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Das erste Werbeplakat für den späteren „Allianz U15-Cup gegen Rassismus“ in Oberursel.

Fußball

Lob aus ganz Europa über U15-Cup folgt Enttäuschung über 15-Punkte-Abzug

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Mit dem „Allianz U15-Cup gegen Rassismus“ stellten Väter von Jugendfußballern in Oberursel ein internationales Turnier auf die Beine, das es so im Hochtaunus noch nicht gegeben hat. Sie machten aber auch Fehler, die jetzt zulasten der Jugendfußballer gehen, denen sie eigentlich eine Freude bereiten wollten. Was bleibt ist Wut und Enttäuschung – über sich selbst, aber auch über den Fußballverband.

Es muss für die jungen Fußballer von Eintracht Oberursel wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gewesen sein, als sie das erleben durften. Am 11. und 12. August liefen beim „Allianz U15-Cup gegen Rassismus“ zahlreiche Nachwuchsmannschaften europäischer Top-Clubs in der Brunnenstadt auf. FC Chelsea, Glasgow Rangers, Schalke 04, RB Leipzig – um nur ein paar zu nennen. Die C-Jugend der Eintracht traf dabei zum Beispiel auf den späteren Turniersieger FC Porto und Bayern München – ein einmaliges Erlebnis, von dem sie später einmal ihren Kindern erzählen können.

Mehrere Väter von C-Jugendlichen hatten gemeinsam mit Freunden das Mega-Turnier auf die Beine gestellt, das genau diesen Zweck erfüllen sollte – und aus dem aufgrund der großen Wirkungskraft und des positiven Feedbacks noch viel mehr wurde, als sich die Initiatoren erträumten. Aus der Erfüllung dieses Traumes ist jedoch gut vier Monate später ein kleiner Alptraum geworden. Für die Organisatoren. Vor allem aber für die jungen Oberurseler Kicker.

Der Grund: Vom Fußball-Verband festgeschriebene Regularien wurden seitens des Ausrichters nicht eingehalten. Das hat zur Folge, dass die C-Jugend von Eintracht Oberursel zu Beginn dieser Woche nach einem Urteil des Regionalsportgerichtes die ersten acht Pflichtspiele in der Gruppenliga Frankfurt als verloren gewertet bekommen hat. Damit ist der einstige Tabellenfünfte auf den drittletzten Rang, einen Abstiegsplatz, zurückgefallen und hat nur noch sieben Punkte auf dem Konto.

„Als wir das am Montagabend der Mannschaft mitteilten, haben wir in 20 fassungslose Gesichter geschaut“, erzählt Stephan Haida, Organisationschef des U15-Cups, dessen Einnahmen zum Teil an einen Verein gegangen waren, der Flüchtlinge unterstützt. „Wir wollten doch etwas Gutes tun, und dann ist so etwas dabei herausgekommen.“

Haida klingt sehr enttäuscht, aber auch einsichtig, wenn er das sagt. Denn dass Fehler begangen wurden, bestreitet niemand seitens der Organisatoren und auch nicht seitens Eintracht Oberursel. Doch dafür, wie der Verband dies bewertet hat, fehlt das Verständnis. „Da ist mit Kanonen auf Spatzen geschossen worden“, sagt Ralf Kissau, Pressesprecher des Orga-Teams.

Was war passiert? Zwei C-Jugendspieler von Eintracht Oberursel hatten im Trostrundenspiel gegen Eintracht Trier die Rote Karte gesehen. Der eine wegen Meckerns, der andere wegen Nachtretens. Daraufhin hatte Trainer Tobias Müller die beiden Akteure beim U15-Cup nicht mehr eingesetzt. So weit, so gut. Als jedoch im September die Gruppenliga-Punktrunde begann, wirkten die beiden Rot-Sünder wieder mit. Damit beachtete Eintracht Oberursel die sogenannte „automatische Vorsperre“ nicht, die Platzverweise für Pflichtspiele nach sich ziehen, auch wenn sie bei Vorbereitungsturnieren passiert sind. Der Verein ging davon aus, diese Regel käme beim U15-Cup, für den extra eigene Turnierbestimmungen verfasst worden waren, nicht zum Tragen.

Unwissend, nicht boshaft

Was die ganze Sache für die Eintracht zum Fiasko werden ließ: Das Vergehen war den Verantwortlichen einerseits nicht bewusst. Das beteuern sie. „Wir haben einen Fehler gemacht, aber nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unwissenheit“, sagt Stephan Haida. Dieser Fehler fiel aber wochenlang nicht auf, weil die Organisatoren es versäumt hatten, die Spielberichtsbögen an den Fußball-Verband weiterzuleiten, wie es sonst nach Turnieren üblich ist. Das heißt, die eigentlich gesperrten Spieler kamen insgesamt acht Mal zum Einsatz.

 Kurioserweise wurde die Regelwidrigkeit bekannt, weil der FC Chelsea beim europäischen Fußballverband eine Beschwerde einreichte. Ausgerechnet beim U15-Cup gegen Rassismus sei es zu Beleidigungen durch eine gegnerische Mannschaft (Roter Stern Belgrad) gekommen, schrieben die Engländer. Die Uefa wollte der Sache nachgehen, wendete sich an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dieser an den Hessischen Fußball-Verband (HFV). . .

