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Geschlossen starke Leistung: Oberursels Handballerinnen freuen sich nach dem Sieg gegen Wiesbaden.

Handball, Oberliga

Wie Oberursels Handballerinnen Teamgeist leben

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Die TSG Oberursel trifft am Samstag (19.30 Uhr) im Topspiel der Oberliga auf die SG Kirchhof II. Der Teamgeist spielt bei den TSGO-Handballerinnen eine übergeordnete Rolle. Bei mancher Spielerin ist das sogar auf der Haut zu sehen.

Den Einfall hatte Jana Sellner. Gezwungenermaßen, denn die Rückraumspielerin der TSG Oberursel war von ihrer Handballmannschaft beauftragt worden, das Motto für diese Saison auszudeuten. Als es dann beim Vorbereitungsturnier in Langgöns so weit war, ihr neu formiertes Team das erste Mal gemeinsam auflief und direkt vor dem Spiel seinen neuen Kampfspruch schreien sollte und wollte, fiel ihr halt nichts besseres ein als „Hinten kackt die Ente“.

Der Spruch könnte zu einem Sinnbild für diese Saison in der Oberliga Hessen werden. In die ist die TSG Oberursel schlecht gestartet, steigert sich nun aber von Woche zu Woche, und vor dem Topspiel gegen das Juniorteam von Zweitligist SG Kirchhof (Platz drei) ist der Tabellenzweite aus der Brunnenstadt sogar gefühlter Spitzenreiter. Denn die HSG Rodgau Nieder-Roden steht nur deshalb ganz oben, weil sie ein Spiel mehr absolviert hat.

Entscheiden werden sich Meisterschaft und Aufstieg am Samstag (19.30 Uhr) in der EKS-Halle nicht, aber die Duelle gegen die direkte Konkurrenz sind besonders wichtig. Fünf Mannschaften trennen in der vierthöchsten Spielklasse gerade mal drei Pünktchen, und der überwiegende Teil dürfte auch gewillt sein, die 3. Liga als Herausforderung anzunehmen. Die TSG Oberursel würde den Ausflug in den semiprofessionellen Sport gerne das zweite Mal nach der Spielzeit 2016/17 angehen. „Das Ergebnis der vergangenen Saison mindestens bestätigen“, lautet das Saisonziel. Als Vizemeister schnitten die „Orschelerinnen“ zuletzt ab.

Was macht den Erfolg dieser Mannschaft, die mit Ausnahme des knappen Abstiegs 2017 seit Jahren Erster oder Zweiter wird, aus? Nach dem Besuch einer abendlichen Trainingseinheit fallen dem Beobachter gleich mehrere Gründe für die jüngste Siegesserie (sieben hintereinander) ein.

Das Mitfiebern auf der Auswechselbank ist auch ein Zeichen von Teamgeist.

Wie das Training abläuft

Es herrscht reges Treiben in der EKS-Halle. Die Oberurseler Spielerinnen haben sich auf den beiden Halb-Positionen in einer Reihe aufgestellt. Jeweils zwei spielen sich den Ball zu, um dann im „Eins-gegen-eins“ an den beiden wartenden Abwehrspielerinnen vorbeizukommen und gegen Torfrau Claudia Schilling möglichst einen Treffer zu erzielen.

Trainer Paul Günther schaut sich das Szenario in einem gewissen Abstand an, korrigiert immer mal wieder, lässt die Übung aber vor allem laufen. Mehr muss er auch nicht tun. Die Uhr zeigt schon 21 Uhr an, und immer noch üben die Spielerinnen konzentriert. Einmal ruft Jana Sellner ihrer Teamkameradin Nadine Okrusch zu, da sie sich darum kümmere, das Mannschaftsfoto von Kirchhofs U 23 auszudrucken, und Okrusch nickt zustimmend, auch wenn’s gerade wehtut.

Die Spielmacherin, die mit 25 Jahren schon zu den „alten Hasen“ gehört, hat sich im Praxiskurs an der Frankfurter Sport-Uni eine muskuläre Verspannung im Halswirbelbereich zugezogen. Bis zum Wochenende, davon geht sie einfach mal aus, wird’s schon wieder werden. Die Rückraumspielerin, die wie ihre gut ein Jahr jüngere Schwester Michelle zu den Säulen der Mannschaft gehört, ist hart im Nehmen und hat schon ganz andere Verletzungen weggesteckt.

Spielerinnen analysieren

Nadine Okrusch kommt gemeinsam mit Jana Sellner aber schon am Freitag eine wichtige Aufgabe zu. Die beiden haben sich mit dem Gegner beschäftigt und werden vor dem Abschlusstraining ihre 15-minütige Analyse vorstellen. Sie werden erzählen, was die Stärken und Schwächen des Kontrahenten aus dem Stadtteil von Melsungen sind, was deren Spielerinnen auszeichnet und welche Taktik sie am Samstag wählen würden. Danach übernimmt Trainer Günther die tatsächliche Einstellung auf den Gegner.

