+
Gisela Weinreich.

Start und Landung auf Russisch

Sportereignisse, über die im Taunus immer wieder gerne gesprochen wird, und die Frage, was aus den Protagonisten von einst geworden ist, stehen im Zentrum unserer Rubrik. Wir berichten in loser Reihenfolge.

Von Wolfgang Kullmann

Als vor einigen Jahren im Rahmen einer Werbeaktion Prominente über die Schönheit der Landschaften im Hochtaunuskreis befragt wurden, war auch Gisela Weinreich dabei. Wer könnte besser die Reize unserer hiesigen Landschaft beschreiben als sie? Die fünffache Europameisterin, der viele Jahre der Ruf vorauseilte, auch die beste Segelfliegerin der Welt zu sein (Weltmeisterschaften werden nicht ausgeflogen), genießt als Mitglied des Luftsportclubs Bad Homburg vom Flugplatz Obernhain aus den Blick von oben auf den Taunus und darüber hinaus und hat damit einen Blickwinkel, der nur wenigen vergönnt ist.

Sie war Lufthansa-Stewardess, der Ehemann Pilot, und so verwundert es nicht, dass die gebürtige Lübeckerin Gisela Weinreich in einem nur zehntägigen Schnellkurs das Segelfliegen erlernte. Bereits am achten Tag absolvierte sie erfolgreich den ersten Alleinflug. Der offizielle Segelflug-Schein war dann nur noch Routine. Weinreich, die mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen beruflich nach Frankfurt versetzt wurde, trat 1980 beim LSC Bad Homburg ein.

Gisela Weinreich lobt ihren Verein: „Der LSC hat mich gefördert und inspiriert. Ein Großteil der Vereinsmitglieder war und ist sehr leistungsorientiert mit guter Ausbildung. Das hat mich weitergebracht.“ Die damaligen „Ostblockstaaten“ mit ihrer Dominanz im Frauen-Segelflugsport trieben den Deutschen Aeroclub dazu an, selbst eine Frauen-Nationalmannschaft zu gründen – deren Sprecherin wurde Gisela Weinreich. Und sie war erfolgreich: 1983 errang sie die erste Europameisterschaft in den belgischen Ardennen, nach eigenen Aussagen „völlig überraschend“. Der Titel wird alle zwei Jahre vergeben und Weinreich legte nach: Titelverteidigung 1985 in Jugoslawien. 1987 in Bulgarien segelte sie auf den dritten Platz, und 1989 in Orel (heutiges Russland) holte sie sich den Titel zurück.

Diese Europameisterschaft war wohl die schwierigste, denn in der damals noch existierenden Sowjetunion war von Glasnost oder Perestroika noch nichts zu spüren.

Gisela Weinreich erinnert sich: „Allein die Anreise im Pkw mit Flugzeuganhänger dauerte drei Tage. Das ging nur im Konvoi mit anderen internationalen Teams. Wir waren nie ohne Aufsicht der Staatsorgane. Nur in der Luft waren wir frei, mussten aber ein russisch abgefasstes Schriftstück dabeihaben, das unsere Anwesenheit rechtfertigte.“ Dieser Zettel, erzählt Weinreich, habe Wunder gewirkt: „Bei schwierigen Wetterverhältnissen musste ich auf einem abgelegenen Feld eine Außenlandung vornehmen. Zwei junge Burschen auf Fahrrädern fanden mich und informierten den Direktor der zuständigen Kolchose. Der holte mich mit seinem Jeep höchstpersönlich ab und schleppte mich zwei Stunden lang bei glühender Hitze zu einem niedrig bewachsenen Kleefeld, auf dem mich dann ein Schleppflugzeug wieder hoch bekam. “

Nach der Wende setzte Weinreich in anderen Ländern ihre Erfolgsserie fort: 1991 EM-Titel in England, 1993 und 1995 jeweils zweite Plätze und 1995 und 1997 wiederum mit einem Sieg in der Slowakei.

Gisela Weinreich hatte in all den Jahren keinen Unfall und ist heute noch regelmäßig in der Luft. Sie bringt aber auch ihre Erfahrung ein als Präsidiums- und Jurymitglied bei der Pilotinnen-Vereinigung und internationalen Wettbewerben. Den 150 Mitgliedern beim LSC Bad Homburg hilft sie mit Rat und Tat weiter. Ein besseres Vorbild dürfte für einen Luftsportverein auch kaum denkbar sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare