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TSG Oberursel: Wenn ein Sieger-Selfie zur Tradition wird

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Von: Thorsten Remsperger

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Mehr als nur Kabinengeflüster: Torwart Ian Michelson (vorne rechts) macht nach dem Hinspielerfolg der TSG Oberursel bei der TSG Münster II ein Sieger-Selfie des Teams.
Mehr als nur Kabinengeflüster: Torwart Ian Michelson (vorne rechts) macht nach dem Hinspielerfolg der TSG Oberursel bei der TSG Münster II ein Sieger-Selfie des Teams. © privat

Zu gerne würden sich die Handballer der TSG Oberursel nach dem Spitzenspiel gegen die TSG Münster II am Sonntag wieder jubelnd ablichten. Die gute Stimmung in der Kabine ist nur ein Grund für die Erfolgsstory des Bezirksoberligisten in dieser Saison.

Oberursel -Als Angela Merkel nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro die Kabine der Nationalmannschaft betrat und dies auch noch der Weltöffentlichkeit bildlich dokumentiert wurde, war die letzte Bastion im Sport endgültig gefallen: die Kabine. Weltmeister zeigten viel Haut, die Kanzlerin in gewohnt souveräner Manier "die Raute", glücklich waren alle.

Siebeneinhalb Jahre später sind mannschaftsinterne Momente, die sich nun einmal vor allem in einer Umkleidekabine abspielen, längst salonfähig geworden. Zumindest sollen sich die Fans so fühlen, als seien sie ihren Lieblingen ganz nah. In Doku-Serien über Borussia Dortmund ("Inside Borussia Dortmund") oder den FC Bayern München ("Behind The Legend") auf Amazon Prime beispielsweise dürfen die Anhänger Mäuschen spielen, wenn Thomas Müller Sprüche kloppt oder Jerome Boateng wegen seiner Vorliebe für Schmuck auf den Arm genommen wird. Das lässt sie nämlich möglichst authentisch rüberkommen. Mindestens sympathisch. Und Sympathie bindet Kunden. Business as usual. So gesehen sind die Kabinen-Selfies der TSG Oberursel die Übertragung von Euphorie in Reinform. Ohne große Hintergedanken. Zumindest war das am Anfang so, als der bärtige Torwart Ian Michelson, mit 35 Jahren der "Veteran" unter den Bezirksoberliga-Handballern, seine Teamkollegen in der Kabine zum Gruppenfoto bat. Einmal jubeln bitte, abgedrückt, auf Instagram gepostet. Die gute Nachricht poppte bei rund 600 Followern des Teams auf dem Handy auf, die sich so direkt mitfreuen konnten, wenn sie das denn wollten.

Das Prozedere wiederholte sich. Woche für Woche. "Inzwischen ist das ja schon eine kleine Tradition geworden", lächelt Michelson. Denn von ihren zehn Spielen haben die TSG-Handballer alle zehn gewonnen. Öfters gesellen sich auch Trainer Mario Ljubic, Betreuer Bernhard Schmidt und Mannschaftsarzt Dr. Gerhard Ferdinand zum Sieger-Selfie dazu.

Meistens hat die TSGO bisher hoch gewonnen

Der Jubel auf dem Foto fällt stets euphorisch aus, auch wenn die Spiele immer mehr zur klaren Sache für die Orscheler wurden. Zunächst gewann die Mannschaft gegen die TSG Ober-Eschbach und die HSG Neuenhain/Altenhain nur mit einem Tor Differenz, doch in den folgenden Spielen lag die TSGO am Ende mit neun, mit elf, mit acht, mit neun, mit 28 (gegen die bemitleidenswerte HSG Sindlingen/Zeilsheim) und wieder mit neun Toren vorne. Es sei denn, die Gegner traten nicht an, was zweimal der Fall war.

"Bisher läuft's herausragend", sagt Ian Michelson, der mit Kilian Witzel das Torhüter-Duo des Tabellenführers bildet, vor dem Spitzenspiel gegen den einzigen Verfolger TSG Münster II (Sonntag, 18 Uhr, Hochtaunushalle Bad Homburg - es gilt die 2G+-Regel). Im Schnitt gerade mal 19 Mal pro Partie mussten die beiden hinter sich greifen - Liga-Spitzenwert. Mehr Tore pro Spiel als die TSGO (33) hat nur die Münsterer Oberliga-Reserve erzielt (35). Als die Oberurseler im Hinspiel vor rund zwei Monaten nach anfänglichem Rückstand dem härtesten Konkurrenten mit 33:25 die Grenzen aufzeigten, wurde auf dem Spielfeld - und freilich fürs Kabinen-Selfie - besonders dolle gejubelt.

Yannik Scheich ist der Torjäger Nummer eins

"Das war der Gradmesser", meint Michelson, "wir wollten vorne mitspielen und die Aufstiegsrunde der besten drei pro Gruppe erreichen." Jetzt würde das Team aber schon gerne ganz oben bleiben und in die Landesliga Mitte aufsteigen. Dieser gehörte der Verein bei den Männern letztmalig 2019 an. Aus dieser Zeit sind nur noch wenige Akteure wie Tobias Hentschel, Martin Walz und Luca Gogolin dabei.

Talente aus dem eigenen Nachwuchs oder der Reserve haben in der "Ersten" für frischen Wind gesorgt - ein "cooles Setup", wie Michelson es formuliert. Tempogegenstoßspezialist Yanik Scheich führt mit 62 Treffern aus acht Spielen die Torschützenliste der BOL-Gruppe an. Von der Siebenmeterlinie hat er von 27 Versuchen 25 im Tor untergebracht. Ein herausragender Wert.

Mit Disziplin und Teamgeist durch die Corona-Zeit

Doch gute Jugendarbeit und individuelle Stärke machen nicht allein den Erfolg der Oberurseler aus. Die Disziplin im Umgang mit der besonderen Situation spielt eine große Rolle. Die Spieler testen sich vor jedem Training aktuell, führten die 2G+-Regel schon ein, als sie noch nicht verpflichtend war. Wenn ein Spieler als Kontaktperson ein Infektionsrisiko darstellte, blieb er lieber daheim. So kam's innerhalb der Mannschaft bisher nur zu wenigen Covid-19-Fällen (mit durchweg milden Verläufen). Das Team blieb im Rhythmus, musste kein Training oder gar Spiel absagen. "Wir haben seit Saisonbeginn eine gute Beteiligung, und alle ziehen gut mit", lobt Michelson, der wie die allermeisten seiner Mitspieler bei der TSGO einst das Handballspielen auch erlernte.

Was aber auch nicht unterschätzt werden sollte, sind die Zusammenkünfte in der Kabine. Nach dem Training, nach dem Spiel. "Noch mit einem Kaltgetränk ein wenig zu quatschen", das sorge für ein gutes Verhältnis unter den Spielern. Und es sei stimmungsförderlich gerade in dieser schwierigen Corona-Zeit, sagt Ian Michelson, der bärtige Keeper. Am Sonntagabend würde er gerne wieder zum Selfie bitten.

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