Als Geschäftsführer von Ober-Eschbachs Handballerinnen gescheitert: Christoph Pohl. Foto: Strohmann
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Als Geschäftsführer von Ober-Eschbachs Handballerinnen gescheitert: Christoph Pohl.

Handball, Hochtaunus

TSG Ober-Eschbach: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

Die TSG Ober-Eschbach hat ihre Damenhandball-Mannschaft "Pirates", zuletzt Drittligist, abgemeldet. Damit geht eine Ära zu Ende, die ihren Beginn in den 70er-Jahren nahm.

Das Damoklesschwert, das seit rund zwei Jahren über den Handballerinnen der TSG Ober-Eschbach schwebte, senkte sich Anfang der Woche also endgültig. Die Verantwortlichen der "Pirates" einigten sich darauf, die Meldung für die kommende Spielzeit zurückzuziehen. Am Dienstag wurde dem Deutschen Handballbund die Abmeldung vom Spielbetrieb mitgeteilt.

Seit Ende der 70er-Jahre die Mannschaft von TuS Nieder-Eschbach zur TSG wechselte, gehörte der Frauenhandball zum Verein. Er galt vor allem während der achtjährigen Zweitligazugehörigkeit als Aushängeschild. "Diese Entscheidung wurde von der Abteilung getroffen, da kann ich als Vorsitzender des Gesamtvereins wenig machen", sagt TSG-Chef Holger Fritzel am Donnerstag gegenüber der TZ. Und selbst wenn diese schwere Entscheidung in seinen Zuständigkeitsbereich gefallen wäre, er wäre wohl zum selben Schluss gekommen. "Die Situation ist schwierig gewesen", sagt Fritzel, "zum einen ist mit der Teilnahme an der 3. Liga eine gewisse finanzielle Anstrengung verbunden. Zum anderen ist eine entsprechende Anzahl an Spielerinnen mit dazugehörigem Niveau vonnöten."

Andrea Mertens war die beste Ober-Eschbacher Torschützin der Saison 2019/20.

Schon in den vergangenen beiden Spielzeiten schlug man sich mit äußerst kleinem Kader durch, konnte zweimal nur aufgrund außergewöhnlicher Umstände die Klasse halten. "Ich habe jedes Mal gezittert und gehofft, dass ihr nichts passiert", erklärt Fritzel im Hinblick auf Yvonne Petek, die eine Runde lang die einzige Torfrau der "Pirates" war. Sie avancierte zum Sinnbild der Mannschaft: Die individuelle Klasse für die dritthöchste Liga war durchaus vorhanden, doch insgesamt stimmte die Struktur nicht. Weder innerhalb des Kaders, noch in der Abteilung.

"Man kann nicht leugnen, dass wir das Haus hier ein bisschen von oben gebaut haben. Es fehlt ein Fundament", gesteht Peter Borstel. Ihn hatte es vor fast 18 Jahren zu den "Pirates" gezogen, erst als Fan, später auch als Gesellschafter und Funktionär. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass die volle Konzentration stets auf der 1. Mannschaft lag. Eine Reserve und eine Jugendabteilung, mit der man jetzt hätte neu starten können, gibt es jetzt nicht. "Allein der Fakt, dass wir in den letzten zehn Jahren 15 Trainer verschlissen haben, zeigt, dass nur der Erfolg der ersten und einzigen Mannschaft im Fokus stand", so Borstel.

Mit Geschäftsführer Christoph Pohl, der für diesen Artikel nicht erreichbar war, versuchte Borstel nochmals, ein schlagkräftiges Team auf die Beine zu stellen. Der Erfolg beim Anwerben neuer Spielerinnen blieb aus, arrivierte Kräfte wie Lisa Lichtlein (beruflich ins Ausland) oder Greta Bucher (TSG Oberursel) sind schon längst weg.

