Im Tunnel Titelchance gewahrt

Fast 500 Zuschauer mussten am Samstag ihr Kommen zum Tischtennis-Hit in der 3. Liga nicht bereuen. Hinterher durfte sich der TTC Ober-Erlenbach als moralischer Sieger fühlen.

Von Konstantin Piotrowski

Wer in diesen Tagen sein Herzinfarktrisiko verringern will, sollte die Bundesligaspiele des TTC Ober-Erlenbach möglichst meiden. Denn was die Mannschaft der Rekordkulisse in der Sporthalle im Wingert-Park anbot, war an Spannung nicht mehr zu überbieten. Nicht nur, dass man schon vor der Begegnung gegen den SV Brackwede beim Einlauf der Spieler Gänsehaut bekam. Nein, in dem Spiel an sich ging es um nicht weniger als den Ertrag einer ganzen Saison. Am Ende stand in der 3. Tischtennis-Bundesliga Nord ein 5:5 als Endergebnis fest. Die punktgleichen Teams bleiben damit beide im Rennen um den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Nervenstärke und Souveränität bewiesen am Samstagabend zwei Spieler, die beim TTC sonst nicht so im Rampenlicht stehen. Die an Position drei und vier spielenden Julian Mohr und Jens Schabacker gewannen für ihr Team jeweils beide Einzelpartien, Schabacker krönte seinen perfekten Abend sogar noch mit einem anfänglichen Doppelgewinn. Zunächst sah jedoch alles nach einem gewöhnlichen Abend aus. Spitzenspieler Thomas Keinath gewann sein Doppel mit Jens Schabacker ungefährdet 3:0 gegen Yang Lei/Christian Reichelt, während Dominik Scheja/Julian Mohr sich knapp mit 2:3 gegen Frantisek Placek/Stefan Höppner geschlagen geben mussten.

Doch dann folgte in Keinaths Einzel der Triumphzug des Yang Lei, der den TTC-Altmeister mit 3:0 abzog und ihn sogar beim Retournieren seiner Angabe vor fast unlösbare Aufgaben stellte. Als Dominik Scheja gegen Frantisek Placek ebenso schnell mit 0:3 unterlag, stand es mit einem Mal 3:1 für Brackwede. Jeder der 478 Zuschauer (neuer Saisonrekord) wusste: In den nächsten beiden Einzeln geht es um alles.

Wenn sich aber die Heimfans auf zwei am Samstagabend verlassen konnten, waren das Schabacker und Mohr. „Das war eine wahnsinnige Kulisse. Ich habe versucht, mich nur auf den Tisch zu fokussieren, mich immer wieder bewusst beruhigt und runtergefahren, das hat gut geklappt“, so Schabacker nach dem Spiel. Nervenstark sicherten sich beide ihr Einzel im fünften Satz mit 3:2 und bescherten ihrer Mannschaft damit den Ausgleich nach Spielen.

Zeit zum Durchatmen war aber nicht. Scheja hatte auch in seinem zweiten Einzel gegen den in Topform spielenden Yang Lei keine Chance. 0:3 hieß es am Ende trotz großen Kampfgeistes in den Sätzen eins und zwei.

Zeitgleich hatte auch der sonst so sichere Thomas Keinath gegen Frantisek Placek zu kämpfen und gab überraschend auch sein zweites Einzel mit 2:3 ab. „Ich war leider total verkrampft. Trotzdem hat mir das Match Kraft gegeben, weil ich weiß, dass ich mich auf meine Mannschaft verlassen kann, wenn es bei mir mal nicht läuft“, so Keinath.

Da war sie nun, die Situation die sich wohl keiner gewünscht hatte: eine 5:3-Führung für Brackwede. Noch ein Spiel verlieren und der direkte Aufstieg wäre wohl in weite Ferne gerückt. Zuerst war dann Schabacker gegen Stefan Höppner dran, kurze Zeit später begann auch das finale Einzel von Julian Mohr. Schabacker, am Samstag die Ruhe selbst, holte ein souveränes 3:0. Drüben stand es 2:2. Jeden Punkt von Mohr feierten die Fans des TTC jenseits irgendwelcher Dezibelgrenzen. Dann hieß es im fünften Satz 10:11 gegen Mohr. Erster Matchball für Brackwede. Totenstille. Abgewehrt. Punkt für Mohr. Jetzt hielt es keinen mehr auf seinem Platz. Punkt für Mohr, 5:5, das Spiel ist aus – Aufstiegschancen gewahrt.

„In solch einem Moment bist du komplett im Tunnelblick und nimmst nur noch die allerwichtigsten Dinge wahr. Als ich dann für mich realisiert habe, dass ich gewonnen habe, ist einfach alles an Emotionen aus mir rausgekommen“, fasste Mohr anschließend die Geschehnisse sichtlich euphorisiert zusammen.

Zum umfangreichen Samstagsprogramm, das die Gastgeber ganz im Zeichen des „Tages der Inklusion“ gestaltet hatten (wir berichteten), gehörten auch beeindruckende Tischtennis-Partien zwischen Hartmut Freund, dem deutschen Meister der geistig Behinderten, und Wolgang Himmer, dem Deutschlandpokalsieger der Rollstuhlspieler.

TTC Ober-Erlenbach – SV Brackwede 5:5 (19:21 Sätze), Keinath/Schabacker – Lei/Reichelt 3:0, Scheja/Mohr – Placek/Höppner 2:3, Keinath – Lei 0:3, Scheja – Placek 0:3, Mohr – Reichelt 3:2, Schabacker – Höppner 3:2, Keinath – Placek 2:3, Scheja – Lei 0:3, Mohr – Höppner 3:2, Schabacker – Reichelt 3:0.

TABELLE

3. Bundesliga Nord

TTC Ober-Erlenbach - SV Brackwede 5:5

Füchse Berlin - Hertha BSC Berlin 1:6

TuS Xanten - SV Siek 6:4

1. TTC Ober-Erlenbach 7 5 1 1 39:19 11:3

2. SV Brackwede 7 4 3 0 39:31 11:3

3. Hertha BSC Berlin 7 4 0 3 33:27 8:6

4. SV Siek 7 3 1 3 33:28 7:7

5. TuS Xanten 7 1 3 3 26:37 5:9

6. TTC Seligenstadt 6 1 2 3 23:31 4:8

7. Füchse Berlin 7 0 2 5 20:40 2:12

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