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Es erinnert ein bisschen an Rhönradfahren: Frank Layer im Spacecurl, einem Gerät, mit dem die Rumpfstabilität trainiert wird.

Frankfurt Marathon

Ein Bad Homburger hat's geschafft: Aus dem Rollstuhl zum Marathonläufer

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Frank Layer läuft am Sonntag gemeinsam mit seinen Therapeuten. Es gab eine Zeit, in der erhebliche Zweifel bestanden, dass der Bad Homburger überhaupt wieder laufen kann. Sein Beispiel zeigt, was durch optimal dosierte und rundum betreute Rehabilitation heutzutage möglich ist.

Als Frank Layer nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen war und wieder laufen konnte, als er nach seiner Tortur wieder Licht am Horizont sah, äußerte er einen sehnlichen Wunsch: "Einmal beim Frankfurt Marathon in der Festhalle ins Ziel kommen."

Im Januar war das, gut ein Jahr, nachdem Ärzte die Befürchtung geäußert hatten, dass er nie wieder richtig laufen kann. Am Sonntag nun soll der Wunsch des 52-jährigen Bad Homburgers in Erfüllung gehen. Frank Layer läuft die letzten 13,5 Kilometer des Marathons. Er tritt in einer der Vierer-Staffeln gemeinsam mit den Menschen an, die ihm maßgeblich geholfen haben. Marco Hentsch und Dr. Claudia Müller-Eising sind die Geschäftsführer des neurologischen Reha-Zentrums "neuroneum", das gegenüber den Hochtaunus-Kliniken angesiedelt ist, Stefanie Fischer eine der Physiotherapeutinnen, die den Patienten beim Genesungsprozess immer noch unterstützt.

Erst haben sie ihn fit gemacht. Bei den gemeinsamen Laufeinheiten wendete sich dann das Blatt quasi. Und dank Antriebsfeder Layer hat sich noch ein weiteres Team des Reha-Zentrums gebildet, so dass zwei Staffeln aus Bad Homburg am Sonntag starten.

Frank Layer sitzt in einem Büro und erzählt viel lieber über das gemeinsame Ziel, das nun greifbar nahe ist, als über seinen eigenen Leidensweg. Das würde er am liebsten gar nicht tun. Sich in den Vordergrund zu spielen, ist nicht seine Sache. Sportlich sieht der Mann mit Bart und Brille aus. Wenn er spricht, wirkt er jünger, als er ist. Man sieht ihm aber auch noch die Strapazen an, die über viele Monate sein Leben bestimmten.

Wegen einer schweren Krankheit war Layer im Sommer 2017 in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Intensivstation, zehn Tage im künstlichen Koma, die Ärzte kämpften um sein Leben. Als der Mann aufwachte, litt er unter neuronalen Schädigungen und Arthrose. Teilweise schmerzte die Muskulatur, teilweise klappte die Motorik überhaupt nicht mehr, weil er Hände und Beine nicht spüren konnte. Frank Layer, der früher schon einmal einen Marathon gelaufen ist, wurde nach vier Monaten im Rollstuhl als Pflegefall aus der Klinik entlassen. Er wog noch 54 Kilo.

Weil sich in der stationären Reha keine entscheidende Verbesserung eingestellt hatte, begann er zu Hause, aufstehen zu üben und sich von A nach B zu "arbeiten". Als normales Gehen konnte man das noch nicht bezeichnen. Als ein Schlüsselerlebnis hat er den Besuch seines Enkels gespeichert, der Durst hatte. Plötzlich gelang es Layer wieder, nach einem Glas zu greifen.

Die "hoffnungslosen Fälle"

Im Bad Homburger Reha-Zentrum habe der Mann dann wieder richtig Hoffnung geschöpft, auch wenn die Analyse seines Ganges niederschmetternd gewesen sei. Doch hier kommt man als Patient täglich mit Menschen in Berührung, die als ähnlich "hoffnungslose Fälle" beginnen: nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, hervorgerufen durch Schlaganfall, Unfall oder Tumor-Operation.

Frank Layer wurde zum Intensivpatienten. Ihn betreuten Physiotherapeuten und Ergotherapeuten in je drei bis vier Einheiten, an jedem zweiten Tag. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch - "total unaufgeregt", wie er selbst sagt.

Nur mit einem individuellen und ganzheitlichen Ansatz könne für Menschen mit einer Hirnschädigung der Weg zurück ins Leben gelingen, meint Claudia Müller-Eising. "Das Aneinanderreihen von Therapien ist keine Rehabilitation." Sagt eine freundliche und lebhafte Frau, die für ihre Sache brennt. Das merkt man ihr sofort an. Die Juristin liegt nicht selten im Clinch mit Krankenkassen, die Therapien nicht bezahlen wollen. Sie gründete das Reha-Zentrum vor neuneinhalb Jahren. Dafür hatte sie sich bei Experten in den USA schlaugemacht und ihr Reha-Zentrum mit High-End-Technologie ausgestattet. Vor allem mittels Spendengelder. Frank Layer lernte zum Beispiel durch Robotertechnik wieder laufen.

"Ich wurde ganz schön malträtiert", sagt er. Der Lohn für die Mühen: Der Bad Homburger kann seinen Alltag wieder normal bestreiten, geht wieder arbeiten. Und er läuft am Sonntag Marathon. Diesmal wird aber nicht nur er gequält. "Mal sehen", sagt er lächelnd, "ob wir auch ankommen."

Das passiert in der ambulanten neurologischen Rehabilitation

Eine flächendeckende Notversorgung und eine technisch nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitende Intensivmedizin ermöglichen es heute, dass immer mehr Menschen auch schwerste Verletzungen des Gehirns überleben. Manche können aber nicht mehr laufen, sprechen oder ihre Arme und Hände bewegen. Das muss neu erlernt werden. Jedoch gibt es kaum Anbieter von ambulanter neurologischer Rehabilitation.

Neuroneum ist ein solches Reha-Zentrum mit Sitz auf dem Gesundheitscampus in Bad Homburg. Die Einrichtung mit 22 Mitarbeitern hat sich auf die therapeutische Nachsorge von Schädel-Hirn-Verletzungen bei Kindern und Erwachsenen spezialisiert. Am Anfang der Rehabilitation stehen eine interdisziplinäre Diagnostik und die gemeinsam mit den Patienten und Angehörigen definierten Rehabilitationsziele. Darauf aufbauend, wird das Rehabilitationskonzept entwickelt, das klassische Therapiemethoden wie Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie mit modernster technischer Entwicklung kombiniert.

Dr. Claudia Müller-Eising gründete das neurologische Rehabilitationszentrum. 2005 war ihr die große Lücke in der post-akuten Versorgung für Schädel-Hirn-Trauma-Patienten aufgefallen. Ihre Tochter Hannah war auf dem Schulweg von einem Auto erfasst worden und hatte monatelang im Koma gelegen – in einer Klinik am Bodensee. Es musste sich etwas ändern. . . (rem/Quelle: neuroneum.de)

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