"Dann hängt das Herz einfach dran"

Weder Borstel noch Fritzel leugnen eine tiefe Betroffenheit. Doch sie können die Situation einschätzen. "Ich habe die Frauenabteilung quasi seit der Gründung verfolgt, und wenn man so lange dabei ist, dann hängt das Herz einfach daran", sagt Fritzel, "allerdings muss man auch Realist sein." Dieser Maxime bleibt er sich auch bei der Frage nach einem möglichen Neustart treu.

Publikumsliebling Lisa Lichtlein (links) klatscht sich mit Mitspielerinnen ab.

Prinzipiell möchte der Vereinsvorsitzende dies nicht ausschließen, wirkliche Chancen für eine rundum neu aufgestellte Frauenabteilung bei der TSG Ober-Eschbach sieht er aber nicht. "Vor 20 oder 25 Jahren hat so gut wie jeder, der in Eschbach geboren wurde oder dort gelebt hat, Handball bei der TSG gespielt", sagt er, "heute ist das anders. Wie fast jeder Verein haben wir ein Nachwuchsproblem." Und so scheint es, als käme die Tradition des Frauenhandballs bei der TSG Ober-Eschbach tatsächlich endgültig zu einem Ende. Nicht mit einem Knall, sondern als logische Konsequenz einer jahrelangen Entwicklung. 

ROBIN KUNZE

KOMMENTAR: Warum der Damenhandball bei der TSG Ober-Eschbach keine Zukunft mehr hat

Im Fußball gibt es eine Redensart unter Sportlern: "Geld schießt Tore." Im Falle der TSG Ober-Eschbach darf man es umformulieren: "Geld wirft keine Tore mehr." Das Aus für den Damenhandball ist nun von den Verantwortlichen verkündet worden.

Damit scheiterte letztlich das Modell, Spielerinnen mit finanziellen Mitteln in den Verein zu holen, anstatt selbst welche auszubilden. Die Abmeldung der Mannschaft aus der 3. Liga, die viele Jahre zwar erfolgreich bis sehr erfolgreich war (acht Jahre Zweitligist), aber seit vielen Jahren auch das einzige Damen-Team im Verein ist, hat letztendlich an den fehlenden Sponsorengeldern gelegen.

TZ-Sportchef Thorsten Remsperger

Schon in der wegen Corona abgebrochenen Saison gingen der TSG die Spielerinnen aus, weil sie nicht mehr bezahlt werden konnten. Ein Häuflein der Aufrechten hielt als Tabellenletzter durch und hätte wegen der Pandemie sogar wieder der dritthöchsten Spielklasse angehören dürfen. Doch für die "Pirates" wollte niemand mehr spielen. Das geht wiederum auf die Kappe der Verantwortlichen, die durch ihr Handeln, aber auch durch ihr Auftreten seit Jahren dafür sorgten, dass die TSG Ober-Eschbach in anderen Hallen keinen guten Ruf hatte.

Den Scherbenhaufen, den Manager Gerhard Döll nach seinem Abgang im Oktober 2018 hinterlassen hat, versuchte der einstige Sponsor Christoph Pohl wieder zusammenzukehren. Der nordhessische Unternehmer fühlte sich einer Spielerin persönlich verbunden, avancierte im Februar 2019 zum Geschäftsführer und wurde als Retter gefeiert, auch deshalb, weil er dem Vernehmen nach selbst Geld in den Kader steckte. Vor der Saison 2019/20 gab Pohl die 2. Liga als mittelfristiges Ziel aus. Er schoss jedoch weit über sein Ziel hinaus. Zu großspurig und selbstverliebt soll er neu gewonnenen Mitstreitern gegenüber aufgetreten sein. Sie verabschiedeten sich nach wenigen Monaten wieder. Die angestrebte Kooperation mit der TG Bad Soden scheiterte. Um Pohl wurde es einsam, auch wenn der Vereinsvorstand beteuert, ihm nach Kräften geholfen zu haben. Was ihm bleibt, ist der Rechtsstreit mit seinen Vorgängern.

THORSTEN REMSPERGER

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