Sie schlägt Gegnerinnen, die ihre Enkel sein könnten: die Kirdorfer Tischtennis-Spielerin Anita Kück.
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Sie schlägt Gegnerinnen, die ihre Enkel sein könnten: die Kirdorfer Tischtennis-Spielerin Anita Kück.

Warum es im Leben nie zu spät ist

In Topform alt werden

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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1990 gehörten den Vereinen unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbundes rund 1,3 Millionen Menschen an, die über 60 Jahre alt waren. Heute sind es mehr als vier Millionen. Um zu veranschaulichen, dass auch „Ü 70“ noch phänomenale Leistungen möglich sind, stellt die Taunus Zeitung stellvertretend drei Sportler aus dem Hochtaunus näher vor.

Wenn Anita Kück auf den nächsten Ballwechsel wartet, steht sie nicht an der Tischtennisplatte. Sie läuft auch nicht hin und her. Sie tigert. Die Energie muss raus, das ist geradezu zu spüren. Sie kann es kaum abwarten, bis die Plastikkugel endlich auf ihrer Spielfeldseite aufgesprungen ist. Manchmal jagt sie das Spielgerät dann mit einem Schmetterball zurück, dessen Bewegung schwer nachvollziehbar ist, so schnell zieht sie den Schlag durch.

Die Dame im Trainingsanzug, mit dem schwarzen Haar und der Brille auf der Nase gibt den Spielrhythmus vor und die Herren sputen. Freilich gewinnt sie nicht immer beim Senioren-Tischtennis in Weißkirchen, bei dem sie alleine unter Männern ist. Dafür schlägt sie regelmäßig im Bezirksoberliga-Team der SG Kirdorf Spielerinnen, die ihre Enkeltöchter sein könnten.Die Bad Homburgerin sagt das Ergebnis an, redet zwischen den Ballwechseln mit sich, wenn es nicht läuft. Nach dem Spiel setzt sie sich schwitzend an die frische Luft, auf die Treppe vor der Turnhalle, und reicht erstmal eine Zigarette.

Nichts deutet darauf hin, dass Anita Kück 80 Jahre sein könnte. Bis sie den Satz wieder ausspricht, wie schon bei der Verabredung am Telefon: „Man muss es nehmen, wie es kommt“, beginnt sie ihn und zieht an ihrer Zigarette.

Kurt Milleck bastelt an seinen Leistungen als Hoch- und Weitspringer um 6 Uhr morgens. Wenn seine Frau Regina noch träumt, steckt er sich die Lautsprecher-Stöpsel ins Ohr, schaltet die Musik an und zieht im Schlafzimmer sein Gymnastik-Programm durch. Abends baut der Leichtathlet diverse Fitness-Übungen beim Fernsehschauen ein.

Milleck macht das jeden Tag so. Hinzu kommen pro Woche zwei Trainingstage auf der Leichtathletik-Anlage des Sportzentrums Nord-West und eine Laufeinheit in der Homburger Gemarkung. Diese Disziplin hat ihm mehrere deutsche Altersklassen-Titel und vordere Platzierungen bei Europa- und Weltmeisterschaften eingebracht.

Wenn sich der drahtige Mann bei aufrechter Körperhaltung auf der Tartanbahn warmläuft, dann sieht das aus, wie an der Schnur gezogen. Junge, untrainierte Menschen würden so nach keinen 100 Metern völlig außer Puste geraten. „Wer rastet“, erzählt Milleck, 74 Jahre alt, während einer Pause, „der rostet.“ Sein Weg kann nur über den Sport führen, das weiß der Gonzenheimer aus Erfahrung. Er hat auch schon Phasen durchlebt, in denen es ihm körperlich alles andere als gut ging.

In seiner Hoch-Zeit als Ausdauersportler hat Udo Roschke den Urlaub mit seiner Frau Christa so geplant, dass er auch fernab der Heimat in Form ist. An Kreuzfahrten nahm das Paar aus Oberursel teil, um, wenn das Schiff angelegt hatte, mit einer Laufgruppe auf dem Festland ins Schwitzen zu kommen.

An einigen Laufseminaren haben die Roschkes schon teilgenommen. In denen geht es um die richtige Ernährung, einen ökonomischen Laufstil oder Laktatmessungen, damit die Form genau überprüft werden kann – das volle Programm eines Leistungssportlers also.

„Ich habe jeden Tag das Bedürfnis zu laufen“, sagt Udo Roschke. Er mag es, sonntags in aller Früh an der Hohemark unterwegs zu sein. Alleine oder nur in Gesellschaft seiner mitjoggenden Frau, kurz nach Sonnenaufgang, wenn sich noch nicht einmal die Gassigeher mit ihrem Vierbeiner aufraffen konnten oder wollten.

