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Thomas Weikert wünscht sich auch in China mündige Athleten

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An der Spitze des deutschen Sports: Seit dem 4. Dezember steht Thomas Weikert dem DOSB vor.
An der Spitze des deutschen Sports: Seit dem 4. Dezember steht Thomas Weikert dem DOSB vor. © dpa

Anfang Dezember wurde er zum neuen Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt, jetzt steht er vor seiner Premiere bei Winterspielen - und gleich vor einer schwierigen Mission: Thomas Weikert wird das „Team D“ bei Olympia in Peking vom 4. bis 20. Februar anführen. Als ehemaliger Präsident des Tischtennis-Weltverbandes war er oft in China und kann die Situation vor Ort gut einschätzen. Doch die Corona-Pandemie und der Umgang der chinesischen Regierung damit sorgt für viele Unwägbarkeiten. Unter anderem darüber sprachen Kerstin Schellhaas und Marion Morello mit Thomas Weikert.

Wintersport war bislang als ITTF-Präsident nicht Ihre Domäne. Wie viel Wintersport-Erfahrung besitzt der neue DOSB-Präsident?

Bisher bin ich Wintersport-“Experte“, weil ich samstags und sonntags fernsehe, von daher glaube ich, dass mir viele Namen, viele Ergebnisse und auch schon einige technische Dinge als Laie bekannt sind. Umso spannender wird der Blick hinter die Kulissen.

Und privat? Lieber Rodeln oder lieber Skifahren?

Lieber Skifahren, aber lange nicht mehr gemacht.

Auf welche Sportarten freuen Sie sich besonders?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich bin zunächst in Peking beim Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Eishockey eingeplant und gehe dann in die Berge, unter anderem zu Ski alpin und Biathlon - vom Delegationsleiter wird erwartet, dass er alle Sportarten besucht. Ich habe bisher wenig live gesehen, deswegen freue ich mich auf alles, weil das für mich Neuland ist. Aber man hat natürlich seine Favoriten. Mich fasziniert vor allem Geschwindigkeit, die man am Fernsehen so nicht sehen kann - zum Beispiel beim Ski alpin. Ich war mal bei den Skirennen in Kitzbühel und war begeistert, was dort geleistet wird.

Hand aufs Herz: Wie groß sind die Sorgen, dass alle Athleten gesund bleiben und das Team Deutschland am Ende komplett antreten kann?

Es gibt schon Sorgen. Wir hatten auch im DOSB zuletzt zwei positive Fälle, aber die werden rechtzeitig gesund werden. Es ist natürlich sehr schwierig, einigermaßen kontaktarm zu bleiben. Das haben wir allen Athleten und Betreuern - und das gilt auch für mich - empfohlen. Es ist aus unserer Sicht schwieriger, in die Blase in Peking zu kommen, als in der Blase gesund zu bleiben. Ich bin aber immer optimistisch und glaube, dass wir das sehr gut organisiert haben und das Bestmögliche tun. Aber das ist das erste Ziel: Alle Athleten sicher nach Peking zu bringen.

Wie sieht das Team des DOSB für Peking aus und gehören dazu auch Psychologen für den Fall, dass Athleten in Quarantäne Betreuung benötigen?

Das Team D besteht aus 148 Athleten und Athletinnen. Dazu kommen etwa 250 Betreuer und Betreuerinnen, darunter auch Psychologen und Psychologinnen, Seelsorger und Seelsorgerinnen, Ärzte und Ärztinnnen. Das Team D ist optimal versorgt.

Bei der Handball-EM wurden jüngst nachträglich deutsche Spieler zum Team geholt, weil zuvor etliche Sportler aus der Mannschaft positiv getestet wurden und in Quarantäne mussten. Ist so etwas auch bei Olympia möglich?

Eine Nachnominierung ist grundsätzlich auch bei den Olympischen Spielen möglich. Der DOSB hat dafür Vorsorge getroffen, das heißt, Athleten und Athletinnen werden gegebenenfalls aus Deutschland nach Peking eingeflogen.

Wie sieht es mit der Sicherheit der PCR-Testung aus? Allen voran die Rodler haben nach ihren vorolympischen Wettbewerben von Verwechslungen der Tests berichtet. Nathalie Geisenberger hat sogar das Gespräch mit IOC-Präsident Thomas Bach gesucht, ehe sie sich entschied, ihren Startplatz bei Olympia wahrzunehmen. Können die Sportler sicher sein, dass ihre Tests eindeutig zugeordnet werden?

Wir haben das Problem gesehen und unmittelbar nach meiner Wahl habe ich mit dem chinesischen Sportminister Gou telefoniert, der gleichzeitig auch der dortige NOK-Präsident ist. Wir haben das Thema angesprochen und gesagt, „Ihr müsst dafür sorgen, dass das nicht mehr passiert, zum einen die Verwechslung der Tests und zum anderen, dass es in der Quarantäne ordentliche Bedingungen gibt“. Wir sind auch da im Gespräch mit dem IOC und Thomas Bach, und die Zuständigen haben uns versichert, dass die Testung sicher ist. Darüber hinaus gibt es ein internationales Gremium, das die Tests überwacht, so dass ich jetzt davon überzeugt bin, dass die Sicherheit gegeben ist.

