Die menschenleere Sportanlage am Kirdorfer Wiesenborn aus der Vogelperspektive. foto: heiko rhode
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Die menschenleere Sportanlage am Kirdorfer Wiesenborn aus der Vogelperspektive. foto: heiko rhode

Sportkreis Hochtaunus

Sportplätze und Hallen bleiben leer

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Liebe Leser, es ist schon eine merkwürdige Situation. Für uns alle und natürlich auch die Sportredaktion. Wir berichten heute über ein Thema, wohlwissend, dass die Nachrichtenlage sich am morgigen Erscheinungstag der Zeitung wieder geändert haben wird. Sehen Sie deshalb unseren Bericht als Stimmungsbild, wie Entscheider im Sportkreis die Corona-Lage am Donnerstag erlebten. So viel ist aber ganz sicher: Dieser bewegte Tag geht in die Geschichte des Sports ein.

Thomas Mair gingen ohnehin schon ganz viele Dinge durch den Kopf. Und während er sie aussprach, fielen ihm schon wieder die nächsten Auswirkungen der derzeitigen Corona-Lage ein. Der Oberurseler ist seit einigen Jahren Spielleiter im Handballbezirk Wiesbaden/Frankfurtund deshalb ein gefragter Mann. Aber wohl noch nie so gefragt wie gestern.

Sollen wir am Wochenende spielen? Müssen wir spielen? Können und sollen wir Spiele verlegen? Wird die Saison überhaupt zu Ende geführt? Mair hatte darauf zwar Antworten parat. Er konnte aber nicht sagen, ob diese eine Stunde später noch Gültigkeit haben.

Am vergangenen Wochenende, als sich in der virusverseuchten Welt des Sports noch alles um Geisterspiele in den großen Arenen drehte, stach auf lokaler Ebene eine Meldung ins Auge. Die Damenmannschaften der HSG Rüsselsheim/Bauschheim/Königstädten musste schon das zweite Spiel in Serie in der Bezirksliga A Darmstadt absagen. "Aus gesundheitlichen Gründen, so hieß es erst einmal. Der Hintergrund war, dass eine Spielerin Kontakt zu einer Person hatte, bei der später das Coronavirus diagnostiziert wurde. Vorsorglich wurde für die Spielerin häusliche Quarantäne angeordnet, der Trainingsbetrieb der Mannschaft ruhte.

Inzwischen wurden die Rüsselsheimer Handballerinnen alle negativ auf Corona getestet. Sie wollten in dieser Woche wieder den Trainingsbetrieb aufnehmen, um als Tabellendritter den Aufstieg vielleicht noch zu schaffen. Fragt sich nur, ob es überhaupt noch Saisonspiele gibt? Das war - Stand gestern - jedenfalls sehr fraglich.

Im hiesigen Handballbezirk wurde am Wochenende ein einziger Fall bekannt, dass eine E-Jugend-Mannschaft nicht zum Spiel erschien, da die Eltern für deren Kinder größere Ansammlungen von Menschen lieber vermeiden wollten. Am Donnerstagmorgen waren dagegen schon einige E-Mails und Anrufe bei den Funktionären eingegangen.

Eine Männermannschaft aus Wiesbaden äußerte gesundheitliche Bedenken und möchte am Wochenende zu ihrem Spiel nicht antreten. Ein anderer Verein aus dem Main-Taunus-Kreis leitete eine E-Mail weiter. In dieser empfahl Landrat Cyriax den Sportvereinen sinngemäß, sich zwar in der Halle treffen zu können, aber den Kontakt zu auswärtigen Sportlern zu meiden.

Gegen 14 Uhr schickte Spielleiter Mair eine E-Mail an alle Vereine, um ihnen mitzuteilen, dass keine Mannschaft gezwungen werde, am Wochenende zu spielen. "Wenn die Vereine das wollen, können sie ihre Spiele aussetzen, ohne dafür eine Gebühr zu bezahlen", sagte Mair. Nachholtermine festlegen würde zurzeit derweil keinen Sinn machen. Auch ein Abbruch der Runde sei eben nicht ausgeschlossen. Welche Wertung gibt es in einem solchen Fall? Was ist mit Auf- und Absteigern? Was passiert mit der Qualifikation für die Jugend-Spielklassen? "Alles große Fragezeichen", sagte Mair.