Kraftvoll ist Roschkes Laufstil, er sieht dabei angestrengt aus, fühlt sich aber „sehr entspannt“, wenn er den Kopf beim Laufen leicht zur Seite neigt und Kilometer für Kilometer abspult. Wie ein Uhrwerk. Auf den Mittelstrecken lief der dreifache Großvater bei deutschen Altersklassen-Meisterschaften schon unter die Top fünf. Nahezu 1000 Läufe bis hin zum Marathon hat er bestritten. Auf 30 Veranstaltungen im Jahr sahnt der Mann Urkunden und Medaillen ab – auch im Alter von 80 Jahren noch.

Anita Kück, Kurt Milleck, Udo Roschke – sie stehen für sportliche sehr aktive Menschen im hohen Alter, stellvertretend für eine kleine, aber feine Gruppe im Hochtaunuskreis, die Leistungen in verschiedenen Sportarten erreicht, welche man für gewöhnlich nicht den letzten Lebensabschnitten zuordnet.

Wie ist das möglich?

Professor Dieter Leyk von der Deutschen Sporthochschule Köln sagt: „Ganz unabhängig vom Einstiegsalter: Wer anfängt, regelmäßig zu trainieren, wird von allen positiven Effekten, die Training auslösen kann, nach einer gewissen Zeit profitieren.“ Sportler im hohen Alter sind mehr zu leisten imstande, als sie vielleicht annehmen.

Wer wiederum keinen Sport treibt, für den ist das Altern eine Verlustgeschichte, ist im Internet auf senioren-ratgeber.de zu lesen: Der Mensch verliere zwischen dem 20. und 70. Lebensjahr 20 bis 40 Prozent seiner Muskelmasse. Die Ausdauerleistung nehme nach dem 30. Lebensjahr um bis zu 15 Prozent pro Jahrzehnt ab – es sei denn, man unternimmt etwas dagegen.

Unsere drei Vorzeigesportler hatten Lebensabschnitte, in denen der Sport keine Rolle spielte. Udo Roschke legte einst berufsbedingt eine (kurze) Pause ein. Nach seinem Umzug aus Hamburg hatte der Bahn-Angestellte mit dem Hockey, seiner ersten Sportart, aufgehört. Mit der Teilnahme an Wettkämpfen begann der Läufer der TSG Oberursel erst mit Ende 40.

Anita Kück, heute vierfache Großmutter, nimmt regelmäßig einen Tischtennisschläger in die Hand, seitdem sie 34 ist. Vorher hatte sie höchstens mal in der Betriebssportgruppe des Kreditinstitutes, für das die gebürtige Rheinländerin auch in New York arbeitete, Leichtathletik betrieben. Zum reinen Zeitvertreib. Wenn jemand ihr damals erzählt hätte, sie werde deutsche Altersklassenmeisterin, hätte sie denjenigen belächelt.

Kurt Milleck feierte dagegen schon in jungen Jahren große Erfolge. Mit 16 sprang er in der Straddle-Technik 1,75 Meter hoch. Aus dem Stand. 1964 war der gebürtige Pfälzer der sechstbeste Hochspringer bei deutschen Meisterschaften. Seine Bestleistung liegt bei 1,95 Meter. Milleck setzte Prioritäten, gründete eine Familie, zog mit seiner Frau vier Kinder groß und arbeitet dafür als selbstständiger Elektroingenieur (bis heute) über die Maßen viel.

„Es gab Zeiten, in denen habe ich mehr als 100 Zigaretten am Tag geraucht“, erzählt Milleck und scheint während dieser Worte in sich zu ruhen, „wenn ich so weitergemacht hätte, wäre mit 50 Feierabend gewesen.“

Als er im Alter von 39 Jahren und zunehmenden Schmerzen im Oberkörper dann seine Tochter in Heidelberg auf den Sportplatz begleitete, habe es wieder gejuckt, erzählt Milleck. Und der Hochsprung-Trainer habe ihn verblüfft gewähren lassen, als er ihn gefragt habe, ob er mal springen dürfe. Nach dem Sprung war die Verblüffung noch größer.

Professor Leyk ließ in einer Studie rund 900 000 Zeiten von Marathonläufern zwischen 20 und 79 Jahren auswerten. Er fand beispielsweise heraus, dass ein Viertel der 65- bis 69-Jährigen schneller als die Hälfte der 20- bis 54-Jährigen war. Die These des Professors: „Leistungseinbußen in mittlerem und höherem Alter sind primär auf eine inaktive Lebensweise, nicht aber auf eine biologische Alterung zurückzuführen.“

Sportliche Höchstleistungen sind unabhängig vom Lebensalter möglich – und Anita Kück, Kurt Milleck und Udo Roschke würden lügen, wenn sie behaupteten, dass sie gute Ergebnisse weiterhin nicht reizten. „Die Platzierung ist ein schöner Nebeneffekt, ich treibe den Sport aber für die Gesundheit“, sagt Milleck.

