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Svenja Schwarz bei der Preisverleihung zur "Sportlerin des Jahres" im Dienstleistungszentrum der Taunus Sparkasse.

Sportlerin des Jahres Hochtaunus

World-Games-Siegerin ohne Kurzzeitgedächtnis

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Wie Läuferin Svenja Schwarz aus Oberursel ihre Laufbahn vorantreibt, ist bewundernswert. Ein Porträt unserer Sportlerin des Jahres im Hochtaunus.

Wenn Svenja Schwarz losläuft, kann sich ihre Mutter und Trainerin Sabine Schwarz nie sicher sein, ob sie auch zurückkehrt.

Fast täglich startet die 29-Jährige vor der Haustür an der Hohemark ihre Tour. Corona hin, Corona her. Sie läuft immer ihre zehn, zwölf Kilometer, es sei denn, es ist viel zu kalt. Doch die Athletin der TSG Oberursel kann sich nach den ersten Abzweigungen schon nicht mehr daran erinnern, wo sie kurz vorher gejoggt ist. Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht. Das hindert sie nicht daran, nach Hause zurückzukehren. In den allermeisten Fällen. Es gibt aber auch Ausnahmen.

Die Sportlerin des Jahres im Hochtaunus, von den Lesern dieser Zeitung gewählt, kann auch durch ihr Handicap nicht ausgebremst werden. Sie gewann im Sommer bei den Weltspielen der Special Olympics. Lief zweimal zu Gold in der sengenden Hitze von Abu Dhabi. Bekam vom Bundespräsident bei angenehmen Temperaturen im Schloss Bellevue die Hand geschüttelt.

Dass sie wie Forrest Gump, die berühmte Filmfigur, läuft (und läuft und läuft), das hatte schon einst der Nachbar der fünfköpfigen Familie Schwarz gesagt, als die Eltern mit ihren drei Töchtern noch in Louisiana lebten. „Er ist immer Laufen gegangen und hat dabei sein Kind im Buggy geschoben. Das fand ich cool. Irgendwann bin ich einfach mal mit“, erzählt Svenja Schwarz.

Sie spricht langsam. Manchmal stockt die schmale, recht unauffällige Frau mit Brille und Kurzhaarschnitt in ihrem Redefluss. Sucht lange nach Worten. Ihr erstes Lauferlebnis hat sich aber ins Gedächtnis eingebrannt. Das wird sie nie vergessen.

13 Wochen zu früh

Dass irgendetwas in der Entwicklung ihres Kindes nicht stimmte, ahnte Sabine Schwarz bereits in dessen zweitem Lebensjahr. Sie hatte ihre erste Tochter schon in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht, weil sie an einer Gestose erkrankt war. Damals starben noch 80 bis 90 Prozent der Säuglinge an der schwangerschaftsbedingten Krankheit. Die kleine Svenja, bei Geburt 31 Zentimeter groß und 720 Gramm schwer, bestand die erste große Prüfung ihres Lebens.

Langstreckenläuferin Svenja Schwarz aus Oberursel mit der Goldmedaille bei den World Games in Abu Dhabi.


Ihren Eltern fiel dann auf, dass die Sprachentwicklung schleppend verlief. Sie Sätze wiederholen mussten, weil sie Svenja offensichtlich nicht verstanden hatte. Oder sie sich eben nicht merken konnte. Bis das Handicap ausgedeutet war, hatten die Eltern einige Diskussionsrunden mit Ärzten hinter sich. Dadurch, dass ihre Tochter schon so zeitig auf der Welt war, konnten bestimmte frühmenschliche Entwicklungen im Gehirn nicht normal verlaufen, weiß Sabine Schwarz. Diese Tatsache sei auch nicht mehr zu ändern. Man lebe eben damit – und Svenja Schwarz’ Mutter, eine quirlige Person, vermittelt den Eindruck, dass sie dies genauso gut tut wie ihre Tochter selbst.

Richtiggehend aufgeblüht ist Svenja Schwarz, als sie im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie nach Brüssel gezogen war. Mit ihren Schwestern Antje und Maike besuchte sie die International School, sang im Chor, spielte Theater und gehörte im Cross-Country-Team zu den Besten. 