Sie haben es schon angesprochen, Sportler, die die Olympiastätten bereits besichtigt und erprobt haben, beschwerten sich über zum Teil unerträgliche Zustände in den Quarantäne-Hotels. Sie selbst haben bei den Sommerspielen in Japan die Zustände, die zum Beispiel der deutsche Radprofi Simon Geschke nach seinem positiven Corona-Test vorgefunden hat, kritisiert. Was ist hier der Stand der Dinge und wie können Sie darauf einwirken?

Zunächst mal war nicht akzeptabel, was die Rodler geschildert haben. Auch das war Thema des Video-Calls mit dem chinesischen Sportminister und in mehrfachen Gesprächen mit dem IOC. Wir haben keine Gewissheit, aber die Überzeugung, dass diese Missstände abgestellt worden sind. Ich denke, das können sich die chinesischen Kollegen und Partner auch nicht erlauben, dass so etwas noch mal vorkommt.

Thema China und die Sicherheit: Einige Nationale olympische Komitees warnen ihre Sportler davor, dass chinesische Geheimdienste sensible Daten von Handys, Tablets und Laptops auslesen könnten und stellen neue Mobiltelefone zur Verfügung. Auch die deutschen Athleten, Trainer und Betreuer - wie auch Sie - müssen die App installieren, mit der die medizinischen Daten aller Olympia-Teilnehmer wie die Ergebnisse ihrer PCR-Tests auf das Coronavirus vor Abflug und die Ergebnisse einer täglichen Fiebermessung erfasst werden. Wie hilft der DOSB den deutschen Sportlern, ihre sensiblen Daten zu schützen?

Wir bekommen alle Mobiltelefone, auf denen die Apps aufgespielt werden. Wir haben uns vom Bundesamt für Sicherheit der Informationstechnik zum sicheren Umgang beraten lassen. Ein Problem war die Frage, ob privat Mobiltelefone mitgenommen werden sollten. Das kann jeder deutsche Olympia-Teilnehmer halten, wie er möchte. Ich nehme meines mit. Ich war so oft in China, die wissen ohnehin alles über mich.

Mal abgesehen davon, dass man in Zeiten der Pandemie für die Erfassung der medizinischen Daten noch Verständnis hat, aber das Ausspionieren anderer - persönlicher oder technischer - Daten? Finden Sie es nicht auch traurig, dass sich Athleten und Trainer vor oder bei Olympischen Spielen mit solch einem Thema beschäftigen müssen?

Natürlich sollten sich die Sportler und Sportlerinnen und die Betreuer ausschließlich auf die Spiele konzentrieren und auf ihre Leistung. Und es ist nicht zuträglich, wenn sie sich mit diesen Themen beschäftigen müssen. Andererseits gab es auch in anderen Olympiastädten des öfteren Probleme, nicht in dieser Hinsicht, aber in anderen Dingen. So etwas kann man nicht ausschließen.

Zurzeit stehen vor allem die Zweifel an der Sicherheit der PCR-Tests und deren Zuordnung zu den Athleten im Raum. Aber wie sieht es beim Thema Doping aus? Die Pandemie macht viele eigentlich selbstverständliche Dinge nach wie vor schwierig oder gar unmöglich - auch die Arbeit der WADA. Befürchten Sie, dass auch gedopte Sportler in Peking antreten?

Das ist für mich schwer zu beurteilen. Ich denke, das ist mehr ein Thema für die NADA. Nach meinem Kenntnisstand ist zumindest gut getestet worden. Und in Peking selbst wird das Ganze durch ein internationales Gremium überwacht.

Und wie sieht es mit der Sicherheit der Dopingproben aus? Glauben Sie, dass alle Verfahrensstandards eingehalten werden können? Auch in Erinnerung an Sotschi, wo gezielt Dopingproben von den russischen Ausrichtern ausgetauscht wurden.

Die Verfahrensstandards in Peking werden eingehalten werden, dafür sorgen schon das IOC und die internationalen unabhängigen Experten, so dass ich da keine Befürchtungen habe. Sotschi war ein Tiefpunkt und ein Desaster. Ich glaube, jeder weiß, dass so etwas nicht noch einmal passieren darf.

Olympia in China ist umstritten. Bei den Sportlern, die Winterspiele lieber dort hätten, wo der Wintersport zu Hause ist, allem voran aber wegen der umstrittenen Menschenrechtslage, die seit Peking 2008 noch schlechter geworden ist. Einige Länder haben schon einen politischen Boykott angekündigt. Sie halten von einem Boykott nichts.

