+
Weiß nicht, wohin der Weg führt: Sophia Krause.

Rudern

Sophia Krause: "Und plötzlich steht alles auf Pause"

  • Marion Morello
    vonMarion Morello
    schließen

Sophia Krause, Spitzenathletin des Limburger Clubs für Wassersport, spricht über ihre Gefühle und Hoffnungen.

Für uns alle ist die derzeitige Situation nicht einfach und ungewohnt. Besonders hart trifft es auch die Spitzensportler, die sich - wenn überhaupt - nur unter äußerst erschwerten Bedingungen auf eventuell noch anstehende Wettkämpfe vorbereiten müssen. Vielleicht sogar auf die Olympischen Spiele in Tokio, an deren Austragung IOC-Präsident Dr. Thomas Bach partout festzuhalten scheint. Wir haben Sophia Krause vom Limburger Club vom Wassersport gefragt, wie sie die Situation erlebt. Sie erzählt uns ihre Geschichte:

"Draußen scheinen die ersten warmen Sonnenstrahlen, Frühlingsgefühle kommen auf. Das harte Wintertraining ist so gut wie geschafft. Nach wochenlangem Regenwetter und Hochwasser, was das Rudern unmöglich machte, nun eigentlich das perfekte Ruder-Wetter. Eigentlich. Denn seit fünf Tagen hat der Verein nun geschlossen. Der Sportbetrieb am Limburger Bootshaus ist seitdem untersagt. Dies ist die Folge der vierten Verordnung zur Bekämpfung des Coronavirus vom 17. März, die die hessische Landesregierung veröffentlicht hat und die Zusammenkünfte in Vereinen unterbindet. Aber es ist nicht der erste Schritt. Der Sportbetrieb lief schon einige Tage stark eingeschränkt, denn die Vereinsmitglieder durften sich nur zu ganz bestimmten Zeiten am Club aufhalten und unter strengen Auflagen trainieren.

Nach dem Betreten des Vereinsheims musste sich jeder die Hände zwei Minuten lang waschen, das Training auf dem Ruder-Ergometer wurde an der frischen Luft durchgeführt, wobei ein Abstand von zwei Metern zwischen jedem Gerät eingehalten werden musste. Nach dem Beenden der Einheit wurde alles gründlich desinfiziert. Das war zwar lästig, aber es waren alle froh, überhaupt noch da sein zu dürfen. Doch dieser Zustand dauerte nicht lange an. Drei Tage später war das ebenfalls zu Ende. Auch wenn es hierbei nicht um gesundheitliche oder existenzbedrohende materielle Sorgen geht, so stellt die Entwicklung der letzten Tage für einen Leistungssportler doch einen schwerwiegenden, nie erlebten Einschnitt dar. Immer das Ziel vor Augen, trainieren sie Wochen, Monate und zum Teil auch Jahre daraufhin. Sie quälen sich Tag für Tag, doch sie wissen wofür. Und plötzlich ändert sich alles. Das Training im Boot und am Verein kann nicht mehr wie gewohnt stattfinden, manch einer verabschiedet sich von seinen Trainingskollegen nach der letzten Einheit mit den Worten: "Bis auf unbestimmte Zeit." Doch es ist nicht nur das. Beinahe täglich werden Wettkämpfe abgesagt, bereits bis in den Juni hinein. Die Regattasaison stand vor der Tür, die Vorbereitungen für das Ostertrainingslager mit 20 Leuten waren in vollem Gange. Plötzlich nichts mehr von alledem.

Noch sind die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften nicht abgesagt, doch eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch dies geschieht. Ganz zu schweigen von den Olympischen Spielen, gegen deren Verschiebung sich das Internationale Olympische Komitee bisher vehement wehrt. Schon jetzt ist ein Großteil der Qualifikationswettbewerbe gecancelt. Für die vielen, noch nicht qualifizierten Sportler müssten neue Qualifikationsregeln entworfen werden. Bereits bestehen große Unterschiede, was die Trainingsmöglichkeiten anbelangt. Die einen können noch normal trainieren, bei anderem herrscht komplettes Trainingsverbot. Die Werte des Sports können in einer solchen Situation nicht aufrechterhalten bleiben. Für viele Sportler wäre dies einerseits eine Erlösung vom Druck und der Ungewissheit der letzten Tage, andererseits auch der Einbruch einer kleinen Welt, wenn auch nur der Sport-Welt. Monatelange Trainingslager, eine akribische Trainingssteuerung, um im entscheidenden Moment fit zu sein, all dies umsonst?

Doch was soll man tun, in einem Moment, in dem alle ohnmächtig zu sein scheinen. Als Leistungsruderin bin ich unmittelbar betroffen. Von normalem Trainingsalltag kann keine Rede mehr sein. Optimismus, Ausdauer und Kreativität sind nun gefordert. Dabei sind Rennrad-Ausfahrten oder Lauf-Einheiten, die von zu Hause aus absolviert werden können, sowohl physisch als auch psychisch gerade jetzt extrem wichtig. Sollten auch diese Möglichkeiten durch eine Ausgangssperre zunichte gemacht werden, wäre das für viele ein herber Schlag, wenn nicht gar das Aus.

Denn ansonsten bleibt nur noch ein stark reduziertes, den Gegebenheiten angepasstes Krafttraining übrig. Zum Glück durften ein paar Hanteln und Gewichtscheiben vom Verein ausgeliehen werden. Auch die Ruder-Ergometer wurden auf die aktiven Leistungssportler verteilt. Es fällt allerdings schon schwer, sich aufzuraffen und sich zu quälen, wenn man gerade nicht so wirklich weiß, wofür. Nun gilt es, die Motivation aufrechtzuerhalten, den Spaß nicht zu verlieren und sich kleine Ziele zu setzen. Denn keiner weiß, wann und wie es weitergeht, wann er das nächste Mal ein Startsignal hören wird.

War der Traum von Olympia für mich eigentlich erloschen, so ist er nun vielleicht doch wieder da. Denn wer weiß, wie es weitergeht. Verschiebt sich Olympia, so werden die Karten neu gemischt. Vielleicht wäre dies für mich eine zweite Chance. Es sind nur Spekulationen, doch wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Nun heißt es erst einmal, gesund zu bleiben, das Beste aus der Situation zu machen, und alles andere muss sich zeigen."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare