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Höhe gemeistert: Stabhochspringer Gordon Porsch fliegt über die Latte.

Leichtathletik Hochtaunus

Olympia als Ziel: Gordon Porsch will hoch hinaus

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Er gehört zu den besten Stabhochspringern in Deutschland. Aber reicht es für Tokio? Für seinen Traum von der Olympiateilnahme hat der Neu-Anspacher Gordon Porsch schon einige Hürden überwunden.

Neu-Anspach.-Um zu erfahren, wie Gordon Porsch so drauf ist, lohnt sich ein Besuch bei Physiotherapeut Dirk Lösel. In seiner Privatpraxis im Wettenberger Ortsteil Launsbach trainieren die Mitglieder des einstigen "Team Tokyo 2020". Der Name diente vor allen Dingen Werbezwecken. Ins Leben gerufen wurde die Trainingsgruppe im Jahr 2016 vom sportbegeisterten Lösel vor allem, um Spitzensportler ein Mal pro Woche in sportwissenschaftlicher Hinsicht zu unterstützen. Tatsächlich ist der Neu-Anspacher Stabhochspringer Porsch neben der Wetzlarer Sprinterin Lisa Mayer das einzige Teammitglied, das sich Hoffnungen auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen macht.

Der 24-jährige Blondschopf ist in den freundlich eingerichteten Übungsräumen der Praxis beim Athletiktraining damit beschäftigt, seine Muskulatur zu stärken. An einer kunterbunten Wand hängen Fotos von jungen Sportlern, die darauf einen Gruß ans Praxisteam formuliert haben, durch eine große Glasfront fällt der Blick den Hang hinunter aufs Gleiberger Land.

Porsch wuchtet aus der Bewegung einarmig eine Kettlebell in die Höhe, das ist ein kuhglockenförmiges Gewicht. Sportwissenschaftlerin Sabrina Möller assistiert, weist ihn auf die korrekte Körperhaltung hin. "Ich muss eher schauen", sagt Porsch in einer kurzen Pause zum Luftholen, "dass ich nicht zu viel Muskelmasse aufbaue." Für einen Stabhochspringer ist eine Gewichtzunahme nicht förderlich. Schwer fliegt es sich nicht mehr so leicht über die Querlatte. 5,61 Meter ist Porschs Bestleistung, damit gehört er zu den besten Stabhochspringern Deutschlands. Und jetzt kommt das Aber.

Immer montags ist Athletiktraining in Launsbach angesagt: Gordon Porsch (rechts) stemmt eine Kettlebell, Sportwissenschaftlerin Sabrina Möller schaut zu.

Einerseits benennt der selbstbewusste Athlet sein Ziel ganz konkret: dass er bei den diesjährigen Sommerspielen dabei sein möchte. Andererseits besagt seine Wettkampfstatistik, dass es noch ein großer Sprung für ihn ist, um den Traum zu realisieren. Denn auf 5,80 Meter hat der Leichtathletik-Verband die Qualifikationshöhe für Tokio geschraubt. Das ist im Stabhochsprung noch mal ein anderes Level. Doch wer Gordon Porsch, diesen kessen wie muskelbepackten Athleten zwischen seinen Kraft- und Stabilisationsübungen über den Dächern von Launsbach erlebt, der hält es nicht für unmöglich, dass der Neu-Anspacher dieses Level in den nächsten Monaten erreichen wird. Denn er hat in seiner Karriere schon ganz andere Hürden genommen als eine 4,50 Meter lange Latte in luftiger Höhe.

Im November 2014 dürfte es gewesen sein - Porsch grübelt kurz, als er zurückblickt - als ihm ein Arzt das erste Mal mitteilte, dass er wohl keinen Leistungssport mehr treiben könne. 19 Jahre war er da alt, hatte sich als ehemaliger Mehrkämpfer gerade erst auf Stabhochsprung spezialisiert.