Am Abend wussten er und die Vereine schon wieder mehr: Nachdem die Bundesliga die Entscheidung gefällt hatte, eine Pause bis zum 23. April einzulegen, schrieb der Hessische Handball-Verband am Abend auf seiner Webseite: "Spielbetrieb wird eingestellt."

Am Donnerstagmorgen war der Turngau Feldbergum den langjährigen Präsidenten Helmut Reith noch gewillt, den Gauturntag am Freitag in Oberhöchstadt durchzuführen. Handele es sich doch um eine relativ kleine Veranstaltung mit etwa 70 Personen. Zudem hatte der Verband empfohlen, an Events und Wettkämpfen dieser Größenordnung festzuhalten.

"Wir müssen jedoch den aktuellen Ereignissen Rechnung tragen", verkündete gestern Nachmittag Jörg Pöschl, Beisitzer im Turngau-Vorstand. Es habe einige Nachfragen verunsicherter Vereinsvertreter gegeben und auch bereits Absagen wegen der Corona-Lage. Im Einklang mit Gastgeber TSG Schönberg habe der Vorstand schließlich entschieden, den Gauturntag zu verlegen. Als Nachholtermin, so Pöschl, werde der Juni angestrebt.

Auch zwischen den Fußballfunktionären glühten gestern die Drähte. "Mir ist kein Corona-Fall in einer Mannschaft des Hochtaunuskreises bekannt", sagte Kreisfußballwart Andreas Bernhardt am frühen Nachmittag, "aber um die Verbreitung des Virus einzudämmen, wird man um entsprechende Maßnahmen nicht herumkommen". Gegen 17 Uhr erreichte Bernhardt die Nachricht des Hessischen Fußball-Verbandes: Im Bundesland wird es bis zum 10. April (Karfreitag) kein offizielles Fußballspiel geben. Der Spielbetrieb ruht ab sofort.

Der Deutsche Volleyball-Verbandwar einer der ersten Sportverbände, der sich zu einer Beendigung der Saison entschloss. Die entsprechende Pressemitteilung ging um 15 Uhr raus. Den Landesverbänden wurde darin zudem empfohlen, ihren Spielbetrieb ebenfalls abzubrechen. Die prompte Reaktion von Patrick Hehl, Trainer von TV Bommersheims Oberliga-Männern: "Wir spielen auf keinen Fall weiter."

Den Volleyballern fällt dieser Entschluss womöglich etwas leichter als anderen Amateursportlern. Es standen nur noch zwei Spieltage auf dem Plan.

Von einem vorzeitigen Saisonabbruch sind mehrere der ranghöchsten Teams im Hochtaunus betroffen. Die Basketball-Verbändeverkündeten das abrupte Ende. Die Männer des MTV Kronbergkönnen dies durchaus auch positiv sehen: Sie werden somit nicht absteigen.

Frauen-Zweitligist Falcons Bad Homburgwar darüber schon am späten Mittwochabend informiert worden. Die Mannschaft hätte am Sonntagnachmittag ihr letztes Heimspiel der Normalrunde gegen die Rhein-Main Baskets absolviert und rechnete sich als Tabellenzweiter gute Chancen für die Playoffs aus. Alles hinfällig.

Der Verein der Falcons, die HTG Bad Homburg, ging sogar noch einen Schritt weiter: "Die dynamische Entwicklung der Situation erfordert Besonnenheit und verantwortungsvolles Handeln im Umgang mit der Gesundheit unserer Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Helfer, Fans und Eltern", schrieb Managerin Liz Rhein auf der Facebook-Seite der Basketball-Abteilung. "Daher lassen wir den Trainingsbetrieb mannschaftsübergreifend ab sofort ruhen bis zum 31. März."

