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Olivia Gürth (Diezer TSK Oranien) bei einem Spaziergang mit ihrem Hund Pinky.

Serie: Supertalente im NNP-Land

Olivia Gürth und der Traum von Nairobi

Sie sind die vielversprechendsten Nachwuchssportler der Region. Doch was steckt hinter ihren Top-Leistungen? Wie viel Aufwand müssen die jungen Athleten betreiben? In unserer Serie "Supertalente aus dem NNP-Land" blicken wir auf den Alltag der Sportler und fragen nach. Heute beschäftigen wir uns mit Leichtathletin Olivia Gürth vom Diezer TSK Oranien.

Der Moment ihres bislang größten Erfolges hallt noch immer nach: "Es war ein traumhaftes Gefühl. Es hat wirklich etwas gedauert, es zu realisieren", sagt Olivia Gürth, Läuferin des Diezer TSK Oranien, heute. Ende Juli des vergangenen Jahres hatte sie den Deutschen Juniorinnen-Titel über die 1500 Meter Hindernis in Ulm gewonnen. "Das war mein erster großer Erfolg. Vorher wurde ich immer Vierte", erklärt Olivia Gürth.

Das Rennen war sie damals "von vorne Weg mit vollem Risiko schnell angegangen". So hatte sich früh eine Hauptkonkurrentin herauskristallisiert. "Ich wusste mit jedem Meter mehr, dass ich es schaffen könnte. Im Ziel war es dann ein einfach traumhaft", erzählt die 17-Jährige, die sich nicht nur zur Deutschen Meisterin gekürt, sondern die 1500 Meter zusätzlich in persönlicher Bestzeit von 4:48,14 Minuten hinter sich gebracht hatte. Ganz zur Freude ihrer Mama Sarah Gürth und Trainer Lutz Preußner. "Beide waren nach dem Lauf total erleichtert", erzählt die Schülerin. Aber überhaupt durfte sich Olivia Gürth über zahlreiche Gratulationen aus dem Bekanntenkreis freuen. "Viele haben den Lauf über den Livestream im Internet mitverfolgt. Ich selbst habe erst abends realisiert, was ich da erreicht hatte."

Bis zu diesem Erfolg war es aber ein langer Weg. Seit dem Grundschulalter ist Olivia Gürth den Leichtathleten des Diezer TSK Oranien gewogen gewesen. "Davor bin ich nur beim Reiten gewesen", erzählt sie. Die ersten Wettkämpfe, die über die Kreisebene hinausgingen, absolvierte sie erst 2017. Ihre Leistungen verhalfen ihr direkt zur Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften der U 16 in Bremen. "Durch die Ergebnisse dort hat sich abgezeichnet, dass es Sinn macht, mich auf das Laufen zu spezialisieren", erinnert sie sich. Eine goldrichtige Entscheidung: In der Folge habe sie ihre Laufleistungen stetig verbessert und Bestzeiten mehrfach unterboten. "Es war natürlich auch eine große Motivation, weiter mit meinem Trainer daran zu arbeiten."

Neben Coach Lutz Preußner, der sie seit 2017 betreut, ist die wichtigste Bezugsperson für den Sport ihre Mutter Sarah, die selbst auf ein langes Läufer-Dasein zurückblickt und noch immer in der Altersklasse der Seniorinnen W 50 auf der Mittelstrecke aktiv ist. "Dadurch reden wir natürlich viel über den Sport. Die Familie ist für mich das Wichtigste", erzählt sie über den Rückhalt, den sie im engsten Kreis hat. Gerade in Phasen, in denen es mal stressig ist, das Training und die Schule unter einen Hut zu bekommen, komme dies zum Tragen.

Flexibles Training dank Homeschooling

Das blüht der 17-Jährigen im nächsten Schuljahr. Dann nämlich schreibt sie ihr Abitur am Sophie-Hedwig-Gymnasium in Diez. "Schon jetzt sind die Tage relativ voll, wenn der Schulalltag normal läuft", berichtet Olivia Gürth, die nach ihrem Abitur gerne Biologie studieren möchte. "Dann helfen Routine und ein guter Trainingsrhythmus. Es ist wichtig, die Freizeit möglichst effektiv zu nutzen." Selbst in ihren Freistunden während der Schulzeit geht sie joggen, um einen Teil ihres wöchentlichen Trainingspensums zu absolvieren. Das stößt nicht überall auf Verständnis: "Freunde aus dem Verein verstehen das natürlich. In der Schule fragen sich aber einige ungläubig, wieso ich da jetzt laufen gehen muss", erzählt sie. Die Antwort klingt plausibel: Im Normalfall trainiert sie zweimal in der Woche im Verein, hinzu kommen Dauerläufe, die sie mehrmals wöchentlich in Eigenregie absolviert. An den Wochenenden ist Olivia Gürth während einer Saison regelmäßig auf Wettkämpfen.

In Zeiten der Corona-Pandemie ist das natürlich anders: "Durch das Homeschooling habe ich den Trainingsumfang mit vielen langen Läufen gesteigert, weil ich zeitlich flexibler war", berichtet sie von ihren Erfahrungen. "Seit vier Wochen können wir in Zwölfer-Gruppen auch wieder einmal pro Woche auf die Bahn." Auch die Schule, sagt sie, lief in diesem Zeitraum weitestgehend "normal". Ab Montag steht für die Oberstufenschüler des SHG allerdings erneut Online-Unterricht auf der Tagesordnung.

Bisher waren die Meisterschaften auf Bundesebene die Höhepunkte ihres sportlichen Schaffens, der nächste Schritt sei es nun, sich für internationale Nachwuchsmeisterschaften zu empfehlen. Die Norm dafür hatte sie bereits in den vergangenen Jahren geschafft. Allerdings gebe es in Deutschland "viele Mädchen, die das schaffen". Für die U20-Weltmeisterschaften, die in diesem Jahr ursprünglich in der kenianischen Hauptstadt Nairobi ausgetragen werden sollten und nun aufgrund der Corona-Pandemie auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, gibt es in ihrer Disziplin zwei deutsche Startplätze. "Das ist eine große Konkurrenzsituation", sagt Olivia Gürth, die in diesem Jahr erstmals in der U20 antritt. "Ich bin gerade aufgestiegen. Als jüngerer Jahrgang wird das zwar schwierig, nominiert zu werden, machbar ist es dennoch." Mit den Europameisterschaften 2021 in Tallinn (Estland) wirft aber auch das nächste große Ziel seine Schatten voraus.

Wie gut die Chancen stehen, in einigen Jahren an den großen Events der Aktiven teilzunehmen, sei schwer zu prognostizieren, schließlich gebe es immer auch einige Überflieger. Als Beispiel nennt sie hier Konstanze Klosterhalfen, die bei der WM 2019 in Doha (Katar) Bronze über 5000 Meter gewonnen hat. "Einige entwickeln sich früh, andere später. Es ist natürlich im Bereich des Möglichen. Klar ist aber, dass es am Ende nur ein paar wenige Athleten schaffen", zeigt sich Olivia Gürth sehr reflektiert.

Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, möchte Olivia Gürth auch nach dem Erwerb ihrer allgemeinen Hochschulreife im nächsten Jahr mit der Leichtathletik weitermachen. "So lange es möglich ist, mache ich das. Auch wenn ich in der Abi-Zeit vielleicht das eine oder andere Mal auch bei Trainingslagern etwas kürzer treten muss." Dafür habe sie aber nach ihrem Abitur - zumindest vorerst - viel mehr Zeit.  

Yannick Wenig

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