Der Sandsack hängt unter dem Dach des Carports. Hier finden Steffi Grin und ihr Coach Guiseppe Petronio halbwegs gute Voraussetzungen zum Training unter Corona-Bedingungen.
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Der Sandsack hängt unter dem Dach des Carports. Hier finden Steffi Grin und ihr Coach Guiseppe Petronio halbwegs gute Voraussetzungen zum Training unter Corona-Bedingungen.

Boxen

Steffi Grin: Vom Carport in den EM-Ring

  • Marion Morello
    vonMarion Morello
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Tägliches Training, eineinhalb Stunden lang, für Fußballer und andere Sportler undenkbar. Nicht so für die 15-jährige Steffi Grin aus Oberweyer, die dieses Pensum seit vielen Wochen absolviert. Der Lohn für ihre Mühen: An diesem Wochenende kämpft sie in Bochum bei den Europameisterschaften im Boxen. Die Athletin vom Boxring Condor Limburg startet in der Klasse bis 52 Kilogramm. 

Die Qualifikation hatte sie beim deutschen Bundesranglistenturnier in Lindow bei Berlin erreicht – diese Zeitung berichtete. Sehr zur Freude ihres Trainers Guiseppe Petronio war sie dort nach drei Siegen als Bundesranglisten-Beste hervorgegangen. Das verwunderte letztlich allerdings niemanden mehr in Expertenkreisen, denn in ganz Deutschland gibt es keine Gegnerin mehr, die gegen Steffi Grin antreten möchte. 41 Siege in 41 Kämpfen sprechen eine eindeutige Sprache.

Guiseppe Petronio hat sie entdeckt

„Die möchte in Deutschland keiner mehr vor den Fäusten haben“, sagt ihr Trainer Guiseppe Petronio, der das Talent der Schülerin schon früh erkannt hatte. Als sie im zarten Alter von fünf Jahren in die Kindergruppe des Boxrings Condor Limburg „zum Reinschnuppern“ gekommen war, erweckte sie sofort die Aufmerksamkeit des erfahrenen Coaches. „Technische Sachen fallen ihr ebenso wie die Bewegungsabläufe leicht“, weiß er inzwischen und hebt damit zugleich die Vorzüge der jungen Boxerin hervor; hinzu kommen Ausdauer und Explosivkraft.

Doch zum Talent gehört dann auch noch hartes Training, das besonders in Corona-Lockdown-Zeiten eine echte Herausforderung war. Als deutsche Kader-Athletin stand ihr eigentlich das Recht zu, in einer Halle zu trainieren. „Die Auflagen waren aber extrem hoch“, erklärt Guiseppe Petronio. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Das Training wurde von den beiden einfach in die „gute Stube“ daheim und unter das Carport-Dach am Eingang des Wohnhauses verlegt. Hier hängt ein Sandsack, den Steffi Grin nach Lust und Laune „bearbeiten“ kann.

Doch es gab noch andere Wege, sich intensiv auf die Europameisterschaften vorzubereiten. Da es in Deutschland für Mädchen bis 15 Jahre keine Möglichkeit für internationale Vergleiche und Förderung gibt, hat die Oberweyerin für zwei Jahre in Russland gelebt, um ihrem Sport nachzugehen. Dort hatte sie für ein internationales Turnier in Georgien gemeldet, das sie nicht nur gewann, sondern sie wurde sogar als beste Kämpferin ausgezeichnet.

In den letzten Wochen hat sie nun in Oberweyer ihr Trainingslager aufgeschlagen und von ihrer Familie viel Unterstützung bekommen. So ist das gemütliche Heim ganz auf das Training ausgerichtet: Im Wohnzimmer wird der Tisch zur Seite gerückt, um die Möglichkeit für Konditionstraining zu schaffen. Im Flur steht eine Waage, „damit ich mein Gewicht von 52 Kilogramm nach jedem Training kontrollieren kann“, so Steffi Grin; und in der Tür hängt zudem eine Klimmstange.

Sie will zu den Olympischen Spielen

Steht Steffi Grin an diesem Wochenende ein erster großer internationaler Titelgewinn bevor? Die Antwort kommt spontan und richtet sich bereits in die nähere Zukunft: „Olympia 2024 in Paris“, sagt sie wie aus der Pistole geschossen. Wenn denn alle Qualifikationen für Olympia genommen werden würden, wartet schon das nächste Hindernis: „Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen muss ich 18 Jahre alt sein“, weiß Steffi Grin. Das könnte sie gerade so schaffen.

Bei all ihrem sportlichen Eifer vergisst sie natürlich ihr Umfeld nicht. Der tolle sportliche Erfolg funktioniert nicht ohne Unterstützung durch ihre Familie. „Ohne Mama Olga geht gar nichts“, sagt sie. Aber auch in der Leo-Sternberg-Schule in Limburg wird die junge Spitzensportlerin gefördert. Dies alles möchte Steffi Grin mit ihren Erfolgen zurückgeben.

KLAUS-DIETER HÄRING

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