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Im Interview: Moderator Ulrich Müller-Braun (links) befragt auf der Gala zur TZ-Sportlerwahl 2013 Fußballer Tobias Wentzell.

Fußball

Die steile Karriere des Tobias Wentzell

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Dass er Fußballprofi werden wolle, erzählte er als Kind seinem Idol Oliver Kahn. Inzwischen hat sich Tobias Wentzell andere Wünsche erfüllt.

Wer bei Familie Wentzell zu Gast ist, der muss das Video mit Oliver Kahn gesehen haben. Und wehe dem, die CD-ROM funktioniert nicht gleich. Tobias Wentzell wird dann etwas unruhig, denn es waren Momente für die Ewigkeit, als er, der große FC-Bayern-Fan, die Torwart-Legende in dessen letzter Saison für die Münchner auf dem Trainingsgelände traf.

Alle großen Fernsehsender haben damals innerhalb weniger Wochen diese Bilder gesendet, auf der CD-ROM sind die Kurzbeiträge hintereinander gespeichert. Hauptdarsteller ist nicht etwa Oli Kahn, sondern Tobi Wentzell. Als achtjähriger Junge erzählt er vor der laufenden Kamera von seinem großen Traum, Fußballprofi zu werden.

Er weiß inzwischen natürlich längst, dass daraus nichts wird. Was nicht weiter schlimm ist, denn diesen Traum mussten und müssen noch ganz viele andere Kinder irgendwann begraben. Tobias Wentzell hatte wegen seiner körperlichen Voraussetzungen als Kleinwüchsiger aber nie eine Chance, Fußballprofi zu werden. Gut zehneinhalb Jahre nach dem Treffen mit Oli Kahn ist der junge Mann aus Stierstadt trotzdem Nationalspieler.

Das Video, das Ausschnitte aus seinem ersten Länderspiel gegen die Niederlande zeigt, trägt Tobias Wentzell auf dem Smartphone immer bei sich. Im Oktober gewann er im niederländischen Soest mit der deutschen Mannschaft 6:1 und bereitete dabei ein Tor vor. Normalerweise spielt der 19-Jährige im Team United. „Ein charakterlich toller Typ, der eine Mannschaft führen kann und immer anspielbar ist“, lobt sein Trainer Bruno Pasqualotto. Wentzell wird die inklusive Fußballmannschaft von Teutonia Köppern am Samstag wieder als Kapitän aufs Feld führen, wenn sein Verein ab 10.30 Uhr den dritten Spieltag der Hessenliga auf der Sportanlage neben dem „Forum“ veranstaltet.

Was Wentzell als Fußballer leistet, ist herausragend, denn er leidet unter einer seltenen Ausprägung des Kleinwuchses, am sogenannten FHUF-Syndrom, „das haben auf der Welt nur 100 Menschen“, weiß seine Mutter Christine. Weil diese Abkürzung Fragezeichen ins Gesicht des Zuhörers schreibt, ergänzt ihr Sohn Tobias dann prompt: „Mir fehlen Oberschenkel und Knie.“

Dass ihr Sohn mit einem Gen-Defekt auf die Welt kommt, sei ihr schon während der Schwangerschaft klar gewesen, erzählt Christine Wentzell. Tobias’ ohne Beeinträchtigung geborene Zwillingsschwester Ann-Kathrin ist auf vielen Fotos im Hause Wentzell mit ihrem Bruder zu sehen. Die beiden sehen darauf immer sehr glücklich aus. Ann-Kathrin war recht schnell einen Kopf größer, dann zwei. Ihr Bruder misst heute 1,20 Meter.

Zum Glück seien es 1,20 Meter, erzählt Tobias Wentzell mit einem Lächeln, in Freizeitparks beispielsweise könne er Achterbahn fahren. Wenn er das denn ausnahmsweise einmal wolle. Man spürt es: Der junge Mann kommt mit seinem Handicap gut klar, wegen seiner Körpergröße in der Reichweite stark eingeschränkt zu sein. Was ihn manchmal nerve, sei übertriebene Hilfsbereitschaft, erzählt er.

Tobias’ Eltern wandten sich vor gut zehneinhalb Jahren an die Medien, weil sie sich erhofften, dadurch weitere Menschen zu finden, die mit dem FHUF-Syndrom leben. Mehr als 450 Formen des Kleinwuchses gibt es, gut 100 000 Bundesbürger sind von einer Wachstumsstörung betroffen. Manche Form, wie das FHUF-Syndrom, sei aber noch nicht wirklich erforscht, weil es einfach zu selten auftrete, sagt Christine Wentzell.

Der FC Bayern wurde jedenfalls damals auf den Stierstädter Bub aufmerksam und lud ihn mit seiner Familie an die Säbener Straße ein. Er habe Respekt vor Menschen, die unter diesen Voraussetzungen das Beste aus ihrem Leben machen, sagte Kahn damals auf dem Parkplatz in die Kamera. Und sein glühender Fan in der dicken Winterjacke von damals hat inzwischen fürwahr schon einiges geleistet.

