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Ibrahim Cigdem, Trainer TSV Vatanspor Bad Homburg

Fußball, Spielbericht und Kommentar

„Peinlicher Auftritt“: Vatanspor Bad Homburg geht schweren Zeiten entgegen

Nur zwei Punkte aus sieben Verbandsligaspielen in diesem Jahr: Die Partie gegen die TS Ober-Roden ist der negative Höhepunkt der schwarzen Serie von Bad Homburgs Fußballern.

Vatanspors Trainer Ibrahim Cigdem, den alle nur Ibo nennen, hatte vergangene Woche in der Hessischen Sportschule in Grünberg erfolgreich die Prüfung für die Trainer-B-Lizenz absolviert. Da wird sicher auch geschult, wie Trainer mit Niederlagen umgehen sollen. Aber die Enttäuschung, die ihm seine fast abgestiegene Mannschaft am Sonntag beim Heimspiel gegen die abstiegsbedrohte TS Ober-Roden bereitet hat, kann man in keinem Lehrgang simulieren.

Der Bad Homburger Übungsleiter war noch lange nach dem Abpfiff sprachlos. Schließlich brach es aus ihm heraus. „Ein peinlicher Auftritt meiner Mannschaft. Deren Mentalität war heute weit entfernt von dem, was in der Verbandsliga erforderlich ist“, sagte der frühere Torjäger, der beim TSV seine erste Station im Seniorenbereich erlebt.

Eine bleierne Trägheit hatte am Sonntag über dem Platz gelegen. In den Pferdeställen auf der gegenüberliegenden Straßenseite war mehr los, da wurde wenigstens ab und zu mal gewiehert. Um bei dem Vergleich mit den Vierbeinern zu bleiben: Ein gutes Turnierpferd springt gerade so hoch über ein Hindernis, wie unbedingt nötig. Und das taten die Gäste aus Ober-Roden. Die Hürden, die von den Homburgern aufgestellt wurden, waren aber auch nicht sehr hoch.

Bereits in der fünften Minute, im Anschluss an einen Eckball, schoss Lucas Sitter den Ball flach ins Netz. Torwart Rachid Döring war machtlos. Der Keeper war am Sonntag der Beste in seinem Team und zeichnete sich mehrfach aus. Beim 0:2 durch Michel Klinger kurz vor der Pause war er noch mit den Fingerspitzen am raffinierten Heber dran, der Ball rollte aber ins Tor. Die einzige Torgefahr auf der Gegenseite ergab sich durch einen Drehschuss von Mustafa Saniyeoglu kurz darauf, der von Gästetorwart Nikolaos Gkogkos zur Ecke abgewehrt werden konnte. Auch diesen Eckball, einen von insgesamt neun, konnten die Homburger nicht nutzen.

In der zweiten Hälfte wurden die 40 Zuschauer nur hin und wieder aus ihrer Lethargie geweckt. Vatanspor strahlte Abschiedsstimmung aus. Einfachste Dinge gelangen nicht, selbst Einwürfe landeten beim Gegner. Der tat nur das Nötigste, verschenkte noch etliche Chancen oder scheiterte an Schlussmann Döring. Vor dem 0:3 wurde er von seinen Vorderleuten wieder alleingelassen. Tim Kalzu umspielte ihn und traf ins leere Tor.

Dörings Gegenüber verlebte einen ruhigen Nachmittag. Keinen einzigen Torschuss feuerten die Bad Homburger mehr ab, die mit solchen Leistungen das Bild zerstören, das Fußball-Kenner noch in der ersten Saisonhälfte von ihnen hatten.

TSV: Döring – Youssef, Lerch, Paci, El Maimouni – Saniyeoglu (75. Mohamed-Ebrahim), Wendnagel (50. Kirci), Chihab, Tekie – Skoczny (30. Matondo), Cakovic. – Tore: 0:1 Sitter (5.), 0:2 Klinger (42.), 0:3 Kalzu (62.).

Kommentar zum TSV Vatanspor: Die Gründe für den Abstieg

Das Saisonziel Klassenerhalt wird der TSV Vatanspor Bad Homburg verfehlen. Dafür gibt es nicht die eine überwiegende Ursache. Es sind verschiedene Gründe, die nach vier Jahren in der Verbandsliga zum Abstieg führen werden.

Mit einem Drittel des Vorjahres-Etats musste der Vereins auskommen, das hat von Anfang an Grenzen gesetzt. Die Wintertrainingswoche in der Türkei vermittelte zwar einen anderen Eindruck. Jedoch hatte ein Hotelbesitzer die Mannschaft eingeladen, den Flug zahlten die Spieler selbst. Trainer Ibrahim Cigdem stellte bei seiner ersten Trainerstation im Seniorenbereich Disziplin als Basis des Erfolges an die erste Stelle. Vielleicht hat er dabei aber etwas überzogen und die Latte zu hoch gehängt. Von Anfang an waren nämlich Spieler dabei, die seinen disziplinarischen Anforderungen nicht genügten. So trennte man sich schon vor dem ersten Punktspiel von Torhüter Luca Allen Lotz. Ein weiterer Schlussmann, Marcel Dumann, fühlte sich nicht wohl und kehrte zurück zum FV Stierstadt. Routinier Dennis Leopold war als Führungsspieler eingeplant. Auch hier funktionierte die Zusammenarbeit nicht, und es kam noch in der Vorrunde zur Trennung. Mit Ömer Dursun und Zafer Sancak, beide von Verbandsliga-Aufsteiger Sportfreunde Frankfurt gekommen, wollten die Verantwortlichen auch vorzeitig nicht mehr weiter arbeiten. Genau wie mit dem talentierten Marvin Diehl, mit dem es zwischenmenschliche Probleme gab. Ein weiterer Ex-Speuzer, Emre Kadimli, spielte zu Saisonbeginn groß auf, schoss die meisten Tore. Er ließ jedoch rapide nach und wurde nicht mehr berücksichtigt. Die Einstellung fehlte, so heißt es. . .

Bei Kadimli sei die Frage erlaubt: Warum holt man einen Spieler, der mit seinen 25 Jahren schon in neun Vereinen gekickt hat? Der TSV wollte doch nachhaltig planen und auf hungrigen Nachwuchs setzen. Allerdings geht es nur mit jungen Spielern auch nicht, das zeigten viele Fehler im Spiel, die wegen mangelnder Erfahrung passierten. Es fehlt zudem ein Regisseur, der die Mannschaft auf dem Platz führen und Verantwortung übernehmen kann. Soufian Chihab, erst 22 Jahre alt, war da allein überfordert.

Was die mangelnde Torausbeute betrifft, hätte es eine naheliegende Lösung gegeben: Cigdem selbst. Überall, wo er spielte, schoss er Tore wie am Fließband, auch schon für den TSV. Spielertrainer wollte er aber nicht sein.

WOLFGANG KULLMANN

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