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Schwungvoll um die Kurve: Marie Tischer und ihr Beifahrer lassen sich von Dream Girl durch die Festhalle ziehen.

Festhallen-Reitturnier

Neu-Isenburgerin Marie Tischer will 2020 um den WM-Titel bei den Erwachsenen mitfahren

Eine Weltmeisterin aus Neu-Isenburg begeistert das Publikum in der Festhalle beim Reitturnier.

Es ist schon einige Jahre her, dass eine Lokalmatadorin die Festhalle begeistert jubeln ließ. Die Zeiten, als Ann Kathrin Linsenhoff oder Matthias Rath das Viereck siegreich verließen, sind einige Jahre her. Auch die Show-Einlagen des Neu-Isenburgers Michael Freund, der mit seinem Vierergespann die Besucher zu tosendem Beifall veranlasste, gehören der Vergangenheit an. Dies gelang nun am Eröffnungstag des Frankfurter Reitturniers, dem sogenannten „Hessentag“, endlich wieder Marie Tischer. Die 20 Jahre junge Fahrerin kommt wie ihr einst fast genauso erfolgreich wie Weltmeister Freund fahrender Vater Peter Tischer auch aus Neu-Isenburg. Der Unterschied ist: Sie fährt einspännig.

Und wie. Nachdem sie 2016 mit Dream Girl bei der Europameisterschaft der Jungen Reiter im sächsischen Schildau Silber geholt hatte, erklomm sie inzwischen zweimal den Gipfel. Zum ersten Mal Weltmeisterin wurde sie beim Championat der jungen Pferde im ungarischen Mezöhegues 2017. Diesmal fuhr sie den siebenjährigen Fortino. Nebenbei holte sie bei dieser Weltmeisterschaft mit Sky Dweller auch noch Platz zwei. In diesem Jahr wiederholte die vor kurzem zu Neu-Isenburgs Sportlerin des Jahres gewählte Marie Tischer in Ungarn erst den zweiten Platz bei der EM der jungen Reiter, dann den WM-Titel bei den jungen Pferden. Stets mit Fortino im Geschirr.

Seit Kindertagen auf der Kutsche

Eine steile Karriere also für eine noch so junge Fahrerin. Auf der Bank einer Kutsche saß sie schon als kleines Kind. Papa Peter, jahrelang erfolgreicher WM-Teilnehmer, danach 2008 bis 2010 Trainer der US-Fahrer und 2010 bis 2015 Bundestrainer, nahm sie oft mit. „Als Beifahrerin fuhr ich aber nie mit. Zu seiner aktiven Zeit war ich noch zu klein“, erklärt Marie. Vernarrt in Pferde war sie schon immer, geträumt hatte sie zunächst von einer Karriere als Dressur-Reiterin. Dem Vater zuliebe machte sie zwar dennoch die ganzen Abzeichen, von den Einspännern, über die Zweispänner bis hin zu den Vierspännern. Im Geiste wollte sie aber der Familientradition zum Trotz „fremdgehen“. Bis ihr ein Bekannter ihres Vaters zwei Shetland Ponys lieh, die sie trainierte und bei einem Turnier in Neu-Isenburg auch vorstellte. „Das hat Spaß gemacht“, erinnert sich Marie.

Mit Elf Deutsche Jugendmeisterin

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Mit nur elf Jahren war Marie Tischer 2010 bereits Deutsche Jugendmeisterin. Ein Jahr später fuhr sie erstmals einspännig. Mit dem Pferd von Mama Susanne, Mal auch mit einem der jüngeren Pferde, das sie sich aus dem Bestand der Pferde aussuchen konnte, die Vater Peter in seinem Reit- und Fahrstall hatte. Ihre Wahl fiel auf Dream Girl, mit der sie 2013 Deutsche U 16-Meisterin wurde.

Dream Girl fuhr sie auch jetzt in der Festhalle. Die zwölfjährige Stute wurde erst von der Frankfurterin Renée Rudolf, der Tochter vom „Apfelwein Wagner“ aus Sachsenhausen, im einfachen Reiterwettbewerb geritten. Dann hatten die Helfer alle Hände voll zu tun. Abzusatteln, einspannen. Und ab ging die Post. Dass ein Pferd sowohl in der Dressur geritten, als auch vor eine Kutsche gespannt werden kann, sei völlig normal. Fortino habe sogar schon ein M-Dressur gewonnen. „Die Pferde werden ebenso wie alle anderen in der Dressur ausgebildet. Um auch im Gespann zu gehen, müssen sie Ausdauer haben und Arbeitswillen mitbringen. Mann kann ein Pferd schon dreijährig anspannen, am besten neben einem erfahren Pferd“, erklärt Marie.

Die 20-Jährige gehört einer neuen Generation der Fahrer an – neben ihr fahren viele weitere Kinder erfolgreicher Fahrer in der Weltspitze mit: Marco Freund, Edith und Bram Chardon, die Kinder des berühmten Ijsbrand Chardon oder Anna Sandmann. Die Tochter des mehrfachen Weltmeisters Christoph Sandmann ist eine der wenigen Frauen, die vierspännig fahren. „Das erfordert viel Kraft. Außerdem ist es mit großem Organisations- und Kostenaufwand verbunden“, weiß Marie Tischer. Man brauche vierspännig nicht einen, sondern zwei Beifahrer, die man mit zu den Turnieren nehmen muss. Außerdem müsse man dann mit fünf Pferden kommen. Die Stallgebühr pro Pferd betrage 100 Euro. Da mache es natürlich einen Unterschied, ob man ein- oder vierspännig fahre: „Das Niveau bei den Einspännern ist zuletzt enorm gestiegen. Nächstes Jahr ist kein Championat, vielleicht wage ich dann einen Test mit Zweispännern. Mein Fokus liegt auf 2020. Da will ich bei der Erwachsenen-WM bei den Einspännern um den Titel fahren.“

Studium der Agrarwissenschaften

Aktuell hätte sie auch keine Zeit, mehrere Pferde zu trainieren, um vierspännig zu fahren. Nachdem sie im Frühjahr ihr Wirtschafts-Abitur erfolgreich gemeistert hatte, studiert sie aktuell in Gießen im ersten Semester Agrarwissenschaften. Von Freitag bis Sonntag ist sie in der Regel daheim, trainiert in Neu-Isenburg auf der vom Vater 2016 gepachteten Anlage ihre drei Pferde. „Wenn ich nicht da bin, reitet unsere Reitlehrerin und Ausbilderin Alexandra Freimuth die Pferde, fahren tut sie dann mein Vater. Mehr als sieben, acht Turniere pro Jahr werde ich nicht schaffen. Denn ich will mein Studium nicht vernachlässigen“, erzählt Marie. Was sie beruflich erreichen will, weiß sie in groben Zügen schon: „Auf alle Fälle will ich mich auf etwas mit Tieren spezialisieren. Vielleicht als Futtermeisterin. Oder im Marketing und Management.“

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