Der Hessische Tischtennis-Verband(HTTV) hat bezüglich des Coronavirus gestern am frühen Nachmittag Konsequenzen gezogen, aber wie auch die Fußballer die Saison nur ausgesetzt. Bis einschließlich 17. April ruht mit sofortiger Wirkung der komplette Spielbetrieb. Das gilt für Einzelwettbewerbe ebenso wie für die Mannschaftwettbewerbe.

"Der HTTV kommt damit der Fürsorgepflicht für die Gesundheit gegenüber den Vereinen sowie deren Spielerinnen und Spielern nach. Darüber hinaus unterstützt er mit dieser Entscheidung die behördlichen Bemühungen, um mögliche Ansteckungen zu verhindern und die weitere Ausbreitung einzudämmen", lautet die Begründung von HTTV-Präsident Andreas Hain in einer entsprechenden Erklärung.

Demgegenüber tat sich der Deutsche Tischtennis-Bund mit einer Entscheidung für seine Ligen bis zu unserem Redaktionsschluss am Abend schwer. "Wir haben uns schon Anfang der Woche intern darüber unterhalten, ob wir lieber ein Geisterspiel durchführen sollen", sagte Mirko Kupfer, Geschäftsführer des TTC OE Bad Homburg. Der Spielplan sieht für den Zweitliga-Tabellenführer für Samstagabend eigentlich das Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken II vor. Fragt sich nur, mit welcher Mannschaft? Die ausländischen Profis der Ober-Erlenbacher haben derzeit Probleme, nach Deutschland zu kommen.

Auch Individualsportler aus dem Hochtaunus hatten bereits negative Auswirkungen der Corona-Lage bezogen auf ihre sportliche Laufbahn zu verdauen: Die Wehrheimerin Anna Katharina Plinkehatte die Teilnahme am Paris-Marathon als Saisonhöhepunkt geplant, die Reise inklusive Hotelaufenthalt schon gebucht.

Das Rennen wurde jedoch ebenso abgesagt wie die deutschen Meisterschaften im Bogenschießen, bei denen Nationalkaderschützin Janine Meißneraus Schmitten den Titel im Visier hatte. Austragungsort wäre die Freiheitshalle in Hof gewesen. Die Stadt im Bayerischen Wald hatte nach einer Krisensitzung unter Beteiligung der öffentlichen Behörden die Durchführung der Veranstaltung untersagt.

Die Absage der Fußballspiele bis zum 10. April im Wortlaut:

Liebe Fußballfreunde,

um 16.50 Uhr erreichte mich folgende Information seitens unserer Verbandsgeschäftsstelle: „Aufgrund der besonderen Situation rund um das Coronavirus haben der Verbandsausschuss für Spielbetrieb und Fußballentwicklung, der Verbandsjugendausschuss und der Verbandsausschuss für Frauen- und Mädchenfußball in Abstimmung mit dem Präsidium beschlossen, alle Spiele im Feld und in der Halle (Meisterschafts-, Pokal-, Freundschafts-, Futsal-Spiele sowie Turniere) bis einschließlich 10. April 2020 abzusetzen. Somit ruht der Spielbetrieb bis zu diesem Termin. Wie mit den ausfallenden Meisterschafts- und Pokalspielen verfahren wird, steht aktuell noch nicht fest. Wir werden euch entsprechend informieren. Es ist ausreichend Zeit, hierfür Lösungen zu finden und wird wohl auch im Zusammenhang mit der künftigen Gesamtsituation einhergehen. Gleichzeitig setze ich folgerichtig alle im Kreis stattfindenden Sitzungen, Schulungen und sonstige Termine des Hessischen Fußball-Verbandes für den Zeitraum bis 10. April 2020 verbindlich ab! Hier kommen die zuständigen Personen rechtzeitig auf euch zu. Ich persönlich halte es für richtig, dass eine einheitliche Lösung für alle Wettbewerbe gilt. Die Gesundheit aller muss vorgehen. Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Nebensache.

Mit sportlichen Grüßen,

Andreas Bernhardt,

Kreisfußballausschuss Hochtaunus

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