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Max Stillger.

Das Interview

Max Stillger: "You'll never walk alone!"

Er ist ein Kenner der Szene und ein Mann der klaren Worte. Wir haben mit Fußball-Edel-Fan Markus "Max" Stillger gesprochen.

Einst war er einer der größten Kritiker von Reinhard Grindel, Ex-Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), dann verkündete er in der Nassauischen Neuen Presse gar seine Absicht, selbst für das höchste Amt im deutschen Fußball kandidieren zu wollen - es war freilich ein Aprilscherz. Das ist jetzt ein Jahr her. Mit Edel-Fußballfan und Unternehmer Markus "Max" Stillger aus Niederbrechen sprach Redaktions-Volontär Yannick Wenig über die aktuellen Geschehnisse im Bereich des Profi- und Amateurfußballs.

Nachdem der Fußball durch die Ausbreitung des Coronavirus nicht nur hierzulande völlig zum Erliegen gekommen ist, wird rege über die Fortsetzung der Bundesliga-Saison diskutiert. Im Mai soll es wohl mit Geisterspielen weitergehen.

Zunächst muss ich anmerken dass "Corona" viel wichtigere Bereiche als den Sport betrifft. Es geht im Profisport, aber auch in ganz vielen anderen Branchen um Existenzen. Niemand weiß, wie lange die Situation anhält. Das betrifft vor allem die täglichen Sorgen der Menschen, die sich fragen, wie es weitergeht, wann sie zum Beispiel ihr Geschäft wieder öffnen können. Entscheidend ist die Frage, wann die noch immer steigende Kurve der Neu-Infizierungen abflachen wird. Dann dürften die derzeit gültigen Einschränkungen gelockert werden. Das bestimmt alles. Persönlich bin ich da relativ optimistisch, dass die getroffenen Maßnahmen in überschaubarer Zeit greifen. Aber selbst dann darf man natürlich auch nicht zu früh anfangen, zu lockern. Im "best case" dauert das alles vier bis sechs Wochen. Die hätten wir dann verloren und kämen in vielen Bereichen mit einem blauen Auge davon. Die Politik hat umfangreiche Hilfspakete beschlossen, die hoffentlich auch schnell da ankommen, wo sie gebraucht werden. Und was den Fußball betrifft: Wenn wir Anfang Mai wieder anfangen zu spielen, wäre dann genügend Zeit, um bis Mitte Juli alle Wettbewerbe zu beenden. Das Transferfenster müsste dementsprechend natürlich auch angepasst werden.

Bedeutet das, dass die Verschiebung der Europameisterschaft alternativlos war?

Die EM-Absage war der einzig richtige Schritt. Durch die Absage hat man im Liga-Betrieb des Profibereichs eben diese vier bis sechs Wochen gewonnen.

Und wenn sich die Situation bis dahin nicht beruhigt?

Sobald die Behörden es zulassen, sollte man mit den geplanten "Geisterspielen" anfangen, um die TV-Gelder für die Vereine nicht zu gefährden. Das ist für alle Clubs in der 1. und 2. Liga einfach existenziell. Die Bedürfnisse der Nationalmannschaft müssen erst einmal zurückgestellt werden. Beim DFB sollte das Finanzpolster dicker sein als bei den meisten Vereinen.

Der Amateurfußball leidet ja ebenfalls unter den aktuellen Verhältnissen. Gilt das Vorgehen also auch für die Amateur- und Freizeitkicker?

Ich denke, das ist auf die Amateure genauso übertragbar. Man hätte bis Ende Juli Zeit, alle Spiele über die Bühne zu bringen. Die finanziell lukrativen Relegationsspiele wird es dann in dieser Saison leider nicht geben, und der Stichtag für die Wechselfrist könnte vom 30. Juni auf den 31. Juli verlegt werden. So bräuchten wir auch keine englischen Wochen, sondern könnten die ausgefallenen Spieltage einfach hinten anhängen. Finanziell werden die "reinen" Amateurclubs sicherlich besser aus der Krise kommen als die Proficlubs. In Zeiten wie jetzt sind Zusammenhalt und eine gesunde Vereinsstruktur noch wichtiger als sonst.

Und wenn sich die Lage nicht entspannt? Wäre es eine Möglichkeit, wie vielerorts diskutiert wird, die Saison an das Kalenderjahr anzupassen?

Wenn absehbar sein sollte, dass die Saison nicht nach vier bis sechs Wochen fortgesetzt werden kann, muss die Situation neu überdacht und ein neuer Plan erstellt werden. Von einer Anpassung an das Kalenderjahr halte ich nichts. Auch im Hinblick auf die Winter-WM 2022 in Katar, die schon Ende November beginnen soll. Im Profifußball ist das daher schwierig. Für die Amateure ist das überhaupt kein Thema. Ich denke, man sollte hier grundsätzlich darüber nachdenken, die Sommerpause zu verkürzen und dafür die Winterpause verlängern. Momentan frieren die Leute im Winter auf den Sportplätzen erbärmlich, und bei schönstem Wetter im Sommer ruht der Fußball für meistens drei Monate.

Gibt es da bei den Amateuren nicht einen Konflikt mit der Ferienzeit?

Es ist ja ohnehin nicht mehr so wie früher, wo die Spieler alle innerhalb weniger Wochen in den Urlaub gefahren sind. Ich spreche oft mit Beteiligten der Vereine, auch im höherklassigen Bereich, an die Ferienzeiten halten sich nur noch die wenigsten Spieler.

Kann der Fußball von der derzeitigen Situation vielleicht sogar profitieren?

Das glaube ich schon. Gerade in Bezug auf die Anfeindungen und die Machtspielchen der Ultras gegen Dietmar Hopp (Anm. d. Red.: Mäzen des Erstligisten TSG Hoffenheim). Davon redet heute kaum noch jemand. Das war unterste Schublade. Schließlich kann es sein, dass Hopp der Erste sein wird, der ein Mittel gegen das Coronavirus entwickelt. Und am Ende des Tages verdanken ihm vielleicht viele dieser Ultras, die ihn morgens noch beleidigt haben, dann ihr Leben oder das ihrer Angehörigen. Wir kommen umso schneller aus dieser Krise, wenn alle zusammenhalten und der Starke dem Schwachen hilft. You'll never walk alone! Yannick Wenig

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