Die Disziplin musste es quasi sein, weil Vater Dietmar, ein passionierter Ruderer, sich im fortgeschrittenen Sportleralter in den Kopf gesetzt hatte, Stabhochspringer zu werden. Bis dieser sein Hobby aufgrund von Kniebeschwerden aufgeben musste, war Sohnemann Gordon sonntagmorgens immer im Training dabei, als Dietmar Porsch auf der Anlage in Friedberg versuchte, eine Latte in bis zu 2,60 Metern Höhe zu überqueren. "Ich hatte eigentlich keine andere Wahl, als es auch zu versuchen", lächelt Porsch junior. Bis heute leitet der Papa ihn an, noch vier weitere Talente aus der Region gehören der Trainingsgruppe Porsch an.

Der Start des Sohnemanns in die wohl komplexeste Disziplin der Leichtathletik war damals holprig verlaufen, denn der Blondschopf hatte auch eine Gärtnerlehre begonnen. "Ein Knochenjob, bei der man lauter schwere Sachen schleppen muss", erzählt er. Abends mündete sein Arbeitstag meistens im Training in der Kalbacher Leichtathletikhalle. Das machte sein Knie nicht lange mit: Operation am Meniskus, Komplikationen, drei weitere OPs wegen eines Eiter bildenden Keims im Knie. Porsch musste Antibiotika einnehmen, ein halbes Jahr lang. Ärzte verloren den Glauben, dass er wieder so richtig auf die Beine kommt.

In dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit Dirk Lösel, dem Physiotherapeuten, der darauf spezialisiert ist, muskuläre Dysbalancen zu erkennen und mit gezieltem Training Verletzungen vorzubeugen. Das schützte seinen Schützling freilich vor der nächsten schweren Blessur nicht. Die Schuld daran trug Gordon Porsch ganz alleine.

Im Winter 2017 passierte es im Training: Während des Anlaufs zu einem Sprung wähnte sich Porsch im falschen Rhythmus und warf aus Verärgerung den Stab weg. Das etwa fünf Meter lange und drei Kilogramm schwere Sportgerät aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff schnellte von der Sprunganlage zurück, Porsch lief hinein und rammte sich den Stab in den Hals.

Zum Glück wurde der Modellathlet in der Halle sofort ärztlich versorgt, an die Sekunden des Unfalls kann er sich nicht mehr erinnern. Er hatte sich die Halsschlagader verletzt. Intensivstation, tagelanges Bangen. Doch Porsch kam wieder auf die Beine. Er musste starke Medikamente zur Verdünnung des Blutes einnehmen. Der Puls durfte zunächst nicht über 100 Schläge pro Minute betragen, nach vier Wochen höchstens 120, über mehrere Monate war das dann so.

Es dauerte aber nicht lange, bis Porsch schon wieder leicht trainierte. Mit einer Pulsuhr habe das ganz gut funktioniert. "Ich stand voll im Saft, es war kaum auszuhalten, gar nichts zu tun", sagt er. Seine Erzählungen sind unaufgeregt. Er dramatisiert nichts. Als gehörten solche Rückschläge eben dazu auf dem Weg nach oben. "Ich führe halt ein Leben am Limit", sagt Gordon Porsch.

Sein bisher größter Erfolg: Gordon Porsch gewann Silber bei der Hallen-DM 2018.

Einen Winter später, im Februar 2018, war der Neu-Anspacher auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Bei den deutschen Hallenmeisterschaften war er voll da. Seine Höhe von 5,58 Meter reichte für Silber, auch weil die Konkurrenz patzte. Er sprang danach mit noch härteren Stäben, bis zu acht haben Stabhochspringer ja bei einem Wettkampf dabei. Doch die Sommersaison verpasste er wegen eines Bänderrisses am Knöchel.

Das Auf und Ab in der sportlichen Laufbahn des Lehramtsstudenten setzte sich auch 2019 fort. Einerseits erreichte er seine neue Freiluftbestmarke von 5,61 Metern beim Meeting in Mannheim, andererseits klappt es bei den deutschen Meisterschaften in Berlin überhaupt nicht. "Salto nullo", kein gültiger Versuch. Anlauf und Stabhärte hätten einfach nicht zusammengepasst an diesem Tag. "Dabei habe ich mich gut gefühlt und das Potenzial für 5,70 war schon da", sagt Porsch.

