Dream-Team aus dem Taunus: Dressur-Olympiasieger Sönke Rothenberger und sein Ausnahmepferd Cosmo.
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Dream-Team aus dem Taunus: Dressur-Olympiasieger Sönke Rothenberger und sein Ausnahmepferd Cosmo.

Reitsport, Hochtaunus

Sönke Rothenberger: Ein Olympiasieger voller Demut

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Sönke Rothenberger hat seine zweite Teilnahme bei den Sommerspielen im Visier. Doch die Zeit wird für den Bad Homburger und sein Pferd Cosmo knapp. Warum der Goldmedaillengewinner von Rio gelassen auf die Pandemie zurückblickt und den Spielen in Tokio skeptisch gegenübersteht.

Bad Homburg -Dass Sönke Rothenberger in der Reitsportszene vergleichsweise immer noch als recht "junger Hüpfer" eingestuft wird, ändert nichts an seiner Ausstrahlung. Die hat mehr mit Freundlichkeit, Cleverness und einer gewissen Gelassenheit zu tun als mit Unbekümmertheit und Unerfahrenheit. Der 26-jährige Bad Homburg sagt öfters einmal schlaue Sätze. Kostprobe gefällig? "Ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd. Aber ein Reiter ohne Pferd ist ein Mensch."

Der schlaksige Dressurreiter könnte sein Alleinstellungsmerkmal in Bad Homburg und Umgebung genießen. Er hat bei Olympischen Spielen die Goldmedaille gewonnen, 2016 in Rio de Janeiro mit der deutschen Dressur-Mannschaft war das. Das hat nicht einmal die familiäre Konkurrenz geschafft, die im Stadtteil Dornholzhausen das großzügig angelegte Gestüt Erlenhof betreibt. Mama Gonnelien holte in Atlanta Silber mit der Mannschaft, Papa Sven bei den gleichen Spielen 1996 Silber im Einzel und Bronze mit der Mannschaft. Doch Sohnemann Sönke lässt nicht etwa einen raushängen. Sondern keine Gelegenheit aus, um Demut zu zeigen. Und zu erwähnen, wem er die außerordentlichen Erfolge seiner noch jungen Karriere zu verdanken hat: Cosmo.

Pferde, die mit einem solchen Talent für den Reitsport gesegnet sind, davon gebe es auf der ganzen Welt nur wenige. Und als Reiter arbeite man wahrscheinlich nur einmal mit einem solchen Ausnahmekönner, sagt Rothenberger junior. Deshalb tritt er lieber auf die Bremse, wenn er auf die Sommerspiele in diesem Jahr angesprochen wird. Natürlich würden Cosmo und er zum Favoritenkreis in Tokio zählen. Dazu müssen sie aber erst einmal in Form kommen. Viel Zeit hat das Bad Homburger Duo dafür aber nicht.

"Das ist eine große Herausforderung", sagt Sönke Rothenberger, gleich in seinem ersten Statement im lockeren Gespräch mit dieser Zeitung. Cosmo sei Pandemie-bedingt "heruntergefahren" worden. Lange war wegen Corona ja auch der Reitsport zum Erliegen gekommen und dann wurden die Pferde noch von einem grassierenden Herpesvirus bedroht. Cosmo, inzwischen 14 Jahre alt und für einen Wallach im besten Sportleralter, verbrachte seine Zeit dort, wo die meisten Menschen im Lockdown auch waren. Zuhause. "Jetzt geht's aber schlagartig wieder, da muss er konditionell einiges aufholen", erzählt Rothenberger.

Ab dem 3. Juni wird es für Rothenberger und Cosmo ernst

Damit dies bis zu seinem vermutlich ersten Wettkampf des Jahres auch klappt, der deutschen Meisterschaft und Olympia-Sichtung in Balve am 3. bis 6. Juni, hatte die Familie sogar eine Aqua-Trainerin aus Dänemark engagiert. Cosmo bewegte sich dabei auf einem Laufband bei wechselnden Wasserständen.

Rund drei Stunden verbringt der Blondschopf täglich mit seinem Pferd. "Cosmo gibt die Geschwindigkeit vor, wir gehen kein Risiko ein, sondern nach Gefühl. Das wird deshalb zeitlich schon sehr knapp, wieder ein so hohes Level zu erreichen." Unter die besten Vier muss das Duo nach den Olympiasichtungen sein, eine zweite geht im Rahmen des Dressurfestivals auf dem Kronberger Schafhof, dem Gestüt von Olympiasiegerin Ann Kathrin Linsenhoff, am 24. bis 27. Juni über die Bühne.

