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Der "Rumpf-Clan": Sabine mit ihrem Papa  Hans-Jürgen und Mama Rita vor dem Stadion in Málaga.

Jahresrückblick Leichtathletik

Das Schönste am WM-Titel war der Empfang daheim

Sabine Rumpf von der LSG Goldener Grund wurde in Málaga Diskuswurf-Weltmeisterin der Altersklasse W35.

Mein erstes Jahr bei den „Senioren“ (über 35 Jahre) sollte ein klares Ziel haben: mit Julia Bremser bei der WM um den Titel im Diskuswerfen zu kämpfen. Der erste herbe Schlag: Julia sagte ihre Teilnahme aufgrund massiver Rückenprobleme ab. Die Erfolge sind mir in der Saison nur so zugeflogen, obwohl meine Trainingsmoral auch schon mal besser war: Deutsche Senioren-Winterwurfmeisterin, Hessische Meisterin, Süddeutsche Meisterin, Deutsche Seniorenmeisterin. So war auch vor der WM klar: Ohne Titel brauchst du gar nicht heimzukommen. Ich war die Favoritin.

Mit meinen Eltern reiste ich eine Woche vor dem Wettkampf an. 60 Kilometer von Málaga entfernt waren wir in Marbella untergekommen. Erste Hürde: Finde eine Trainingsstätte, wo du Diskuswerfen kannst. Unsere Hotelrezeption war sehr bemüht. Ich sollte mal beim örtlichen Leichtathletik-Verein nachfragen. Mit seinen drei Brocken Spanisch brachte mein Vater dann in Erfahrung, dass es in Marbella nur „heilige“ Fußballplätze gibt, die man keinesfalls mit Disken bewerfen darf. „Nur“ 30 Kilometer weiter sei aber eine Leichtathletik-Anlage. Inmitten riesiger Gestüte erspähten wir einen Wurfkäfig. Der Zufall wollte es, dass sich eine Polizeistreife auf dem Gelände aufhielt. Mein Vater erklärte den netten Herren, dass seine Tochter bei der WM starte und eine Trainingsmöglichkeit suche – ach ja, sie sei auch eine Kollegin! Die Eskorte führte uns zum Sportplatz. Es blieb aber bei einer Trainingseinheit. Mein Rücken wollte nicht mehr. Enttäuschung machte sich breit. Aufgeben war keine Option. Dann feuern wir erstmal meinen Vereinskameraden Dieter Laux an. In Málaga konnte ich dann einen Physiotherapeuten der deutschen Mannschaft zu Rate ziehen, doch der half mir leider nicht wirklich. Aber selbst ist die Frau. Zwei Tage lang habe ich mich selbst malträtiert auf schmerzhafteste Weise mit dem neuen Wunderkind der „Blackroll-Familie“ – dem „Twister“. Schuhe binden ging schon wieder fast schmerzfrei. Ein Physio des Deutschlandteams hat’s dann verstanden. Zwei, drei Handgriffe, der Schmerz war noch da, die Angst weg. Nichts verschoben, kein Wirbel hängt, alles gut bis auf die Muskulatur, die ist wie Beton. Wettkampftag. Tasche packen, Trikot an, legale Schmerzmittel rein. Eltern auf die Tribüne begleiten, beruhigen, verabschieden, aufwärmen. Der Aufruf zum Callroom. Dann endlich ins Stadion. Kurz den Ring checken. Einer der schnellen und glatten Sorte. Einwerfen? Eher nicht, nur eine Imitation, eine Drehung ohne Wurf. Es geht los. Du hast nur diesen einen Wurf, der muss also sitzen! „Mach keinen Scheiß“, hör ich in Gedanken Julia sagen. Drehung, Abwurf, Diskus fliegt aus dem Käfig, landet mittig im Sektor, gültig. Und dann auch noch über 50 Meter. Ein Wurf geht noch. Am Ende wurden es doch sechs. Vor dem letzten war klar: Ich habe gewonnen! Ich bin Weltmeisterin! 52,25 m – fast sechs Meter Vorsprung! Die Siegerehrung war eher unschön. Dem Erfolg nicht wirklich würdig. In einem Zelt war ein Siegerpodest aufgebaut mit ungefähr 30 Stühlen davor – zehn davon besetzt. Die Fahnen wurden auf Bildschirmen eingeblendet und die Hymne abgespielt.

Das alles war längst nicht so emotional wie der Empfang meines Vereins zu Hause: ein Wahnsinn! Dieser Empfang wird mir in bester Erinnerung bleiben. Die Vorbereitungen waren strengster Geheimhaltung unterlegen. Zwei meiner Nichten lockten mich daheim aus dem Haus. Als ein Löschfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Niederselters vor meiner Tür stand, fiel mir die Kinnlade runter. Mit vertrautem Blaulicht und Martinshorn ging es auf den alten Sportplatz – meinen Zweitwohnsitz. Dort stand gefühlt halb Selters in meinem „Wohnzimmer“. Der Wahnsinn! Das war schon sehr emotional, unbeschreiblich! Freude pur mit etwas Pippi in den Augen . . .

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