„Es muss Spaß machen, auch gewisse Erfolge geben“, sagt Kück, „dabei kann der Sport der Gesundheit nicht schaden.“

Er sei eben ein Wiederholungstäter und brauche den Wettkampf, sagt Roschke. In erster Linie fördere das Laufen aber die Gesundheit. „Sport tut einfach gut.“

Der Gesundheit hinterherzujagen, lohnt sich, das belegen Studien: Regelmäßiges Training schützt vor Herzinfarkt und Schlaganfall, fördert den Stoffwechsel, hält den Geist fit, stärkt die Knochen, sorgt für besseren Schlaf, vertreibt schlechte Laune und kann das Leben verlängern.

Dabei muss es nicht unbedingt Leistungssport sein. Forscher vom University College London fragten 3500 Briten im Durchschnittsalter von 64 Jahren über einen Zeitraum von acht Jahren regelmäßig nach sportlichen Aktivitäten sowie körperlicher und psychischer Gesundheit ab. Ein Resultat: Diejenigen, die mindestens einmal in der Woche körperlich aktiv waren, blieben im Vergleich zu den Nicht-Aktiven mit einer drei- bis vierfach erhöhten Wahrscheinlichkeit gesund.

Der natürliche Alterungsprozess wird durch den Sport freilich nicht gestoppt.

Früher habe er angesichts einer 38er-Bestzeit über 10 Kilometer über diejenigen geschmunzelt, die Gehpausen einlegen müssen. „Heute schaue ich selbst die Ergebnisliste von hinten an, das ist schon deprimierend“, ist Langstreckenläufer Udo Roschke ehrlich. Nicht selten ist er jedoch auch der älteste Teilnehmer und verdient alleine deshalb Anerkennung.

„Dass man älter wird, merkt man jedes Jahr“, spricht auch Hochspringer Kurt Milleck Tacheles. Der Trainingsrhythmus ist ihm wichtig, Leistung versucht er zu planen. „Ich habe aber gelernt, mich zurückzunehmen. Denn sich zu etwas zu zwingen, bringt im Alter gar nichts mehr.“

Anita Kück, die 80-jährige Tischtennisspielerin, spürt nicht, wie alt sie tatsächlich ist. Sie werde aber durch ihren Freundes- und Bekanntenkreis daran erinnert, in dem es manchem nicht mehr gut ginge, erzählt sie mit der Zigarette in der Hand auf der Treppe vor der Weißkirchener Turnhalle, nach den Matches gegen die Männer.

Anita Kück raucht nicht nach jedem Spiel. Sechs Zigaretten sind es meistens, aber auch höchstens, über den ganzen Tag verteilt. Eine Gesundheitsfanatikerin war sie nie. Vollblutsportlerin wurde und ist sie. „Man muss es nehmen, wie es kommt.“ Sie nimmt einen Zug. „Was bleibt mir auch anderes übrig? Schon morgen kann ich tot sein.“

Sie, die kerngesunde Leistungssportlerin, sagt es als eine Mischung aus schonungslosem Realismus und der Selbstironie einer Rheinländerin. Und wenn sie das sagt, steckt sie bis zum Anschlag voller Lebenslust.

Der Deutsche Olympische Sportbund und seine 98 Mitgliedsorganisationen, darunter alle Landessportbünde und die Spitzenverbände der einzelnen Sportarten, bringen über 27,7 Millionen Menschen regelmäßig in Sport und Bewegung. Mit dieser Mitgliederzahl ist der DOSB die größte Bürgerbewegung Deutschlands.

In der Altersgruppe der 41- bis 60-Jährigen wurde die Zahl der Mitglieder von 1990 bis heute von 2 Millionen auf mehr als 6,4 Millionen (3,9 Millionen Männer und 2,5 Millionen Frauen) gesteigert. Jeder dritte Mann (ca. 30 Prozent) und jede fünfte Frau (ca. 20 Prozent) aus dieser Altersgruppe nutzen regelmäßig Sport- und Bewegungsangebote im Verein.

Bei den über 60-Jährigen stiegen die Mitgliedschaften von 1,3 Millionen auf über 4 Millionen (2,4 Millionen Männer und 1,6 Millionen Frauen). Trotzdem ist ihre Anzahl im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil recht gering: Nur etwa 26 Prozent der Männer und etwa 14 Prozent der Frauen über 60 Jahre treiben Sport im Sportverein. red

Quelle: Bestandserhebung DOSB/Sportentwicklungsbericht 2011/2012)

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