Er sagt es voller Überzeugung. Dann muss es eben 2020 klappen, im Olympiajahr.

Von der LG Ovag Friedberg-Fauerbach, dem einstigen Verein seines Vaters, ist der Neu-Anspacher zur LG Eintracht Frankfurt gewechselt. Vor allem wegen der Trainingsbedingungen, wie er sagt. Dienstags, donnerstags und samstags trainiert er vor der Uni in der Leichtathletik-Halle Kalbach, montags bei Dirk Lösel in Launsbach, mittwochs und freitags zu Hause im Kraftraum. Hinzu kommt samstagnachmittags ein spezielles Athletik-Training beim Deutschen Turnerbund an der Otto-Fleck-Schneise.

Zum Regenerieren bleibt der Sonntag. Es sei denn, es ist Wettkampf. Gordon Porsch hat in diesem Jahr für viele Wettkämpfe gemeldet. Dort wird er auf die Konkurrenten um die drei Startplätze kämpfen, die der Deutsche Leichtathletik-Verband für Olympia vergibt. Raphael Holzdeppe, Weltmeister von 2013, ist mit einer Bestleistung von 5,94 Meter die Nummer eins. Torben Blech überquerte schon 5,80 Meter, Nachwuchsmann Bo Kanda Lita Baehre (5,70 Meter) sprang bei der WM in Doha im Finale.

Leistungssprünge bei anderen Athleten seien zudem zu erwarten, sagt Gordon Porsch. Aber bei ihm selbst ja auch. "Ich weiß, was ich kann." Er sagt es voller Überzeugung. Jetzt muss sein Körper mitmachen.

Die "Hessischen" am Wochenende in Kalbach

Die Hessischen Meisterschaften am Wochenende im Sportzentrum Kalbach sind für Gordon Porsch ein Trainingswettkampf. Der Stabhochspringer tritt mit einer Vorleistung in dieser Hallensaison von 5,40 Metern als klarer Favorit an. Für Max Lehl (TSG Wehrheim/bisher 4,63 Meter) aus seiner Trainingsgruppe dürfte der Endkampf problemlos machbar sein. Um die Titel geht es im Frankfurter Stadtteil für Männer, Frauen und die Altersklasse U18. Am Samstag (ab 10.55 Uhr) und Sonntag (11 Uhr) werden 575 Teilnehmer aus 118 Vereinen für ein volles Haus sorgen.

Nichts anderes als der Titel wird von Weitspringer Gianluca Puglisi (Königsteiner LV) erwartet, der die Meldeliste mit 7,76 Metern klar anführt. Etienne Grandemange (LG Eintracht Frankfurt) wird wohl nicht ins Finale kommen, der Oberurseler hat ebenso für die 60 Meter und 200 Meter gemeldet. Im Sprint schnüren auch Jonas Hennig (60 Meter, 200 Meter) und Thorben Maneth (beide TSG Friedrichsdorf/200 Meter) ihre Spikes. Sprinter Suren Danieljan (TSG Oberursel/7,17 Sekunden) peilt eine Sechser-Zeit an und könnte auf der Hallenrunde in die Top 10 laufen. Routinier Adrian Ernst von der TSG Wehrheim hat die Endkampfteilnahme schon sicher - es sind nur sieben Kugelstoßer am Start.

Siebenkämpferin Vanessa Grimm (KLV) startet über 60 Meter (Sprint und Hürden) sowie im Hochsprung. Beim Kugelstoßen sollte für Vanessa Wallisch (TSG Wehrheim) eine Medaille machbar sein. Für Jessica Penzlin (HTG) ist Bronze drin. Hochspringerin Anabel Peine (LG Eintracht Frankfurt) aus Bad Homburg führt mit 1,78 Metern das Ranking an. Teamkollegin Maria Gauges aus Weißkirchen ist Vielstarterin (60 Meter, 200 Meter, 60 Meter Hürden, Weitsprung, 4x200 Meter). Maryse Luzolo vom KLV möchte auf dem Weg zur Hallen-DM in Leipzig (22./23.2.) den Titel holen. Dies sollte für die Zweite der Militär-WM in China (6,49 Meter) machbar sein. (jp)

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