„Zu 95 Prozent haben die Vorschläge der Spielerinnen erfreulicherweise mit meinen übereingestimmt“, erzählt der frühere Zweitligaspieler, dem die Idee des wechselnden Videostudiums (jede Woche übernehmen zwei andere Spielerinnen diese Aufgabe) nach dem schwachen Saisonauftakt mit zwei Niederlagen kam. Auch mannschaftstaktische Schwächen hatte er für den Fehlstart ausgemacht. Über ein Internetportal, in das alle Teams Mitschnitte ihrer Heimspiele hochladen müssen, kann man sich wunderbar schlaumachen. Er selbst schaut sich meistens mittwochs Oberliga-Handball an. Und seitdem seine Schützlinge es auch tun, hat die TSGO tatsächlich alle Spiele gewonnen.

Pro Kopf eine Aufgabe

Überhaupt werden die Aufgaben innerhalb der 1. Mannschaft verteilt. Mehr noch: Jede Spielerin bekommt eine. „Jede braucht eine“, meint Okrusch sogar, „das haben die Älteren uns so beigebracht, und wir führen das jetzt fort.“ Um Trikotwäsche, Musikanlage, Sanitätskoffer und Wasserkasten kümmern sich Woche für Woche dieselben Akteurinnen, auch das Pflegen der Social-Media-Auftritte der Mannschaft auf Facebook und Instagram sind delegiert worden. Eine Kapitänin gibt es nicht. Dafür haben die Spielerinnen einen Mannschaftsrat gewählt (mit Julia Buße, Viktoria Heilmann und Ayana Petri).

Dass die TSGO nun richtig in Fahrt gekommen ist, bringt Mannschaftsbetreuerin Nora Brandscheid, die mit Okrusch das Training auf einer Holzbank an der Seite verfolgt, vor allem damit in Verbindung, dass man als Team immer besser zusammenwachse. „Wir haben einfach vier Monate gebraucht, um uns besser kennenzulernen“, ergänzt Okrusch. „Wir sind ja neu zusammengewürfelt worden.“

Ganz so drastisch waren die personellen Veränderungen nicht. Aber eben so groß, wie schon seit einigen Jahren nicht. Der Teamgeist, der die Mannschaft von der Bezirksoberliga bis in die 3. Liga getragen hatte, musste neu erzeugt werden. „Wir waren so dicke, dass wir nach jedem Drittligaspiel abends noch zusammen weggegangen sind“, erzählt Okrusch.

Das Team-Tattoo

Wehmut schwingt in ihren Worten schon ein wenig mit, auch wenn der im Sommer verjüngte und auch vergrößerte Kader immer besser zusammenfindet, sportlich und auf privater Ebene. Neulich haben die Spielerinnen in der Halle zusammen Plätzchen gebacken. Und aus der Welt sind frühere Mitspielerinnen wie Elfie von der Wehl, Josi Kahlstatt oder Lara Kürten zudem nicht. Sie trainieren zeitgleich mit dem Landesliga-Team in der anderen Hallenhälfte. Helfen manchmal noch aus, wenn Not an der Frau ist. Gehören aber eben – aus freien Stücken, weil ihnen der Aufwand mit dreimal Training und den weiten Auswärtsfahrten zu hoch wurde – nicht mehr zur Mannschaft. Nur dabei, statt mittendrin. „Das ist etwas ganz anderes“, sagt Nadine Okrusch.

Das tätowierte „L“ wird Orschels Handballerinnen ewig an ihre gemeinsame Zeit erinnern.

Um die „geilen gemeinsamen Jahre“ festzuhalten, haben die Oberurseler Spielerinnen nach dem Abstieg aus der 3. Liga im Sommer 2017 ein Tattoostudio aufgesucht. Nicht alle, aber die meisten. Sie haben sich ein „L“ stechen lassen. Manche am Knöchel, andere am Handgelenk, eine am Arm. „Und dabei gegenseitig die Hand gehalten“, schmunzelt Okrusch. Als Erinnerung an die Mannschaft. Auf ewig. „L“ steht für „Lascho Karacho“. Den Saisonspruch haben die Damen einst kreiert, weil sie vom damaligen Coach Dirk Lodders im Trainingslager in Koblenz einmal als „Laschos“ kritisiert wurden. Wegen zu lascher Einstellung.

Wer weiß, vielleicht folgt zur nächsten Saison auch die nächste Verewigung. Als Jana Sellner im Training das Thema am Rande aufschnappt, meint sie lachend: „Das muss dann eine Ente sein.“

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