Möchte mit seinen Turnern immer möglichst hoch hinaus: Trainer Ralf Schwabe (links) gibt Hessenmeister Julian Rettig eine Hilfestellung vor einer Übung an den Ringen. Foto: gerhard Strohmann
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Möchte mit seinen Turnern immer möglichst hoch hinaus: Trainer Ralf Schwabe (links) gibt Hessenmeister Julian Rettig eine Hilfestellung vor einer Übung an den Ringen.

Kunstturnen, Frankfurt/Hochtaunus

Wie Berufstrainer Ralf Schwabe mit den Folgen der Corona-Krise umgeht

  • Thorsten Remsperger
    vonThorsten Remsperger
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Ralf Schwabe war im Winter von der SGK Bad Homburg zum TV Kalbach gewechselt - und die meisten Talente sind ihm gefolgt. Neu justieren mussten sich Trainer und Turner seitdem mehrmals.

Frankfurt/Hochtaunus -2020 ist für jeden Menschen ein besonderes Jahr, da ist schon jetzt viel zusammengekommen. Auf Turntrainer Ralf Schwabe prasselte schon ab Dezember vergangenen Jahres einiges ein, durch die Corona-Krise ab März natürlich noch viel mehr. Gehört er doch einer der Berufsgruppen an, die ihrer eigentlichen Arbeit gar nicht mehr nachgehen durften.

Doch schon jetzt scheint sich für ihn alles erneut zusammenzufügen, aber diesmal zum Guten. Das verblüfft sogar Schwabe, der von Beruf Lehrwart für Leistungsturnen - und zudem ein Berufsoptimist ist.

"Wir trainieren schon wieder in der Halle", vermeldet der 59-Jährige. Er verkündet es mehr, als dass er es sagt. So freut sich einer gegenwärtig über diesen einstmals banalen Fakt, der für seinen früheren Verein SGK Bad Homburg pro Woche bis zu einundzwanzigeinhalb Stunden in der Halle stand. Doch mit dem Zerwürfnis zwischen den Kirdorfer Verantwortlichen und dem Thüringer Trainer der "alten Schule" nach elf erfolgreichen Jahren begann für Schwabe - wenn man so will - eine Leidenszeit. Er selbst würde das nicht so bezeichnen.

Schwabe verwies während der angespannten Situation als Freiberufler - "keine Leistung, kein Geld" - vor wenigen Wochen lieber auf seine "innere Zufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit und deren äußerer Akzeptanz".

Jene äußere Akzeptanz hatte Schwabe überdeutlich in der Vorweihnachtszeit vor Augen geführt bekommen, als einige Eltern seiner Turnkinder, von denen es nicht wenige in die hessische und manche sogar in die deutsche Spitze geschafft haben, gegen seinen Rausschmiss rebellierten. Doch der SGK-Vorstand blieb bei seiner Entscheidung, nachdem sich der manchmal sehr eigenwillige, aber immer geradlinige Trainer mit Vereinsvertretern und der Leitung der Gesamtschule am Gluckenstein überworfen hatte.

An der Nutzung der neuen Turnhalle hatte sich ein Streit entzündet. Aufgrund unglücklicher Umstände wurden die Kinder sogar unfreiwillige Zeugen einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Schulleitung und Schwabe. Sie blieben aber nicht lange die Gelackmeierten. Denn nach der Kündigung beratschlagte ihr Trainer mit den Eltern, wie der gemeinsame Weg weitergeführt werden könnte.

Man fand mit dem TV Kalbach schnell einen neuen, "äußerst kompetenten Partner", wie es Schwabe formuliert. Während der Flüchtlingskrise hatte er einst zu dem Verein aus dem Frankfurter Norden, der ebenfalls dem Turngau Feldberg angehört, Kontakte geknüpft, als die Kalbacher in die Kirdorfer Halle ausweichen mussten. Es bestehen sogar familiäre Verbindungen zwischen beiden Vereinen. Für den Wechsel von Trainern und rund 20 Turnern, viele davon aus dem Taunus, spielten diese aber offenbar keine Rolle. Nur wenige Talente blieben bei der SGK. Fast alle sind Schwabe gefolgt.

Im Februar ließ Schwabe die Talente, die von vier bis 15 Jahre alt sind, in neuer Umgebung wieder an die Geräte gehen. Eine Sperrfrist wegen des Vereinswechsels hätte das Mitwirken an Wettkämpfen zunächst verhindert. Was sich im März durch Corona erübrigte. Das war aber auch schon der einzige Vorteil, den diese verrückte Zeit für die Trainingsgruppen und ihren Trainern mit sich brachte.

Staatshilfen habe er nicht beansprucht. "Sie sollen denjenigen zukommen, die sie dringend benötigen, weil ihre Existenz gefährdet ist. Lieber würde ich Robin Hood spielen und es denen abjagen, die sich unberechtigt dieses ,geschenkte' Geld erschleichen", kommentiert Schwabe auf Nachfrage. Überdies habe der Mann, der auch für die TGS Vorwärts Frankfurt Übungseinheiten leitet und gerne von Sportverbänden als Referent gebucht wird, selten so viel zu tun gehabt. Im Home-Office, ohne Training. Dafür bekam Schwabe kein Geld, das hätte er nicht tun müssen. Aufgrund gelebter Akribie kann er aber nicht anders. Er habe das Training neu periodisieren, Konzepte fürs Heimtraining entwerfen müssen, erzählt Schwabe. Verschickte Videos fürs Aufwärmprogramm, legte in der Cloud zahlreiche Dokumente mit Skizzen und Schaubildern zum Download ab.

Jede Einheit war minutiös geplant. Wohlgemerkt für Kinder, von denen sich einige noch im Kindergarten- und Grundschulalter befinden. Kinder, die Übungen, wenn der Trainer nicht dabei ist, natürlich nicht eins zu eins umsetzen werden und können.

So strikt, wie er im Training vorgehen kann, wirkt Schwabe auch aus der Distanz. Für den Erfolg, für die Leidenschaft am Turnen. Das ist nicht jedermanns Sache. Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder deshalb aus dem Training genommen haben. Zu viel Drill. Andere sind dagegen Feuer und Flamme. Wie die meisten der 28 Kinder samt Eltern in den neuen Trainingsgruppen des TV Kalbach.

Es habe kaum jemand, wie von ihm gefordert, sein Training dokumentiert, erzählt Ralf Schwabe lächelnd, nachdem er die Kinder wieder in der Halle empfangen durfte. Sei's drum. Jetzt wird ja wieder vernünftig trainiert. Natürlich nach Corona-Standards. Für die Ausdauer wird mit Seilspringen und Läufen etwas getan. Und es werden bereits erlernte Turntechniken verfeinert, wo er als Trainer auf Abstand keine Hilfestellungen leisten muss.

In drei Wochen möchte der Lehrwart der "alten Schule" die Grundfitness seiner Schützlinge wiederhergestellt haben. Um wahrscheinlich in den Sommerferien wieder einen Teil davon zu verlieren, meint Schwabe, wieder lächelnd. Macht nichts, denn es wird der erste Auftritt, die erste Prüfung, kommen. Nach Corona, für den neuen Verein. "Und wenn wir einen Wettkampf zur Schau machen", sagt Schwabe, "in einem Krankenhaus oder im Supermarkt. Dort, wo die Menschen viel leisten."

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