Ich habe mich vor die Mannschaft gestellt, weil ich denke, dass ein sportlicher Boykott nichts bringt. Das ist das Highlight für die Athleten, die drei, vier Jahre auf die Olympischen Spiele hintrainiert haben, deshalb haben sie es verdient, dort teilzunehmen. Das andere Thema ist der politische Boykott. Das kann aus Sicht des DOSB auch nur Sache der Politik sein. Wir als Sport können nicht die Probleme lösen, die die Politik und teilweise die Wirtschaft über Jahre hinweg nicht gelöst haben. Auch in der Politik gibt es solche und solche Stimmen. Frank Ullrich als Sportausschuss-Vorsitzender hat gesagt, es ist gerade als Sport wichtig, dahinzugehen und da seine Meinung zu sagen. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Der DOSB wird sich da raushalten. Wir bereiten die Athleten vor.

Was heißt: Der DOSB bereitet die Athleten vor? Werden die Athleten gewarnt, sich politisch zu äußern?

Das heißt, dass es sogenannte Team-D-Calls gab mit Experten von Human Rights Watch und dem Auswärtigen Amt, die die Lage in China - Uiguren und Hongkong, um nur zwei Beispiele zu nennen - erklärt haben. Darüber hinaus fragen auch die Athleten, ob sie sich äußern sollen oder äußern dürfen. Und da ist die Sicht des DOSB klar: Die Athleten dürfen sich äußern, sie müssen aber die Olympische Charta einhalten. Das heißt, auf dem Siegerpodium dürfen sie keine politischen Statements abgeben, in Interviews hingegen schon. Ob sie das dann auch wollen oder nicht, bleibt ihnen überlassen. Wir respektieren beides und stellen uns so oder so vor die Sportler.

Was können Sie tun und was planen Sie zu tun, damit das IOC künftig auf solche Dinge wie Menschenrechtslage und Nachhaltigkeit achtet und mit seinen Entscheidungen auch die Sportler wieder abholt?

Ich glaube, als einzelnes NOC ist es durchaus schwierig, da eine Mehrheitsmeinung herbeizuführen. Allerdings glaube ich, dass das IOC erkannt hat, dass der Kurs geändert werden muss. Das sieht man auch daran, dass die nächsten Olympischen Winterspiele nach Cortina d‘Ampezzo vergeben worden sind und die nächsten Sommerspiele auch immer in demokratischen Staaten - Paris, Los Angeles, Brisbane - sein werden. Von daher glaube ich, dass ein Wandel eingesetzt hat.

Leistungssportvorstand Dirk Schimmelpfennig hat in einem Interview gesagt, dass es keine Medaillenvorgabe geben wird. Wie sollte die Bilanz für Team D am 20. Februar aussehen, damit Sie sagen, es waren gute Olympische Spiele?

Jetzt könnte ich mich darauf zurückziehen, dass das der Chef de Mission als Sportvorstand beurteilen soll . . . Ohne Medaillen zu zählen, sollten wir schon als Ziel ausgeben, unter den ersten fünf, vielleicht sogar unter den ersten drei in der Nationenwertung zu landen. Der Winter hat sich nicht so schlecht angelassen, aber ich kann nicht beurteilen, ob wir das Ziel am Ende erreichen werden, denn am Ende entscheidet immer auch die Tagesform und Corona ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Ich hoffe, dass alle ihre Top-Leistung bringen können. Vor allem waren es aber dann gute Olympische Spiele, wenn wir alle Athleten gesund hinbringen und gesund zurückbringen - inklusive mir selbst. Ich habe nämlich wie alle anderen Teammitglieder auch nicht viel Lust, in China in Quarantäne zu sein.

Zur Person

Wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag hat Thomas Weikert im vergangenen Jahr die Spitze des deutschen Sports erklommen. Beim Delegiertentag in Weimar wurde der Jurist mit Kanzlei in Limburg - Schwerpunkte Familienrecht und Sportrecht - mit großer Mehrheit zum Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt. Am 4. Dezember trat er somit die Nachfolge des zuletzt umstrittenen Alfons Hörmann an.

Auch wenn sein Name bis dahin nicht jedem geläufig war - Thomas Weikert ist ein Funktionär mit großer Erfahrung. Bis November 2021 war er sechs Jahre lang Präsident des Welt-Tischtennisverbandes (ITTF), trat aber zur Wiederwahl nicht mehr an. Zuvor hatte er sich von 2005 bis 2015 Meriten als Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) verdient. Den Kontakt zur Basis hat Thomas Weikert dabei nie verloren. Das beweist auch die Tatsache, dass er noch immer Stammkraft und Leistungsträger im Tischtennis-Verbandsliga-Team des TTC Elz ist. Ganz nebenbei wurde er im vergangenen Oktober zum Vorsitzenden des Sportkreises Limburg-Weilburg gewählt. mor

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