Im Oberurseler Gasthaus „Zum Schwanen“, das von seiner Familie schon in mehreren Generationen geführt wird, hatte Tobias Wentzell als Bub die Gäste zum Kicken animiert. Gespielt wurde im Hof, von Tür zu Tür. Der Junge trug nicht selten ein Torwarttrikot und Torwarthandschuhe. Den Versuch, Tobias bei den Young Boys Oberursel in einer Jugendmannschaft anzumelden, unternahmen die Wentzells auch, doch das habe wenig Sinn gemacht, schon im ersten Training sei dies klar geworden, erzählt seine Mutter. Ohne Oberschenkel und Knie bewegt sich ihr Sohn zwar nicht minder geschickt, aber eben ganz anders als nicht beeinträchtigte Fußballer.

Wie gut, dass die Eltern von Schulkamerad Pascal Hartmann dann vor fünf Jahren erzählten, dass Teutonia Köppern ein inklusives Fußball-Camp veranstalte. Denn aus dem Ferienspaß der Initiatoren Thorsten Picha (heute Inklusionsbeauftragter des Hessischen Fußballverbandes) und Bruno Pasqualotto wurde eine Mannschaft. Und aus fünf beeinträchtigten Teilnehmern wurde ein Kader von bis zu 50 Spielern, die aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet freitags in den Friedrichsdorfer Stadtteil kommen, wenn um 17 Uhr trainiert wird. Tobias Wentzell, der sich als Kaufmann für Büromanagement ausbilden lässt, fährt dann mit seinem Auto von der Arbeit aus Bad Vilbel zum Training. In seinem umgebauten Ford mit Automatik-Getriebe kann er mit den Händen Gas geben und bremsen.

Im Team United spielen junge Menschen mit den unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen gemeinsam mit Nicht-Behinderten Fußball. „Der Spaß steht bei uns im Vordergrund, es geht darum, möglichst toll miteinander zu spielen“, erzählt Tobias Wentzell.

Dafür, dass es vor allem um die Freude am Kicken geht, ist das Team aus Köppern aber ziemlich erfolgreich. Bei der Sportlerwahl dieser Zeitung wurde es zweitbeste Mannschaft des Jahres 2013, zurzeit ist United Hessenmeister.

Weil die Familie Wentzell dem Landesverband „Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien Hessen“ (LKMF) angehört, erfuhr sie auch schnell von der bundesweit angelegten Initiative eines Vaters aus Berlin und mehreren kleinwüchsigen Sportlern. In Eberswalde veranstalteten diese im vergangenen Jahr den ersten Lehrgang für eine Nationalmannschaft, und Tobias Wentzell war dabei. Der Offensivspieler aus dem Hochtaunus, den Vereinstrainer Pasqualotto wegen seiner Torgefährlichkeit und Spielübersicht „unser Messi“ nennt, gehörte auch im August zum Kader für die World Dwarf Games in Kanada.

Die Reise zu den Weltspielen der Kleinwüchsigen wäre für den gerade 18-jährigen Fußballer eine strapaziöse geworden, zudem eigenfinanziert, da dem Deutschen Kleinwuchs-Sportverband die Sponsoren fehlen. Seine Eltern entschieden sich dagegen, es war bestimmt auch die richtige Entscheidung, aber Tobias Wentzell verfolgte dann live auf einem Youtube-Kanal, wie Deutschland als Neuling im Finale den hohen Favoriten USA schlug und Weltmeister wurde.

Er lässt es sich nicht anmerken, aber dass muss ähnlich hart für den jungen Mann gewesen sein wie es 2006 für Oliver Kahn war, bei der WM im eigenen Land nicht spielen zu dürfen.

Seitdem hat Tobias Wentzell ein großes Ziel: Die Teilnahme an den World Dwarf Games 2021. Köln bewirbt sich um die Ausrichtung. „Selbst wenn es im Hinterland von Indien sein wird, ich werde dabei sein“, sagt Tobias Wentzell.

Im September ist schon das nächste Trainingslager der Nationalmannschaft in den Niederlanden, an dem er teilnehmen möchte. Das Training mit dem Team United ist ihm zu wenig. Zusätzlich tut der Stürmer beim Schwimmen etwas für seine Kondition. Und wenn der junge Mann dann nach dem Training geschlaucht ins Bett fällt, schaut er auf eine Vitrine an der Wand. Darin sind Torwarthandschuhe und ein Trikot eingeschlossen, signiert von Oliver Kahn. Sein eigenes, in Gelb-Schwarz, hängt nicht weit davon entfernt am Haken. Am Samstag wird er es sich wieder überstreifen.

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