Das ist schon bemerkenswert. Denn man muss sich das einmal vorstellen. Svenja Schwarz läuft los. Im Training. Im Wettkampf. Sie wisse aber nicht, wie schnell und wie weit sie laufen müsse, erläutert sie selbst. Das bekäme sie von ihrer Mutter, Trainerin und – wenn man so will – Managerin an der Bahn gesagt. „Nur so bekomme ich ein Gefühl für die Zeit.“

In ihrer Paradedisziplin, den 1500 Metern, fordert Sabine Schwarz ihre Tochter stets nach drei von vier Runden auf, richtig Gas zu geben. Was regelmäßig zu einem fulminanten Schlussspurt führt. Bei 5:34 Minuten liegt ihre Bestzeit über die Mitteldistanz.

„Einmal, bei den Hessenmeisterschaften der Special Olympics, hat sie es nicht gehört und ist einfach eine Runde weitergelaufen“, erzählt Sabine Schwarz lächelnd. Das sei gar nicht schlimm gewesen, gewonnen habe sie so oder so.

Svenja Schwarz (2. v. r.) zu Hast im Schloss Bellevue bei Bundespräsident Steinmeier (l.).


Richtig Konkurrenz hat die 29-Jährige nur in gemischten Wettkämpfen. Manchmal sind die Wettkämpfe für Läufer mit Handicap in Volksläufe integriert. Es gibt einfach zu wenige, die Leistungssport betreiben. Und dann müssen ja noch die verschiedenen Grade der Behinderung berücksichtigt werden. Die Leichtathleten werden beispielsweise in vier Gruppen eingeteilt.

Sehr dankbar ist Svenja Schwarz über ihre Karriere bei den Special Olympics. Die hat nach dem Umzug in den Taunus vor acht Jahren Fahrt aufgenommen. Für den hessischen Special-Olympics-Verein ist sie auch Athletensprecherin und hatte deshalb einen Termin beim Bundespräsidenten.

Zweimal Gold in Abu Dhabi

Nachdem sie für die World Games in Abu Dhabi nominiert worden war (wo sie über 1500 und 5000 Meter souverän gewann und in der deutschen 4x400-Meter-Staffel sogar bei den Männern mitlief), hatte Svenja Schwarz extra ein Trainingslager in Spanien absolviert. Sie wollte sich an die Hitze gewöhnen. Im Taunus ist es ja meistens nicht so heiß wie in der Wüste. Überwiegend trainiert sie dort auf dem Crosslauf-Kurs der Frankfurt International School, die an der Hohemark in der Nähe ihrer Wohnung. An der Schule unterrichtet ihre Mutter.

Wenn sie alleine läuft, stellt Svenja Schwarz „30 Minuten“ auf ihrer Stoppuhr ein und läuft die Wendepunktstrecke danach wieder zurück. Dass sie unterwegs nach dem Weg fragen muss, käme trotzdem immer mal wieder vor, gerade bei neuen Routen, schildert ihre Mutter. Sie könne zur Not ja auch zu Hause anrufen, wenn sie nicht mehr wüsste, wo sie ist. Einmal, in Brüssel, habe Svenja ein Auto angehalten, dass sie dann zu ihrer Schule gebracht habe. Die Familie ist aber auch schon im Wald unterwegs gewesen, um sie zu suchen.

Auch das gehört dazu im Leben von Svenja Schwarz. „Sie bekommt von uns so viel Unterstützung wie möglich“, erzählt ihre Mutter entspannt. „Svenja kann noch dazu lernen, wir alle lernen dazu. Manchmal muss man auch mal etwas riskieren. Geht schon.“

Das sind die Special Olympics

Die Special Olympics sind nicht zu verwechseln mit den Paralympics, bei denen körperlich beeinträchtigte Menschen die Olympiasieger ermitteln. Die Special Olympics ist die weltweit größte, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. 1968 von Eunice Kennedy-Shriver, einer Schwester von John F. Kennedy, ins Leben gerufen, ist Special Olympics heute mit 5,2 Millionen Athletinnen und Athleten in 174 Ländern vertreten. In Special Olympics Deutschland sind mehr als 40 000 Menschen mit Handicap und deren Familien über Landesverbände organisiert. Es handelt sich um Vereine, die sich über Beiträge und Spendengelder finanzieren. Viele Familien sind ehrenamtlich tätig, damit die Wettkämpfe überhaupt durchgezogen werden können. Die nächsten Deutschen Meisterschaften der Special Olympics sind 2022 in Berlin, die nächsten Weltspiele (2023) ebenfalls. Als Letzteres verkündet wurde, war Svenja Schwarz als einer der Athletensprecher im Schloss Bellevue in Berlin bei Bundespräsident Steinmeier zu Gast.

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