Hans Götz ist beim HFV der Jugendbeauftragte für die Region Frankfurt. Der Verbandsvertreter aus Birstein ist schon lange im Geschäft, rund 25 Jahre, und sagt, er habe einen solchen Fall noch nicht erlebt. Dass die Oberurseler Gegner nachträglich die Punkte erhielten – 15 Zähler hatte die Eintracht vom 16. August bis 24. September geholt – sei nicht im Sinne des Verbandes und werfe alles durcheinander. „Den Kindern sollte unbedingt klar gemacht werden, dass sie nicht die Schuldigen sind. Hoffentlich schafft Oberursel am Ende den Klassenerhalt“, sagt er.

Hans Götz sagt aber auch: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.“ Er wundere sich darüber, dass die Organisatoren einerseits eine solch große Veranstaltung auf die Beine stellten, sich aber nicht an satzungskonforme Dinge hielten. „In einem Gespräch mit uns hätte man vorab alles klären können“, sagt Götz.

Irritation über Absprachen

Gespräche beziehungsweise ein ausführlicher Schriftverkehr zwischen Organisatoren und Fußballverband hatte es vor dem Turnier allerdings gegeben. Dabei war es vor allem um eine Sonderregelung für die Mannschaft der Frankfurt International School gegangen. Die stellte ihr Sportgelände in Oberursel zur Verfügung, wollte in ihrem Team aber auch ältere Schüler mitspielen lassen. Im Zuge dieses E-Mail-Schriftverkehrs zwischen Jugendtrainer Tobias Müller und Kreisjugendwart Dieter Rothenbücher (Steinbach) – er liegt dieser Zeitung vor – waren auch am 21. Juni die geänderten Turnierbestimmungen übermittelt worden.

Darin heißt es in Punkt 1: „Das Turnier wird nach den Bestimmungen des HFV durchgeführt.“ Und in Punkt 9: „Strafen, die während des Turniers durch den Schiedsrichter ausgesprochen werden, gelten ausschließlich für dieses Turnier.“ Einen solchen Passus hatten sich die Top-Clubs gewünscht. Er wurde bei anderen Turnieren auch schon angewendet.

Einzelrichter Rainer Lach (Darmstadt) vom Regionalsportgericht urteilte am 18. Oktober und schrieb in seiner Begründung sinngemäß, dass Punkt 9 durch Punkt 1 obsolet wird (siehe auch Extra-Text). Über diese Tatsache, sagt Tobias Müller nun, seien weder er noch der Verein aufgeklärt worden.

Dieter Rothenbücher sagt auf Nachfrage dieser Zeitung, dass er in dieser Sache der falsche Ansprechpartner sei. Er befürworte Turniere nur, die Genehmigung erteilten dann die Kollegen in Grünberg. Er wollte demnach auch nicht bestätigen oder dementieren, dass beziehungsweise über was er sich mit Eintracht Oberursel vorab ausgetauscht hatte. Was er offiziell sagte, ist: „Es ist schade für die Jungs, die dafür nichts können.“

Dass die Aberkennung von 15 Punkten für die C-Jugend von Eintracht Oberursel erst in der Woche vor Weihnachten in Kraft trat, liegt an einem Einspruch des Vereins, der nach einer Prüfung durch einen Rechtsanwalt letzten Endes aber wieder zurückgezogen wurde.

Was bei den Organisatoren des U15-Cups, den im Verlauf der beiden Tage rund 2000 Zuschauer auf zwei Sportanlagen verfolgten, bleibt, „ist Wut, Trauer und Enttäuschung“ (Orga-Sprecher Ralf Kissau). Diese Gefühlslage hat mit den eigenen Unzulänglichkeiten zu tun. Sie hat aber vor allem damit zu tun, dass der Verband nicht bereit war, einen Kompromiss einzugehen. Zumindest ein geringeres Strafmaß hätten sich die Turnierorganisatoren gewünscht.

Haida und Kissau berichten, dass von vielen europäischen Top-Clubs bereits Anfragen für nächstes Jahr vorlägen. Auch von welchen, die im August gar nicht mitspielten. Wichtige Sponsoren und die Stadt hätten ebenfalls signalisiert, sich wieder engagieren zu wollen. „Der U15-Cup sollte im besten Fall eine Turnierserie werden, die Oberursel deutschlandweit ein positives Image einbringt“, sagt Kissau. Nach dem Sportgerichtsurteil, sagt Haida, sähe es aber eher danach aus, als ob man das Turnier nicht mehr durchführe. „So wird jedes private Engagement zerstört, die Stimmung ist bei uns im Keller“, sagt der Unternehmer aus Oberursel.

Das Engagement für das Turnier in Ehren – dies habe aber nichts mit dem Urteil des Sportgerichts zu tun, sagt Hans Götz vom HFV.

Happy End in Tottenham?

Und was ist mit der C-Jugend? „Wir haben uns in aller Form entschuldigt und den Jungs gesagt: Wenn die Mannschaft den Klassenerhalt schafft, fliegen wir mir ihr für ein Wochenende an die Academy von Tottenham Hotspur. Der englische Premiere-League-Club hatte den Oberurseler Nachwuchs wegen eines Malheurs eingeladen, für das weder Ausrichter noch Verband etwas konnten. Die Spurs wollten am U15-Cup teilnehmen. Ihr Flug nach Frankfurt fiel jedoch aus.

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