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Nachdenkliche Gesichter in der Auszeit: Die „Pirates“ mit Franziska Chmurski (Bildmitte) und Neuzugang Ketia Kunelashvili (rechts).

Handball, Hochtaunus

Warum der TSG Ober-Eschbach in der 3. Liga der Saisonstart völlig missglückt ist

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12 erzielte Tore in 60 Minuten. Einer der positiven Aspekte für Drittligist TSG Ober-Eschbach nach dem Spiel gegen den HV Chemnitz lautet: Im Angriff kann es nur besser werden.

Wenn es im Handballsport um individuelle Klasse geht, dann fällt immer wieder ein Zauberwort: Entscheidungsverhalten. Gemeint ist damit, ob ein Spieler oder eine Spielerin während einer Angriffsaktion in Bruchteilen einer Sekunde die richtige Lösung auswählt. Vereinfacht formuliert: Passe ich den Ball weiter – und wenn ja, zu wem – oder werfe ich ihn aufs Tor?

Sehr hilfreich für ein gutes Entscheidungsverhalten sind bekannte Laufwege. Wenn die Angriffskonzepte sitzen, kann der Ball im besten Fall „blind“ zum Mitspieler oder der Mitspielerin gepasst werden. TSG Ober-Eschbachs Drittliga-Handballerinnen sind aber alles andere als eingespielt. Hinzu kam, dass mehrere Neulinge im umgekrempelten Kader bei ihrem Einsatz vor allem zeigen wollten, was in ihnen steckt und nicht für die Nebenleute spielten.

Die falschen Entscheidungen

Wer im Ober-Eschbacher Rückraum am Samstagabend gegen den HV Chemnitz zum Sprungwurf ansetzte, suchte zu 99 Prozent den Abschluss und sah nicht die besser postierte Mitspielerin. Darauf konnte sich der aufmerksame, aber keineswegs übermächtige Gegner leicht einstellen, blockte viele Bälle, oder sie wurden zur sicheren Beute der starken Torfrau Sabrina König.

Weil es den „Pirates“ fast nie gelang, klare Torchancen herauszuspielen – Stichwort: fehlende Eingespieltheit – und die Spielerinnen sich ständig entscheiden mussten, erlitten sie Schiffbruch. Die Niederlage am Kerbewochenende fiel krachend aus und erinnerte an ein Ergebnis aus den 80er Jahren, der ersten Glanzzeit des Damenhandballs bei der TSG – 12:19.

Woran die Schlappe gegen den Mitkonkurrenten im zurückliegenden Abstiegskampf keinesfalls gelegen hatte, war der Einsatzwille. „Jede Spielerin wollte zeigen, wie gut sie ist“, resümierte Christian Grzelakowski, „manche hat dadurch überdreht.“ Der neue Trainer der „Pirates“ wohnte als einer von 200 Zuschauern in der Albin-Göhring-Halle dem Spiel bei. Weil er noch unter den Nachwirkungen einer Knieoperation leidet, musste er das Coaching seinem Assistenten Hakim Mirkamali überlassen. Grzelakowski verfolgte mit Manager Christoph Pohl, auf einer Weichbodenmatte sitzend, hinter der Auswechselbank das Geschehen.

„Man muss die Umstände sehen“

Dass seine Mannschaft noch wachsen müsse, darauf hatte der 37-Jährige schon vor dem Saisonauftakt verwiesen. „Man muss die Umstände sehen“, sagte Grzelakowski dann als Erstes nach dem 12:19. Die Schlappe hatte sich zur Pause schon abgezeichnet (5:9) und die Pirates waren nur bis auf 10:12 herangekommen (40.), ehe sich Chemitz wieder absetzte.

Aber zurück zu den Umständen: Die junge Ungarin Dzsenifer Laza habe beispielsweise lange nicht gewusst, ob sie überhaupt spielen darf, ehe am Donnerstag die Freigabe durch den Internationalen Handball-Verband eintrudelte. Wie bei mehreren Neuzugängen sei es nicht nur das erste Spiel gewesen, betonte Grzelakowski, sondern auch „ein neues Team, ein neues Land“. Am ehesten deutete Ketia Kunelashvili ihr Potenzial an. Die 20-jährige Georgierin ist eine variable Shooterin, die gleich nach ihrer Einwechslung in der 15. Minute für Betrieb sorgte. Allerdings fehlte ihr auch die Bindung zum Spiel, auch sie traf einige falsche Entscheidungen. Das taten übrigens auch die arrivierten Spielerinnen wie Franziska Chmurski und Andrea Mertens.

„Wir haben im Angriff zu wenige Lösungen gefunden und es nicht auf den Punkt zu Ende gespielt“, analysierte Mirkamali. Der Coach, der ebenfalls nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen hatte, wollte aber viel lieber das „Positive herausziehen. In der Abwehr hat es schon super funktioniert, nur 19 Gegentore sprechen für uns“, lobte er. Celine Gehrke überzeugte in der Deckung nach langer Verletzungspause, auch Yvonne Petek, derzeit die einzige Torfrau der „Pirates“, spielte gut. Das Ergebnis dürfe man einfach nicht überbewerten, sagte Mirkamali und blieb bei guter Laune. „In drei, vier Wochen sieht das schon ganz anders aus.“

Weitere Transfers geplant

Vielleicht sieht die Mannschaft bald auch anders aus. Auf dem Transfermarkt schaut sich der Verein noch nach Verstärkungen für das Tor, den Rückraum und die Rechtsaußenposition um. Das ginge nur noch auf dem europäischen Markt, sagt Grzelakowski. Schon während der Saisonplanung sei man zum Blick aufs europäische Ausland quasi gezwungen gewesen. Durch die Abstiegsrunde und damit verbundene Ungewissheit habe alles erst Monate später als bei den meisten anderen Teams beginnen können. Um einer ähnlichen Situation im Frühjahr zu entgehen, liegt in den nächsten Wochen und Monaten viel Arbeit vor dem Trainerteam und Management der Pirates.

TSG Ober-Eschbach: Yvonne Petek; Andrea Mertens (3), Greta Bucher, Ketia Kunelashvili (je 2), Lisa Lichtlein (2/1), Franziska Chmurski, Angela Petrovska, Rica Wäscher (je 1), Celine Gehrke, Dzsenifer Laza, Lena Rosenberg, Lilla Orban (n. e.).

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