dem sowieso klar war, welche Mannschaft gewinnt ( 5:0 siegte Regionalligist TSV Steinbach Haiger, Anm. d. Red.). Dass nach dem Spiel der Schiedsrichter eingeschlossen wird: Ohne Worte! Die Bestrafung für den Vereinsvertreter fiel zu milde aus. Ein Jahr Sperre, wenn sich einer so daneben benimmt, ist doch Kokolores. Solche Übeltäter sollten lebenslang gesperrt werden, dann hätte es auch eine abschreckende Wirkung.

Mit wem ist denn am schwierigsten umzugehen auf dem Platz: Sind das eher die Spieler oder die Trainer oder die Zuschauer?

Das kommt drauf an. Trainer nehmen eine Schlüsselrolle ein. Wenn sie die Spieler nicht an der Hand nehmen und auf sie einwirken, sondern es zu locker sehen, kann sich die Stimmung negativ entwickeln. Ich pfeife viel in der E-Jugend, da bekommt man das schon mit. Ich versuche als Schiedsrichter dann auf die Kinder einzuwirken. Nach dem Motto: "Du hast ihn gefoult, gib' ihm die Hand und entschuldige dich." Bei den Jugendspielern müssen die Weichen gestellt werden. Oft gibt es in der Jugend aber eben auch Trainer, die nicht dafür ausgebildet sind. Die Vereine sind manchmal schon froh, wenn es ein Elternteil gibt, das sich um eine Mannschaft kümmert.

Manche Schiedsrichter polarisieren aber auch durch ihr Auftreten auf dem Spielfeld. Wie sollte es ein Schiedsrichter am besten machen?

Der Schiedsrichter sollte schon auch etwas von den Spielern, vom Trainer annehmen. Im Umkehrschluss macht es Sinn, gerade in der Jugend als Vereinsvertreter mit einem jungen Schiedsrichter nach dem Spiel zu sprechen und ihm Tipps zu geben, wo er sich noch verbessern könnte. Nicht während des Spiels gleich kritisieren - das macht die jungen Leute unsicher.

Womit fährt ein Unparteiischer besser: als Autoritätsperson oder als Kumpeltyp?

Er sollte schon offen sein.

Wie machen Sie es denn?

Ich gehe ruhig an die Sache ran. Das überträgt sich auf die Spieler. Bei mir passiert nicht viel. Ich musste auch noch nie ein Spiel abbrechen, höchstens wegen schlechten Wetters (lacht). Vor kurzem bin ich im Spitzenspiel in der KOL Offenbach mit einer Gelben Karte ausgekommen. Viel hilft dabei die Routine. Man kann mit der Zeit einfach besser einschätzen, ob es abseits war oder nicht. Wenn von den Zuschauern unsachliche Kritik kommt, ignoriere ich sie.

In der Bundesliga werden Tore erst nach dem Videobeweis gegeben oder wieder zurückgenommen. Was halten Sie vom Videobeweis?

Wenn er der Gerechtigkeit dient, ist er gut. Aber nicht immer. Bei versteckten Fouls oder Tätlichkeiten ist es okay, nachträglich einzugreifen. Wenn der Schiedsrichter bei einer Situation aber zwei Meter entfernt stand, belasst es doch bei seiner Entscheidung. Wenn es Millimeter-Fehlentscheidungen sind: Die erkennt niemand mit bloßem Auge. Am Wochenende hat Fenerbahce in Izmir gespielt, meiner Heimatstadt. Es gab Strafstoß für Göztepe. Er hat verschossen, im direkten Gegenzug erzielt Fenerbahce ein Tor. Videobeweis, alles zurück. Der Torwart hatte sich beim Elfmeter zu früh bewegt, er wurde wiederholt, das Tor aberkannt. Nach so etwas kocht natürlich die Bude.

Sind denn Sportplätze im Kreis berüchtigt, auf denen es Schiedsrichter schwer haben und deswegen dort nicht gerne gepfiffen wird?

Es gibt immer mal wieder vereinzelt Schiedsrichter, die aus unterschiedlichen Gründen darum bitten, auf einem Platz nicht zu pfeifen. Es gibt aber auch Vereine, die sagen: "Ich will den Schiedsrichter nicht."

Was machen Sie in solchen Fällen?

Ich versuche als Ansetzer dem Wunsch nachzukommen, um den Schiedsrichter zu schützen. Lass' etwas Zeit ins Land gehen, dann geht das auch wieder.

Stimmt es, dass Sie manche Spiele mit Schiedsrichtern gar nicht mehr besetzen können?

Ja, seit Anfang des Jahres haben wir ungefähr das Problem. Zum Rückgang an Aktiven kommt noch dazu, dass viele zur Eintracht ins Stadion gehen wollen, wenn die Frankfurter zu Hause spielen. Vieles können wir Ansetzer über eine überregionale WhatsApp-Gruppe auffangen, wo kurzfristig Schiedsrichter aus anderen Kreisen gefunden werden, die einspringen können. In der Jugend und auch in der Kreisliga C pfeifen seit der letzten Saison bei uns im Taunus aber auch manchmal Leute aus dem Heimverein, wenn beide Seiten zustimmen. Wir sensibilisieren die Vereine im Vorfeld schon, dass einer da sein sollte, der es im Notfall macht. Das funktioniert, da gibt es keine negativen Rückmeldungen.

Sie haben jetzt die Gelegenheit, Werbung für den Job als Schiedsrichter zu machen. . .

Die Aufwandsentschädigung ist für junge Unparteiische ein Anreiz. Bis zur C-Jugend gibt es bei uns zwölf Euro pro Spiel. Wenn man zwei hintereinander pfeift plus Kilometergeld, ist man schnell bei 30 Euro. Schon ein gutes Taschengeld. Beim nächsten Verbandstag soll der Betrag zudem angehoben werden. Schiedsrichter sollten aber vor allem Spaß daran haben, zu pfeifen, und den Willen besitzen, das auch länger zu machen. Sonst macht das keinen Sinn.

Schon mehr als 5000 Spiele geleitet

Erdal Akemlek kam als Sechsjähriger mit seiner Familie aus Izmir nach Deutschland, wuchs in Rheine in Nordrhein-Westfalen auf und zog als 16-Jähriger mit Familie 1979 nach Bad Homburg. Eine Spinnerei, in der seine Eltern beschäftigt waren, hatte den Betrieb eingestellt, . Im Taunus pfiff er erst für die Spielvereinigung 05 Bad Homburg, dann für den TSV Vatanspor, den FSV Steinbach und die DJK Bad Homburg, wo er auch Jugendtrainer und Jugendleiter war. Inzwischen ist der dreifache Familienvater und Großvater eines Enkels wieder zurück bei der Spielvereinigung, bei der er auch 2. Vorsitzender ist. Für seine Tätigkeit als Fußballschiedsrichter (inzwischen hat er mehr als 5000 Spiele geleitet) hat er den Ehrenbrief des HFV erhalten.

Im Kreisausschuss der Schiedsrichter begann Akemlek als Ansetzer für Jugendspiele, 2016 wurde er zum Obmann gewählt. Vorbilder sind für ihn der frühere Weltklasse-Schiri Pierluigi Collina aus Italien ("Der blieb' immer so ruhig") und Bundesliga-Referee Deniz Aytekin. Die Begeisterung für das Amt des Schiedsrichters hat der 56-jährige Technische Leiter einer Bad Homburger Reha-Klinik an seine Söhne Deniz und Mert weitergegeben. Die beiden leiten ebenfalls bis zur Kreisoberliga Spiele.

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