Gymnastin

Sina Tkaltschewitsch schmeißt den Leistungssport mit 19 Jahren hin und will Physiotherapeutin werden

Karriereende im Alter von nur 19 Jahren: Was sich anhört wie ein Schock, ist für Sina Tkaltschewitsch eher eine Erlösung. Die Gymnastin aus Obertshausen, die lange für den TV Eschborn geturnt hat, freut sich auf ein neues Kapitel in ihrem noch jungen Leben.

Kürzlich wurde Sina Tkaltschewitsch mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Als der hessische Innenminister Peter Beuth die „besten und engagiertesten“ Sportlerinnen und Sportler des Landes ehrte, wurde unter anderem die 19-jährige Obertshausenerin ausgezeichnet – ebenso ihre jüngere Schwester Lea. „Mit ihrer Hingabe für den Sport verkörpern unsere Preisträger all das, was Millionen Menschen in unserem Land bewegt und motiviert“, sagte Beuth. Im Fall Sina Tkaltschewitsch trifft das jedoch nicht mehr zu. Denn sie gibt sich dem Sport bereits seit einigen Wochen nicht mehr hin.

Normales Leben führen

Bei der Weltmeisterschaft im September in Sofia reifte bei der Gymnastin der Wunsch, „endlich ein normales Leben zu führen“. Klingt nachvollziehbar, überrascht jedoch im ersten Moment mit Blick auf ihr Alter. „In der Rhythmischen Sportgymnastik sind die Ältesten maximal 23, viele müssen schon vorher wegen Verletzungen aufhören“, erklärt Tkaltschewitsch und stellt klar: „Irgendwann reicht es mit Leistungssport.“ Zumal sie aus ihren Möglichkeiten nahezu das Maximale herausgeholt hat.

Als Vierjährige fing Tkaltschewitsch mit dem Sport an. „Mit circa zwölf Jahren kam ich dann in die Leistungsklasse“, erinnert sie sich. 2014 der nächste Schritt: Die zierliche Obertshausenerin (1,61 Meter, 46 Kilo) wurde in das Nationalteam aufgenommen und zog im Alter von 15 Jahren nach Fellbach-Schmiden (Baden-Württemberg), wo sie sich mit ihrer Schwester eine Wohnung teilte und beide 35 Stunden pro Woche am Bundesstützpunkt übten. Bereits zuvor war sie von der TSG Neu-Isenburg zum TV Eschborn gewechselt, dem sie in dieser Zeit auch treu blieb. Später wechselte sie wieder zurück nach Neu-Isenburg und gehörte auch dem TSV Schmiden an. „Nebenbei“ erlangte sie in Stuttgart die Fachhochschulreife.

„Natürlich hatte ich weniger Zeit für Freunde. Ich habe aber nichts verpasst, sondern etwas anderes erlebt“, betont Sina Tkaltschewitsch. In der Tat kann sich ihre sportliche Vita sehen lassen. Die mehrfache nationale Titelträgerin nahm mit der Auswahl des Deutschen Turner-Bundes an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften sowie Weltcups teil. Höhepunkte waren die European Games 2015 in Baku (Finale mit dem Band) und die Olympischen Spiele 2016 in Rio (Platz zehn). „Olympia – das ist das Höchste, was man erreichen kann“, schwärmt sie auch noch Jahre später. „Das Schönste war, in Rio beim Wettbewerb die Fläche zu betreten und die Olympischen Ringe zu sehen. Aber auch das Olympische Dorf und die Abschlussfeier waren toll. Ich höre insofern guten Gewissens auf. Und Platz zwölf bei der Weltmeisterschaft im September in Sofia war ein schöner Abschluss.“

Die Umstellung fiel ihr jedoch nicht leicht: „Anfangs hatte ich nichts zu tun, war drei Wochen zu Hause und habe Sport für mich selbst gemacht“, berichtet Sina Tkaltschewitsch. Ab September eifert sie beruflich ihrer Mutter nach und lässt sich zur Physiotherapeutin ausbilden. Zur Überbrückung arbeitet sie derzeit in Frankfurt. „Ich wollte bereits in jungen Jahren Physiotherapeutin werden“, sagt die ehemalige Kapitänin der Nationalteam-Gruppe, die es sich vorstellen kann, in einer anderen Funktion zum Deutschen Turner-Bund zurückzukehren: „Physio in der Gymnastik – das wäre cool.“

Und was wünscht sie sich für die Sportart, in die sie so viel investierte? „Noch mehr Unterstützung, auch wenn es besser geworden ist. Die 300 Euro Förderung, die ich erhalten habe, gingen für die Wohnung drauf. Es war eher so, dass man noch drauflegen musste.“

Dennoch bereut es Sina Tkaltschewitsch nicht, sich damals dafür entschieden zu haben, Gymnastik als Leistungssport zu betreiben: „Die ganzen Erinnerungen, Freunde und Erfahrungen möchte ich nicht missen. Ich bin früh von zu Hause weg und habe dadurch gelernt, selbstständig zu sein. Das trifft nur auf wenige 15-Jährige zu.“

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