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Geschickt den Winkel verkürzt: Ober-Eschbachs Torfrau Yvonne Petek im Spiel gegen den Thüringer HC II.

Handball, Hochtaunus

Torfrau Yvonne Petek: 1020 Spielminuten nonstop

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Wie Yvonne Petek als einzige Torfrau im Kader der TSG Ober-Eschbach die Saison in der 3. Liga der Handball-Damen wuppte.

Spulen wir einmal zurück in die abgebrochene Handball-Spielzeit 2019/20, die für Yvonne Petek eine außergewöhnliche war. Genau ein Mal, am Samstagabend des 12. Oktober, wäre es fast passiert, und sie hätte während eines Spiels ihrer TSG Ober-Eschbach nicht zwischen den Pfosten gestanden.

In der 25. Minute der ersten Halbzeit wurde Yvonne Petek bei einem Wurf aus nächster Nähe vom Ball am Kopf getroffen. Benommen blieb die Torfrau zunächst liegen. Die Szene, die sich in der Sporthalle des Gymnasiums Nidda abspielte, war für die Handball-Anhänger während des Drittligaspiels zwischen der HSG Gedern/Nidda und der TSG Ober-Eschbach noch keine besondere. So etwas kann in diesem Sport jederzeit passieren, und es kommt auch immer wieder vor. Handballer sind hart im Nehmen, gerade die Schlussleute. Wenn's gar nicht mehr geht, lecken sie auf der Auswechselbank ihre Wunden und spielen meistens schon bald wieder mit.

Doch auf der Ober-Eschbacher Bank saß kein Ersatz-Keeper, der hätte einspringen können. Yvonne Petek war die einzige Torfrau im Kader der "Pirates". Die ganze Saison über.

Die slowenische Torfrau stand nach jenem Kopftreffer wieder auf und hielt in den letzten Angriffen bis zum Halbzeitpfiff irgendwie durch. In der Eschbacher Kabine herrschte dann trotz der 10:9-Pausenführung der Gäste eine angespannte Stimmung. "Alle Spielerinnen waren richtig nervös", schmunzelte Yvonne Petek rückblickend, "aber in der zweiten Halbzeit ging es bei mir zum Glück wieder." Einen Plan B hatten sich die "Pirates" gar nicht zurechtgelegt. Obwohl dieser Fall jederzeit hätte eintreten können. Dass Petek nicht im Tor stehen kann. "Ich weiß nicht, wer reingegangen wäre", sagte sie achselzuckend.

Dass ein Mannschaftssportler immer spielen möchte, ist das eine. Dass er aber immer spielen muss, kommt in der Regel höchst selten vor. Und dass ein Team mit nur einem Keeper in die Saison geht, dürfte auf höherem Leistungsniveau ohnehin eine Rarität sein. Bei der eiligen Neuformierung des Kaders hatten die Verantwortlichen Petek vom Landesligisten TV Idstein zurückgeholt.

"Drei, vier Spiele war es schwierig"

Jedoch zerschlug sich ein weiterer Wechsel für die Position zwischen den Pfosten. Ob dieser außergewöhnlichen Situation hätte Yvonne Petek eine größere Last auf ihren Schultern verspüren können. Sie hätte allen Grund dazu gehabt, sich zu beklagen. Tat sie aber nicht. Weil die 25-jährige Slowenin einfach ein durchweg positiver Typ ist. "Sicher", sagt sie, "drei, vier Spiele war es schwierig, meine Motivation aber immer da. Da unsere Mannschaft immer gut zusammengehalten hat, war es für mich auch nicht schwer. Ich habe einfach hinten drin gestanden."

Bescheidene Worte. Vielleicht wählte die Torfrau diese in jenem Interview nach ihrem bis dato letzten Spiel am 8. März auch, weil sie dem Verein viel zu verdanken hat. Im Jahr 2014 holte sie die TSG aus ihrer slowenischen Heimat, der Handballstadt Celje, in den Taunus. Nach einer Saison wechselte Petek dann in die 2. Bundesliga zum FSV Mainz 05, fasste aber auch beruflich in der Hotelbranche Fuß, weshalb sie es in Idstein als Handballerin für drei Jahre etwas ruhiger hatte angehen lassen. Bevor wieder der Lockruf aus Ober-Eschbach erfolgte. Die Torfrau, nicht so weit entfernt in Bergen-Enkheim lebend, musste nicht lange überlegen.

Private Verbindung zur TSG

Bei der TSG fühlt sich die Slowenin, die Deutsch so gut spricht, als wäre es ihre Muttersprache, einfach wohl. Was nicht zuletzt an ihrem Partner Zarko Jankovic liegt, dem Torjäger von Ober-Eschbachs Männermannschaft. Auch mit ihren Mitspielerinnen verbringt sie privat viel Zeit.

Es machte Petek einfach Spaß bei den "Pirates". Und sie hielt durch. 17 Spiele und 477 Gegentore lang. Nur dreimal verließ sie als Siegerin das Feld, wie an jenem Abend in der Gymnasium-Sporthalle von Nidda, als sie in der zweiten Halbzeit das Tor "zugenagelt" hatte. Erst die Corona-Krise stoppte ihre Serie von 1020 ununterbrochenen Spielminuten.

Wann's weitergeht, weiß derzeit keiner. Wird die Saison 2019/20 annulliert, dann liegt die Zukunft für die "Pirates" womöglich doch wieder in der 3. Liga. Irgendwann. Mindestens mit Yvonne Petek im Tor? Nichts ist unmöglich.

"Pirates": Neue Spielstätte, neue Sponsoring-Ideen

Wird die Saison in den 3. Ligen annulliert und die TSG Ober-Eschbach "bleibt drin" - oder wird die Tabelle auf dem letzten Stand gewertet und das Team muss als Schlusslicht in die Oberliga absteigen? Die Entscheidung ist immer noch nicht gefallen, doch eines stehe schon fest, schreiben die Verantwortlichen der "Pirates" auf ihrer Homepage: "Nach dem Abriss der Albin-Göhring-Halle ab Sommer werden die Ligaspiele für drei Jahre in der Hochtaunushalle ausgetragen. Rund 600 Fans finden dort Platz." Den letzten zwei Jahre seien finanziell kein Zuckerschlecken, erhebliche Löcher zu stopfen gewesen, heißt es weiter. "Das war nur durch privates Engagement, ein Darlehen des Vereins und den vorübergehenden Verzicht der Mannschaft auf Aufwandsentschädigungen möglich." Wegen der Corona-Krise rechne man beim Sponsoring mit Einbußen und habe Maßnahmen entwickelt, "die uns künftig über Wasser halten können". Angedacht sind symbolische "Spielerinnen-Patenschaften" gegen einen drei- bis vierstelligen finanziellen Obolus. Erfreulich sei, dass sich schon Unterstützer für je eine Patenschaft bereit erklärt hätten. Crowdfunding, Einnahmen über vermehrte Dauerkartenverkäufe und aktives Zuschauermarketing seien angedacht. "Wir sind sicher, dass hier noch unausgeschöpfte Potenziale liegen." (rem)

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