Freilich sind die Spiele das große Ziel für Rothenberger. Auch wenn er offen sagt, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Wenn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vorgebe, dass Deutschland in Tokio dabei ist, wolle er sich diesen Traum auch erfüllen, ja. Die Erleichterung sei auch groß gewesen, dass ein neuer Termin nach der letztjährigen Absage gefunden wurde. Jedoch sieht der Bad Homburger "keine Chancengleichheit für alle gewährleistet". Beim Reiten ginge das noch, aber in anderen Disziplinen seien Sportler aus ärmeren Ländern klar benachteiligt, die wegen der Virusmutationen nicht so gut trainieren könnten. Weil die Spiele irgendwie durchgeboxt werden sollen, selbst gegen die Mehrheit der japanischen Bevölkerung, bekäme Olympia ein Imageproblem. "Andere Menschen kämpfen wegen des Coronavirus um ihr Leben", sagt Rothenberger. "Ich hätte den Sommer 2022 als besseren Termin empfunden." Deutliche Worte.

Sönke Rothenberger hat zum Interviewtermin auf dem Balkon einer Reithalle Platz genommen. In Arbeitskleidung, er kam direkt von der Koppel. Weil der Rotstift den Turnierkalender zuletzt dominierte, widmete sich der mittlere der Rothenberger-Geschwister - Schwester Sanneke ist 28 und steht mittlerweile im Berufsleben, Schwester Semmieke ist mit 21 eine sehr erfolgreiche U25-Reiterin - der Fohlenaufzucht. Dafür schaut er sich viele noch sehr junge Pferde an, die bei einem gewissen Talent ihr Zuhause auf dem Erlenhof finden. Das seien zunächst Momentaufnahmen, erzählt er, erst im Alter von drei oder vier Jahren könne man mit den Pferden richtig arbeiten. Und erst beim Anreiten sei klar, in welche Richtung es ginge.

Bahnbrechender Alleingang des Vaters Sven Rothenberger

Sein Vater holte damals Cosmo sogar schon fünfjährig aus den Niederlanden, um vielleicht ein Pferd für seine Tochter Semmieke heranzuziehen. Die Begeisterung hielt sich in seiner Familie zunächst in Grenzen. Bis der Papa Seine Frau und Kinder einmal zum Vorreiten einlud. . .

Ob aus einem jungen Pferd ein erfolgreiches Turnierpferd werde, erzählt Sönke Rothenberger, das habe sehr viel mit seiner Einstellung und Robustheit zu tun, erzählt Rothenberger. Seine Liebe für die Vierbeiner ist während seiner Worte jederzeit zu spüren.

Nicht die Corona-Pandemie bedeutete für ihn deshalb einen Einschnitt, für das Leben auf dem Erlenhof habe sich ja kaum etwas geändert, sondern der Schicksalsschlag am 28. Februar 2019. Bei einem Großbrand im Gestüt, hervorgerufen durch einen technischen Defekt, kamen damals fünf Pferde ums Leben.

Als "das Schrecklichste, was ich erleben musste", bezeichnet der Olympiasieger den traumatischen Morgen, "es hat einem den Boden unter den Füßen weggezogen". Er wirkt dabei aufgeräumt, denkt möglichst nicht mehr daran. Froh sei er, dass die Bauarbeiten inzwischen fast abgeschlossen seien.

Über Olympia zu sprechen, ist Sönke Rothenberger viel lieber. Auch wenn die Wettkämpfe ohne Zuschauer stattfinden sollen, keine Begleitpersonen zugelassen sind und das wahrscheinlich isolierte Leben im olympischen Dorf mit den Erlebnissen in Rio nicht zu vergleichen sein werden. Mit dem Impfstoff "Johnson & Johnson" sei er geimpft worden. Das habe der DOSB organisiert. Keine Nebenwirkungen. Am wenigsten Sorgen würde er sich über den Transport machen. "Manche Pferde vertragen Flüge besser als Fahrten im Lkw", lächelt er.

Aber vielleicht wird's ja auch gar nichts mit der zweiten Teilnahme. Dann blieben in diesem Jahr noch die Europameisterschaften in Hagen. Und Sönke Rothenberger würde dann 2024 die Sommerspiele in Paris in Angriff nehmen. So oder so.

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